Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1843
- Issue
- 30 (25.7.1843)
- Article
- Briefe über eine Encyklopädie der Wissenschaft des Judenthums
- Date
- 1843-07-25
- Page
- Spalte 467-468 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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467 Briefe über eine Encyklopädie d. Wissenschaft d. Jadenthums. 468 I. Verehrte Redaktion der Real-Eneyklo-ädke des Judenthums! In Ihrem Geehrten drücken Sie unter Anderem den Wunsch aus, meine Ansichten über das Unternehmen einer Real-Eneyklopädie über die gesammte Wiffenschaft des Iudenthüms zu vernehmen. Wenn ich hiermit dieser schmeichelhaften Aufforderung Nachkomme und in Folgendem meine unmaßgebliche Meinung hierüber der geehrten Redaktion vorlege, so bedarf es hoffentlich dabei keiner vorausgeschickten Captatio benevolentiae, bestehend in Formeln angeblicher Bescheidenheit, Bitten um Nachsicht u. dgl. Ich gebe, was ich vermag, und überlasse es ganz der Einsicht einer löblichen Redaktion, das Beachtenswerthe herauszufinden und nach Belieben zu benutzen. Nur in Beziehung auf die Form muß ich bitten, die vorläufige Kürze mit den dieselbe gebietenden Umständen zu entschuldigen, indem ich auf erneuertes Verlangen gegenwärtige Andeutungen weiter auszuführen, und mit den hier übergangenen Belegen auszustatten, im Stande und geneigt sein dürfte. Der Besprechung des eigentlichen Thema: Nutzen, Bedürfniß, Inhalt, Umfang, Form und Bearbeitung des Lexikons finde ich für nothwendig. Etwas über Begriff, Inhalt und Umfang der Wiffenschaft des Iudenthums selbst vorauszuschicken. Ohne auf die aller Analogie entbehrenden Eigenthümlichkeiten der Wiffenschaft des Iudenthums eingehen zu können, bemerke ich nur, daß Sache und Ausdruck zu neu sind, um ohne Schwierigkeit auch nur definirt werden zu können. Den ersten und einzigen Versuch bietet eine Abhandlung: „Ueber den Begriff einer Wissenschaft des Iudenthums von Immanuel Wolf", in Zunzens Zeitschrift für die Wissenschaft des Iudenthums (vgl. LB. des Orients 1841. Col. 227). Die weitere Ausführung dieses Gegenstandes wäre gewissermaaßen eine encyktopädische Uebersicht oder Einleitung in diese Wissenschaft, worüber allein ein äußerst verdienstliches, größeres Werk geschrieben werden könnte. Die Wissenschaft des Iudenthums faßt die Äenntniß der Vergangenheit und Gegenwart der jüdischen Religion und des jüdischen Volkes. Sie ist gewissermaaßen die Geschichte des Iudenthums im weitesten Sinne, bis auf die Gegenwart. Das Verhältniß von Religion und Volksthum (Nationalität) giebt den richtigsten Gesichtspunkt für das ganze Gebiet des Iudenthums ab.. Das religiöse Moment im Judenthum ist sein innerster Keim, der überall wirkende Trieb, zu dem Alles in unmittelbarer oder mittelbarer Beziehung zu fassen ist. E§ hat zuerst ein religiöses National- und SLaatsleben (Theokratie) geschaffen, und nach dessen Untergänge eine Erscheinung hervorgerufen, die in ihrer Sonderbarkeit wenig begriffen, vielfach und nicht selten mit Absicht gemisdeutet worden: die sogenannte jüdische Nationalität außerhalb des jüdischen Staates *). Für die richtige Auffassung derselben ist von besonderer Wichtigkeit: die unvermischte Fortpflanzung, die besondere- Gerichtsbarkeit 2), das faktische Aufhören religiöser Gebräuche — deren mehr religiöse oder reinstaatliche, temporäre und lokale, oder allgemeine Bedeutung mitunter streitig ist —, verbunden mit einer wachsenden theoretischen Durchbildung des faktisch Entschwundenen, wobei die herrschenden Vorstellungen über Israels Zukunft (Messiaslehre) in Betracht kommen. Die Genesis dieses Wendepunktes in der Geschichte des Iudenthums erlaubt kaum eine chronologische Fixirung, da in Babylon und in Egypten noch während der Dauer des palästinensischen Staates (o&y rrü) bas Iudenthum in der Zerstreuung beginnt ^). — Einen merkwürdigen Gegensatz bieten auch die Urquellen und die Bearbeitung beider Hauptperioden des Iudenthums. Wahrend die einzige Urquelle für die erstem, die Bibel, von Seiten christlicher Gelehrten vielfach behandelt worden, hat die neueste jüdische Gelehrsamkeit auf die reichen Quellen für die zweite kaum hingewiesen *).. Und doch wird jede getrennte Behandlung 1) So wie in politischer Hinsicht die richtige Auffassung des Iudenthums gerade an dieser jüdischen Nationalität ohne (nicht blos außerhalb) einen jüdischen Staat ihre gefährlichste Klippe findet, so ist es auch in der Wissenschaft des Iudenthums gerade die Parthie, wo religiöse und nationale Elemente zusammenfließen, deren Gebiet schwer abzugrenzen ist. Und das trifft vor Allem die unter II begriffenen Fächer, zum Lheil auch HL und V. Während die Darstellung der jüdischen Religionsbegriffe (I) und der äußeren Schicksale des jüdischen Volkes (IV) ein abgeschlosseneres Gebiet haben, muß II in allen Zweigen der allgemeinen Wissenschaften und Künste den Juden heraussuchen, der demselben zuweilen wesentlich, zuweilen aber zufällig als Jude cmgehort, je nachdem er irgend ein Feld vom jüdischen oder vom allgemeinen wissenschaftlichen Standpunkte aus bearbeitet hat. Diese Zufälligkeit des Bekenntnisses darf uns nicht bewegen, demselben seinen Platz in der jüdischen Wissenschaft zu verweigern; denn die Kunde von Gelehrten nichttheologischer Fächer, von großen Aerzten, Naturforschern, Mathematikern, Dichtern, Komponisten, die Juden waren, ohne daß sich in ihren Leistungen der Jude auöspricht, ist ein wesentliches Moment zur Kunde der innern Geschichte der Juden, und es hieße eine grobe Sünde gegen die richtige Erkenntniß dieser Geschichte begehen, wollte man in den Kreis derselben nur die auf jüdischem Standpunkt stehen Gebliebenen ziehen. Denn gerade, daß dieser Standpunkt verlassen werden konnte, ist das zu berücksichtigende Moment, und führt mit zu der richtigen Anschauung der sogenannten jüdischen Nationalität. 2) Wohl nicht von solcher Wichtigkeit, wie die andern Momente; es ließe sich vielleicht Nachweisen, daß die Aufhebung der besondern Gerichtsbarkeit keinen so wesentlichen Einfluß auf die jüdische Nationalität Hervorbringen kann, als eine Modifikation der andern angegebenen Momente. 3) Bestätigt wird diese Ansicht durch den Wendepunkt, den der Name (Hebräer-—Juden), die Sprache, und die geographische Eintheilung Palästinas in dieser Periode genommen. 4) Hr. St. ist hiermit nur auf das äußere Schicksal