Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1843-06-27 · 26 (27.6.1843) · p. Spalte 405-406

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
1843
Issue
26 (27.6.1843)
Article
Die Judenfrage [Rezension]
Date
1843-06-27
Page
Spalte 405-406 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/8555529-9897774-9897878-2369719--2893-2369757
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

405 Die Judenfrage. 406 ner wie Weiße, Fischer, Braniß, der jüngere Fichte, die alle durch die Schule hindurchgingen. Alle diese Philosophen haben den Freiheitsbegriff zum Prädikat des Absoluten erhoben, eben so hat es Hirsch gemacht, und er bekennt sich auch zu einem Lranscendenten persönlichen Gott. Ob dieser Standpunkt ein Fortschritt über Hegel hinaus ist, kann ich hier nicht beantworten-2). Dies also ist ein Extrem, welches als ein Gegensatz der Philosophie der Gegenwart kann betrachtet werden. Das andere Extrem ist in Dauer, Feuerbach u. a. M. repräsentirt. Diese Extreme, die eigentlich aus der He- , gelschen Schule hervorgingen, sind jedenfalls merkwürdig^). Wie es aber mit Bauer steht, läßt sich schwer entscheiden, er bekennt sich in der Judenfrage ausdrücklich zur Lranscendenz, und aus seinen frühcrn Arbeiten, und überhaupt aus seinem kritischen Standpunkt ist eine solche nicht ersichtlich. Ich kann mich aber über diesen Punkt hier nicht weiter aussprechen, und babe durch diese Bemerkung theils zeigen wollen die spekulative Differenz zwischen Hirsch und Bauer, theils daß Hirsch auf eignen Füßen zu seiner Theorie gelangt ist, ohne die Schriften der genannten Philosophen gelesen zu haben. Bauer hingegen hat immer eigentlich nur nach gebet et. Strauß hat durch sein Leben Jesu Bauer den ersten Anstoß zur Kritik gegeben, obwohl Bauer ihn dann als einen „Schwächling" behandelte. Zur Kritik seiner Synoptiker hat ihn Weißes, Wilkes Arbeit veranlaßt, und den eigentlichen Standpunkt des Bewußtseins hat er von Feuerbach überkommen. Ich will damit keineswegs das Talent Bauers schmälern;, nur mußte ich das hervorheben, um Hirsch's Verdienst.dadurch mehr zum Bewußtsein zu bringen. Nun kehre ich zu dem oben Gesagten zurück, daß nämlich Hirsch's Wiederlegung alle Anerkennung verdient, und ich will kurz mehre Punkte hervorheben. Bauer behauptet, wer den Juden als einen den Druck nicht verschuldeten betrachtet, wer ihn also für unschuldig erklärt, der thut ihm die größte Schmach an, da das S ch u l d i g se i n, im Sinne Hegel's nämlich, nichts mehr ausdrückt, als etwas mit Vorsatz, mit Bewußtsein und innerer Entschlossenheit thun. Bauer entlehnt dieses aus Hegel und geißelt mit Hegel'schen Gedanken die armen Juden. Wer von derHegel'schen Philosophie Nichts weiß, dem muß Bauer originell erscheinen, und der kann 3) Ueber diesen Punkt werde' ich mich in meiner bei Heinrich Hunger zu erscheinenden Schrift: „Theismus und Pantheismus, oder der Philosoph ischeG egensatz unserer Zeit" aussprechen. Hier werde ich eigentlich Feuerbach und Weiße ins Auge fassen. 