Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1843
- Issue
- 30 (25.7.1843)
- Article
- Briefe über eine Encyklopädie der Wissenschaft des Judenthums
- Date
- 1843-07-25
- Page
- Spalte 469-470 (sequence 3)
- Language
- German
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Hauptrubriken der jüd. Wissenschaft. 470 40 9 einer von beiden stets nur Stückwerk bleiben, Und kann behauptet werden, daß die Bibelkunde schon darum bisher mangelhaft bleiben mußte, weil man das Iudenrhum rmr als ein Abgestorbenes, höchstens in das Christenthum Aufgegangenes betrachtete, aber nicht in seinem eigenen, historischen Verlauf weiter verfolgte, um den Samen „an den Früchten" zu erkennen. Die Methode der Wissenschaft des Iudenthums muß also die historisch-philosophische sein. Diese doppelte, empirische und philosophische Seite der Wissenschaft des Iudenthums erschwert es, den bezeichneten Inhalt systematisch sich in seine Theile erschließen, das allgemeine Thema in einer speciellen Uebersicht sich erschöpfen zu Lassen, und ich bekenne im Voraus, hier namentlich auf Widerspruch gefaßt zu sein * * * * 5). Das Specisische des Iudenthums und der Iudenheit, dessen Kunde die Wissenschaft des Iudenthums begreift, dürfte sich unter folgende Hauprrubriken zusammcnfaffen lassen: l. Religion, n. Kultur. Ui. Literatur. IV. Politik. V. Sprachkunde. Ad. 1. Die Religionswissenschaft oder Theologie (deren Schematisirung in der Einleitung zu Hirsch's: „System der religiösen Anschauung der Juden" als unvollendet nicht beurrheilr werden kann) zerfallen wir in: 1) Religionsphilosophie (Dogmatik mit Inschluß der Kabbala). 2) Lehre von den Religionsgebräuchen und Uebungen (Asketik), wovon eigentlich ein besonderer Theil. 3) Die Liturgik (Tempeldienst, Synagogenritus). 4) Homiletik. der beiderseitigen Urquellen eingegangen, indem die Bibel früher und meist von Christen, die nachbiblische (talmudische u. s. w.) Literatur später nur von Juden behandelt worden. Dieses Schicksal, das natürlich nur von der neuesten Zeit gelten kann, steht mit der äußeren Stellung der Juden in einigem Zusammenhang. Uebrigens ist von Seiten der Juden bisher die Bibel nicht viel weniger behandelt worden, als Talmud, und haben beide hierin das gleiche Schicksal einer einseitigen, auf Autoritäesglauben basirten, unkritischen Behandlung zu beklagen, der erst die neueste Zeit (in der Bibel durch Vorgang christlicher Gelehrten) abzuhelfen versucht. Aber dieser Unterschied bietet keinen wahrhaften, in der Beschaffenheit der Quellen selbst begründeten Gegensatz, der wohl noch merkwürdiger und beachtenswerther sein dürfte, als jener äußerliche; einen solchen hier auszuführen, erlaubt der Raum nicht (vgl. Anm. 14). 5) Gerade, weil wir die bezeichnete Schwierigkeit aus eigener Erfahrung kennen, und weil gegen diese Einteilung wenigstens nicht mehr zu erinnern ist, als gegen jede der andern uns bekannten, wollen wir hier, wo es uns zuerst um Kmntnißnahme und Uebersicht des Stoffes zu thun ist, unsere Bemerkungen an diese Rubricirung anschließen. Daß ein und das andere Fach harr an einander stoßen, ja sogar teilweise einander decken, ist nicht zu vermeiden, jedenfalls aber, um etwa entstehende Nachtheile zu verhindern, eine jede Rubrik nach ihrem Inhalte scharf aufzufassen. Dazu eben sollen unsere Bemerkungen Einiges beitragen^ 5) Rabbinenwesen und Pädagogik. 6) Rechtslehre (im Judentum zur Theologie gehörig). 