Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1843
- Issue
- 26 (27.6.1843)
- Article
- Die Judenfrage [Rezension]
- Date
- 1843-06-27
- Page
- Spalte 403-404 (sequence 2)
- Language
- German
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403 Die Judenfrage. 404 feit nehmen, sich ja von keiner innern Gereitztheit und Aufregung zu falschen Urtheilen verleiten lassen, und nur unter solchen Umständen kann er absolut, kritisiren, kann er der Geschichte durch seinen kritischen Flug zuvorkommen. Hat sich nun Bauer in seiner Iudenfrage wirklich so gehalten? Nein. Er hat den Lhatbestand nicht objektiv ausgefaßt, er hat das Faktum verzerrt und verdreht, er hat die leisen Spuren des Weltgeistes in einer geschichtlichen Erscheinung nicht erspäht, er hat die geheime heilige Sprache in dieser Erscheinung nicht verstanden, und wehe dem, der die Geschichte — diesen Brennpunkt des göttlichen Geistes, diese Koncentration seiner Absolutheit — misversteht. Aber abgesehen davon, daß.Bauer das Iudenthum objektiv nie und nimmer verstanden, daß er dieses geschichtliche Faktum in seiner Darstellung der Religion des A. T. verfälscht *), so werde ich darauf bestehen, daß er das Judenthum wie das Christenthum zu wenig kritisch betrachtet. Bei dieser Stelle wird sich Mancher wundern. Wie, der feurige Bauer, der in seiner kritischen Gluth das Christenthum verzehrte, soll zu wenig kritisch sein? Für wen kritisiren und negiren nicht absolut identisch sind, der wird mich wohl verstehen. .Ist denn etwa Bauer darum ein Kritiker, weil er nur negirt? Wahrlichnicht. Der wahre Kritiker negirt freilich auch, aber er verbindet mit seiner Negation die Toleranz des Raumes, d. h. er hat das Bewußtsein, daß seine anticipirte Negation, nur eine Negation für den denkenden ist, und daß der Nichtdenkende diese Negation so lange nicht gut heißen kann, als bis sich der zu negirende Gegenstand eo ipso aufgelöst haben wird. Der wahre Kritiker greift dem Volke nicht in sein inneres Heiligthum, er kritisirt nur für die Wissenden. Der wahre absolute Kritiker ist nicht populär — Bauer's Iudenfrage ist zu populär. Freilich sagt er, die Iudenfrage ist 1) Ich habe schon im „Orient" angedeutet, daß Bauer's Kritik des A. L'S. noch altheglisch ist. S. meine Bemerkung d. Philippson'schen Beleuchtung LB. Nr. 17. Dort bemerkte ich auch, daß Bauer's Kritik der Synoptiker eine gründliche ist,'und jetzt bemerke ich, daß B. zu wenig kritisch ist. Dies könnte als ein Widerspruch erscheinen. Bauer's Kritik der Synoptiker ist allerdings eine gründliche, denn er löst alle Wunder auf, zeigt ferner, daß das Evangelium eine künstlerische Composttion ist, also eine menschliche Produktion. Die Ausführung, ich bitte das wohl zu beachten, ist gründlich, aber die Grundansicht Bauers, daß nämlich das Christenthum ein Fortschritt über das Judenthum sei, dies ist noch theologisch, also unkritisch.. B. faßt nicht das Christenthum in seiner Bestimmtheit, wie es Feuerbach thut, daher ist Bauer in dieser Beziehung noch ein Althegelianer.- Das Resultat d. Bauer'schen Kritik straft ihn Lügen. - Denn das große Wort hat B. ausgesprochen: das Christenthum ist weder in Form noch in Materie schöpferisch, das N. T. ist das Alte-Neue Testament (S. Anekdote Bd. II. p. 189). Dies ist also das Endresultat Bauer's. In den Synoptikern ist die Ausführung gründlich — die allgemeine Ansicht falsch — in der Judenfrage ist die allgemeine A ns i ch t wahr ~ die Au sfüh ru ng ungründlich. eine populäre geworden, aber darum braucht der Kritiker ja; nicht eine Popula'rkritik über eine Frage der Menschheit zu geben. Bauer ist ferner nur negativ auf eine höchst frivole Weise, seine Sprache ist nicht die Sprache eines ernsten Kritikers, er ist ein profaner Kritiker. Bei seiner kritischen Gluth, hat er zu wenig Milde, bei seinem Feuer zu wenig Kälte und Besonnenheit, bei seinen kritischen Drang zu wenig Enthaltsamkeit. Aber alle diese für den Kritiker nothwendige Qualitäten vereint in sich der geniale Feuerbach. Indem er kritisirt, entdeckt er lauter Geheimnisse, und darum iß seine Sprache eine heilige, wie den Geist fesselnde und bezaubernde. Feuerbach -) ist der wahre philosophische Kritiker, aber Bauer kann ich dieses Prädikat nicht beilegen, denn, in der Judenfrage ist er populär, also unphilosophisch. Auch fehlt es B.an einer festen Theorie, darum ist er inkonsequent) Feuerbach hat eine Theorie, darum ist er konsequent. Bauer war rechter Hegelianer, was er jetzt ist, werde ich aus den Zwischenzeiten der Judenfrage herauslesm. Bauer, sagte ich, ist zu wenig kritisch, d. h. er stimmt in der Hauptansicht mit jedem orthodoxen Christen darin überein, daß das Christenthum das erfüllte Iudenthum ist, nur putzt Bauer diese Ansicht, mit modernen Phrasen auf. Bauer hat daher keine Einsicht über das wahre Wesen der Religion, er ist also positiv, und nun sind wir bei der positiven Seite der Bauer'schen Frage, wo der Vers, der Briefe, Bauer weit überlegen ist, weil er se i n e r T h e o r i e sich immer bewußt ist und bleibt. Da ich schon zeigte, daß der Vers, recht eigentlich nur positiv, widerlegen wollte, und es auch that, so werde ich jetzt manche seiner Widerlegungen auseinandersetzen; denn wollte ich mich eigentlich auch hier kritisch verhalten, so müßte ich sein ganzes religionsphil. System, und vorzüglich 'seine spekulativen Voraussetzungen prüfen, wozu diese Beurtheilung nicht bestimmt ist. Bauer hat wie ich schon bemerkte, die objektive Geschichte, das geschichtliche Iudenthum nämlich, nicht philos» aufgefaßt, d. h. er hat es interpretirt nach seiner Weise. Hirsch hat zwar das Iudenthum auch nach seiner philos. Weltansicht interpretirt, aber welch' eine Differenz zwischen Hirsch's und Bauer's Interpretation. Hirsch trifft wirklich manchmal den objektiven Sinn, während Bauer ihn niemals trifft, daher verdient Hirsch's Widerlegung von seinem Standpunkte alle Anerkennung und Achtung. Aber noch folgende Differenz zwischen Hirsch und Bauer muß ich angeben. Hirsch und Bauer sind die Extreme, die aus der Hegel'schen Philosophie hervorgegangen 'sind. Hirsch, dessen philosophische Grundbildung die absolute Philosophierst, hat die schwere Last des Begriffs, d. h. die Nothwendigkeitstheorie dieser Philosophie nicht ertragen können, und er hat denselben Weg in Beziehung auf den Freiheitsbegriff eingeschlagen, den Ma'n- 2) Feuerbach's Kritik wird nur darum misverstanden, weil die Wenigsten sieh bemühen, sie ernsthaft zu würdigen.