Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1843)
- Article
- Die neue jüdische Reform-Sekte
- Date
- 1843-08-15
- Page
- Seite 262 (sequence 3)
- Language
- German
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262 größere Aufmerksamkeit, als sie freilich ein Schriftsteller so leicht in Anspruch nehmen darf, gewidmet hatte, da ich dieselbe deutlich genug ausgesprochen habe*). Ich weiß recht wohl, daß manche wohlmeinende Männer — und darunter solche, deren Urtheil ich sonst gern beachte — es ungern sehen, wenn ich mich auf solche Weise über religiöse Fragen äußere, weil sie befürchten, ich möchte dadurch in eine falsche Stellung Zu meinen, bürgerlichen Bestrebungen gerathen. Aber diese Befürchtung beruht auf einem Irrthum, dem ich keine Koncession machen kann. Ich habe in der Sache der Juden zu allen Zeiten ein Princip und keine Partei, einen Gedanken des Rechts, der Freiheit und der Duldung, aber keine Glaubensmeinung vertreten, ich würde es daher als eine Versündigung gegen das Princip selbst, das ich vertrete, ansehen müssen, wenn ich meine eigne Freiheit aufgäbe, wenn ich irgend einen Lheil meiner eignen Ansicht einer Rücksicht, welche es auch sei, opferte. Es wurde mich auch nicht einen Augenblick weder in meiner Gemütsruhe stören/ noch in meinem Streben irre machen, wenn mich die Mehrheit — ja die Gesammtheit — meiner Glaubensgenossen verketzerte und in religiöser Hinsicht von sich stieße; ich würde darum der Vertretung ihres unterdrückten Menschenwohls nicht einen Funken weniger Wärme widmen. Eben darum habe ich das Judentum in seiner orthodoxesten und in seiner freiesten Gestalt mit gleichem Eifer gegen Druck und Unrecht in Schutz genommen, weil dieser Eifer von jenen Gestaltungen völlig unabhängig war. Hätte ich im Mindesten befürchten müssen, daß hinter dem fraglichen Reform-Unternehmen eine Emancipations - Spekulation verborgen liege, so würde ich es als einen Verrath an dem Freiheits-Gedanken mit tiefster Verachtung zurückgewiesen haben; die bestimmte Versicherung, daß dem nichr so sei, hat ihm meine Achtung, wenn auch nicht meine Zustimmung gewonnen. Aber wenn ich diese meine persönliche Ansicht über die zur Sprache gebrachten Punkte ossdn ausspreche, so muß ich mich zugleich auf's Bestimmteste gegen den Schein der Anmaßung verwahren, als wenn ich meine Ansicht über diese Dinge für eine'irgend gewichtige, »maßgebende, auf den Gang der Reform-Angelegenheit irgend erheblichen Einfluß übende ansähe. Ich besitze weder die Kmntniß noch die Sinnesart, die dazu erforderlich sind, einen solchen Einfluß zu üben. Ich habe meine theologische Unkunde zu keiner Zeit verborgen und habe nun einmal auch den Eifer für eine Meinung nicht, der dazu gehört, um an der Spitze solcher Bewegungen zu stehen. Auch aus diesem Grunde ist es mir unangenehm, m einer Sache dieser Art meinen Namen mit in die vorderste Reihe gestellt zu sehen, Ln die nur ein lächerlicher Dünkel *) In meiner ersten, der Sache der Rechtsgleichheit der Juden gewidmeten Schrift (über die Stellung der Bekenner des mosaischen Glaubens in Deutschland. Altona 1831. S.21) habe ich unter And. die Weschneidung als eine „leere aber unschuldige Ceremonie, die dem Gewissen Vieler von uns sehr entbehrlich scheint", bezeichnet. mich zu stellen veranlassen könnte. Ich besitze gerade so viel Einsicht in diese Dinge und so viel Eifer , dafür, als dazu gehört, mir eine eigne Meinung zu bilden und sie zu behaupten, aber ich habe keine übrig, um auf Andere damit einzuwirken. Wo ich in der Literatur und im Leben von Streitigkeiten, die das religiöse Gebiet berührten, einen lebhafteren Antheil zu nehmen mich veranlaßt fand, ist es nur geschehen, um Principien des Rechts und der Redlichkeit auch auf diesem Gebiet zu vertheidigen: wo es sich dagegen um bloße Meinungs-Differenzen handelt, habe ich mich immer treu zu der Meinung gehalten, die der meinigen am Nächsten steht, ohne mich je an die Spitze stellen zu wollen. Uebrigens ist die Frage, wie sich das Rechtsprincip zu den vielfachen obwaltenden Differenzen verhalte, auch eine wichtige und verwickelte; ich gehe seit längerer Zeit mit dem Gedanken um, diese Frage ausführlich zu erörtern und hoffe ihn später aus-. zuführen. So viel kann ich mit ziemlicher Sicherheit Voraussagen, daß meine Ansichten hierüber von der Mehrheit aller Parteien werden zurückgewiesen werden, da ich die Anwendung dieses Freiheits-Princips in einem Umfange in Anspruch nehme, wie es nur Wenigen auf jeder Seite genehm sein wird. Aber eben dieses Freiheits-Princip muß ich hier gleich in der zunächst vorliegenden Frage auf's Allerentschiedenste in Anspruch nehmen und somit auf einen Punct kommen, für welchen ich allerdings mit aller Energie, deren ich irgend fähig bin, Partei zn nehmen jeden Augenblick bereit bin. Ich meine den Zwang zur Beschneidung von Seiten der Staatsgewalt, aus welchen man von manchen Seilen zu pochen schonungslos genug ist: einen Zwang, den ich eben so tief verabscheue, wie irgend einen anderen Akt der Gewalt und des Unrechts. Ich will hier nicht davon reden, wie es mit diesem Zwange in Wirklichkeit beschaffen ist; diese Frage wird sich, so wie sie zur Sprache kommt, allmälig durch die That erledigen; die nächsten Lösungen werden wahrscheinlich in den verschiedenen Staaten je nach der größeren oder geringeren Rücksicht, die man auf die persönliche Freiheit zu nehmen gewohnt ist, verschieden ausfallen; des endlichen Sieges der Freiheit bin ich in diesem Punkte, wie in anderen gewiß; auch bin ich überzeugt, daß es sich schon bei den ersten Versuchen in manchen deutschen Ländern zeigen wird, daß man sich gesetzliche Bestimmungen, die nie vorhanden waren, eigebildet hat. Indeffen das wird sich, wie gesagt, finden. Was ich aber für meine Pflicht halte, ist das, die religiöse Meinung, welche für die Beschneidung — und vom Standpunkt ihrer Ueberzeugung aus mit Recht — eifert, zu warnen, daß sie sich vor der Berührung mit der Gewalt in Acht nehme, daß sie die ihr vielleicht hie und da von außen dargebotene, gefährliche Stütze zurückweise, denn sie würde einen in dieser Hinsicht erfochtenen Sieg in der Folge schwer zn bereuen haben. Wenn Ihr die Beschneidung als" einen allgemeinen Gebrauch aufrecht halten wollt, so betet für sie, lehrt für sie; predigt für sie; bedient Euch aller Mittel der Ueberre-