4) Es handelt sich allerdings um die richtige Interpretation Hegel's, und auch dies werde ich in meiner Schrift berücksichtigen. Daß aber die rechte Seite der Hegel'schen Schule einen illusorischen Hegel besitzen, darüber läßt sich gar nicht zweifeln, denn Gablers jüngste Fassung des Absoluten giebt den Beweis dafür. Diese Zweideutigkeit, der Doppelsinn, ist das Großartige im Hegel'schen System) daß selbst der Orthodoxe in Hegel Befriedigung findet. Hegel täuscht die denkenden Köpfe, sagt Feuerbach mit Recht. diesen Kniff nicht widerlegen. Da ist aber Hirsch der rechte Mann. Er hat die Hegel'sche Philosophie so gut als Bauer studirt, und wußte gleich, was Bauer eigentlich meint. Wenn wir im Hegel'schen Sinne nicht schuldig sein sollen, dann gesteht Hirsch offen (und mich hat diese Offenheit sehr angenehm berührt) wollen wir schuldig sein. Und Hirsch hat ganz recht. Wenn die Schuld eigentlich als That des Willens, als Vorsatz des moralischen Subjekts zu fassen ist, wenn die That, wie Hegel selbst sagt (Phänomenologie p.350; vergleiche noch p. 346., Rechtsphilos. §. 115—118), die Entzweiung des Widerspruchs ist, der im Subjekte schlummert, und das Wissen von seiner Freiheit: warum sollen wir dann nicht schuldig sein wollen? Wenn man die Schuld zum Ehrentitel erhebt, dann gebührt den'Juden sicher dieser Titel am Ehesten. Nachdem Bauer diesen von Hegel entlehnten Gedanken als Polemik gegen die Unschuld der Juden gebrauchte- und eine höchst einseitige Betrachtung über Spaniens Verfall und so auch über Polen, die Hirsch recht gut wicderlegte, aufgestellt, nimmt er folgenden Anlauf: „Wer hat achtzehn Jahrhunderte hindurch an der Bildung Europas gearbeitet? Wer hat die Schlachten geschlagen, in welchen eine Hierarchie, die über die Zeit hinaus ihre Herrschaft behaupten wollte, zur Niederlage gebracht wurde? Wer hat die christliche und und die moderne Kunst geschaffen und die Städte Europas mit ewigen Denkmälern angefüllt? Wer hat die Wissenschaften ausgebildet? Wer hat über die Theorie der Staatsverfassung gesonnen?" Wenn Bauer allen Brennstoff zusammennimmt, um eine Feuergluth zusammenzuschürren, die manchem Schwächling d. h. geistigem Schwächling heiß machen soll, wenn er die Schlachten, die Künste, die Wissenschaften, und die Staatstheorien anrust, und den Juden allen Antheil an diesen edelsten Thärigkeiten des Geistes wie ein Geizhals versagt, wenn er von christlicherKunst, (o harte Inkonsequenz!) spricht, und dabei vergißt, daß er dem Christenthum jedes Princip der Kunst und Wissenschaft abgesprochen hat: so will ich nicht deshalb Toben und Poltern Bauer entgegenhalten, sondern ganz ruhig mit Hirsch ihm in die Augen sehen, um diese rncarnrrte Inkonsequenz d. h. Bauer bewundern; dann aber wehmüthig Bauer bedauern, daß er, der doch eine neue Welt schaffen will, so inkonsequent sein kann. Hirsch wirst ihm diese Inkonsequenz auch vor. Er zeigt ferner von seinem Standpunkte, wie die Juden zu allen Zeiten gleichen Schrittes mit den Christen gegangen sind. Die christliche Welt hat sich eine spitzfindige, subtile Scholastik ge-, schaffen, auch die Juden haben so was Aehnliches in ihrem „Pilpul;" die christliche Welt hat eine breite Dogmatik, die jüdische einen nicht minder breiten Talmud. Was ich aber als den wichtigsten Punkt erachte, ist dieser: Hirsch raunt B. in die Ohrm, daß im ganzen Mittelalter die Wissenschaft und Kunst eine Unmöglichkeit war, daß der Reliquiendienst und die Teufelbeschwörungen die wahre Wissenschaft vertrieben. Hirsch beweist auch in seiner „Religionsph ilosophie der Juden," 26*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.