7) Polemik (Sektenwesen, Verhältniß zu andern Religionen). Jedes dieser Fächer bietet zugleich seine eigene Geschichte6). 6) Das heißt wohl: Jedes dieser-Facher soll historisch behandelt werden, welche Methode schon oben als die allein richtige angegeben worden. Jeder einzelne dogmatische, philosophische rc. Begriff soll, in sofern er dem Judenthum angehört, nach seiner Entstehung, Entwickelung und Ausbildung durchgeflihrt werden; man verlangt bei Darstellung eines Religionsbegriffes nicht die Ansicht des Bearbeiters, auch nicht die Ansicht blos der Gegenwart, sondern wie die literarischen und geschichtlichen Dokumente des Iudenthums einen solchen ergeben. Es bedarf für denjenigen, der einmal an eine Wissenschaft oder eine Geschichte des Iudenthums gedacht, nicht der Andeutung, daß unsere theologischen Zustände nie still gestanden, was auch derjenige eingestehen muß, der die jetzige Fassung der jüdischen Glaubens- und Handlungsnormen für streng verbindlich hält. — In jedem dieser Fächer bleibt es der Besprechung der Redaktion und der Mitarbeiter überwiesen, wie die Masse des in jedem Fache enthaltenen Stoffes in einzelne Momente (Artikel) zu zerfallen fei. Es sind hierbei folgende Punkte zu berücksichtigen: Zuerst muß darauf gesehen werden, daß bei dem nie zu vermeidenden Ineinanderfließen mehrer Unterfächer das einem jeden Eigenthümliche oder näher Zugehörige abzuscheiden sei. So könnte man z. B. die Idee des Sabbat unter 1), die Ausführung, d. h. Veräußerlichung dieser Idee unter 2) suchen; und dies wäre zuletzt bei allen, dem zweiten Unterfach angehörigen Artikeln zu bemerken. Denn keine religiöse Handlung soll eben bloße Handlung, bloße Uebung sein, sondern als der äußere Abdruck einer Idee gelten, und wiederum ist im Iudenthum nie die Idee auf das ideale Gebiet beschränkt geblieben, sondern hat auch auf die Handlungsweise des Juden theils allgemein, theils nach bestimmten Umrissen eingewirkt, wie z.B. Begriffe über Gott- Tradition, messtanische Zukunft, alle sichtbare Spuren ihres Einflusses auf das jüdische Leben gelassen haben. Je nachdem aber das ideale oder das reale Moment in der Fassung und Uebung eines Religionsbegriffes vorherrscht, ist es dem ersten oder zweiten Unterfach zuzuweisen, in zweifelhaften Fällen die Entscheidung der Redaktion zu überlassen. Zweitens ist bei der Zerfällung des'Stoffes in einzelne Artikel, abgesehen von der Scheidung nach den hier bestimmten Unterfächern, die Bestimmung dieser Artikel selbst ein Gegenstand der höchsten Wichtigkeit. Neben der Selbstständigkeit, die ein jeder dogmatische Begriff für sich in Anspruch nimmt, ist auch wieder dessen Zusammenhang mit den andern, insofern er mit ihnen aus einem Allgemeineren herauswächst, ulso seine Koordination mit den Standesgenossen, seine Subordination unter den höheren Begriff zu beachten. Eine Zurückdrängung des ersten Momentes würde der klaren Anschauung dieses Begriffes als eben seiner schaden, eine Vernachläßigung des zweiten, Zusammenhängendes und Zusammengehöriges zum Schaden der Einzelnen und zum Schaden des Ganzen zerreißen oder unnötige Wiederholungen veranlassen. Je mehr die Glieder eines Faches Reales in sich enthalten, desto mehr verringern sich jene Schwierigkeiten, und finden sich z. B. starker bei dem ersten, als bei dem zweiten Untersuch, überhaupt stärker bei dem Hauptfach I. als den übrigen Hauptfächern ein, daher wir uns auch hier 30*