Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1843
- Issue
- 26 (27.6.1843)
- Article
- Die Judenfrage [Rezension]
- Date
- 1843-06-27
- Page
- Spalte 407-408 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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407 Die Judenfrage. — Kurze Anzeigen. 408 daß das Mittelalter eine Verdumpfung des Geistes war, eine Lähmung für die geistigen Schwingen; denn wie kann der Geist in die Tiefen der Wissenschaft hinabsteigen, wenn er von Haus aus glauben muß? Wenn der Glaube ihm eine Binde um die geistigen Augen bindet, muß er nicht im Finstern tappen? Das Mittelalter oder der mittelalterliche Katholicismus ist absolut unfähig, ein lebendiges, freies, und menschliches Prinzip zu produciren, es ist unfähig, etwas wahrhaft Künstlerisches, -oder Philosophisches zu schaffen, und wenn im Mittelalter doch geistreiche Männer sich'aufschwangen, so war cs nicht die Schuld der katholischen Principien, sondern das Sichhinwegsehen darüber. S c o t us E r i g e n a s) hat seine tiefen Gedanken nicht als Christ oder Karholik producirt, sondern als Mensch, und zu seinen Produkten gab ihm die griechische Philosophie den Stoff- und Anknüpfungspunkt. Und haben nicht alle Scholastiker mit griechischem Geiste gewirthschaft, und dazu den ursprünglichen Geist eines Aristoteles verflacht. Konnte Einer in Aristoteles spekulativen Geist sich ganz versenken, ist es nicht, vielmehr erst jetzt, wo man diesen Denker würdigt? Woher haben die Kirchenväter ihre Waffen hergenommen, um das Heidenthum zu bekämpfen und das Christenthum geltend zu machen? Nur aus der griechischen Philosophie, und gerade haben sie sich an die platonische Philosophie gewendet, weil sie der mythischen Form wegen ein freies Gedankenspiel haben konnten, und allerlei Faseleien hineintragen durften: und haben sie nicht den ursprünglichen Platon verflacht? Gewiß auch hat es Hegel in seiner Darstellung der platonischen Philosophie oft bemerkt. Das ganze Christcnthum hat sich von seinem Eintreten in die Geschichte an von heidnischen Gedanken erhalten und genährt, das Christenthum hat wie eine Wucherpflanze die Heidnische Philosophie ausgesogen und ausgezogen, und Bauer fragt, wer 1800 Jahre um die Bildung Europas gearbeitet hat? Bis zum 16 Jahrhundert hat das Heidenthum das Chrrstenthum genährt und erzogen und man gewahrt keinen Funken von Selbstständigkeit, bis auf Eartesius und Baco u. Spinoza. Das konnte aber das katholische Princip, Männer wie Giordano Bruno und Campanella vertreiben und verbrennen. Im Kath olicismus hat sich die Sonne.um die Erde , bewegen müssen. — Doch B. spricht auch von christlicher Kunst. Abgesehen davon, daß in der mittelalterlichen Kunst die eigentliche Gleichheit zwischen Idealität und Realität fehlte, daß die Realität, der Stoff, die Materie zurücktreten mußte (und dies ist charakteristisch für das Mittelalter), damit die Idealität, die Geistigkeit ein Uebergewicht behalten solle und das Kunstwerk ein Werk der Disharmonie statt der Harmonie des Idealen mit dem Realen sei, also abgesehen davon: so kann doch Niemand behaupten, daß die Madonna eines 5) Das 8ooiu8 Erigena seine Philosophie auch im Christenthum anwendete, dies ist spezifisch christlich, das Philosophiren höchst unchristlich —' weil es menschli ch ist. Der gute Christ — ist nur der Katholik — der Protestantismus ist ein illusorisches Christenthum. Raffael darum schön war, weil der Stoff ein religiöser, oder der Künstler ein Christ war,, vielmehr vergißt man die specrfisch-christliche Madonna bei dem ästthetischen Genüsse des Betrachtens dieser Madonna, und die Raffael'sche Madonna ist nicht darum schön, weil sie eine christliche Madonna, sondern weil sie eine Raffael'sche Madonna, also eine schöne, künstlerisch producirte Madonna war. Und soll ich denn noch andere Beispiele anführen? Es genügen diese wenigen, um gezeigt zu haben, daß Bauer nur Phrasen, zwar schöne, aber dessenungeachtet nur Phrasen hingestellt hat, und ich habe dies etwas näher berührt, weil es Hirsch nicht so prägnant hervorhob. Fragen wir uns jetzt: wer hat 1800 Jahre um die Bildung Europas gearbeitet? und ich antworte, nicht ein einziger Christ als solcher, sondern diejenigen welche arbeiteten, haben als Menschen gearbeitet, sie haben das Christ sein vergessen, und haben die Wissenschaft verehrt. Es giebt weder eine christliche Kunst, noch eine solche Wissenschaft, sondern eine menschliche-. Abgesehen also, daß Bauer sich widerspricht, da er dem Christenthum selbst kein wissenschaftliches Princip einräumt, so ist eine solche Ansicht an und für sich falsch. Hier muß ich wieder an Feuerbach denken, denn er hat diese Punkte in einigen seiner Schriften erörtert. Jetzt bleibt mir eigentlich noch ein Hauptpunkt zur Erörterung übrig: nämlich das Benehmen der Konsequenz gegen ihre Voraussetzung, und die Voraussetzung gegen ihre Konsequenz, oder das Verhältniß des Iudenthums zum Christenthum und umgekehrt. (Beschluß folgt.) Kurze Anzeigen. 1. ft*)p "w'tt Vlp. Lese-Fibel nach der Lautir- und Schreiblese-Methode, bearbeitet v. B. Höchstädter, israel. Religionslehrer und Prediger zu Wiesbaden. Wiesbaden 1843. 12. I. F. Heßlach'sche Buchh. Obgleich es schon viele hebr. Lese-Fibeln giebt, die allen Anforderungen entsprechen, so finden wir es doch natürlich, daß der Vers, theils durch seine Stellung im Herzogthum Nassau, theils durch seine tüchtige grammatische Kenntnisse sich dieser Arbeit unterzogen. Das Büchlein ist mit seltener PräLision durchgeführt und sehr schön typographisch ausgcstattet, so daß wir es für jüdische Kinderschulen mit gutem Gewissen empfehlen können. 2. Predigt, gehalten zur Einweihung der Synagoge zu Rüdes!) eim am 1. April 1843, v. Benj. Höchstädter u. s. w. Wiesb. 1843. 8. Ludw. Riedel. Diese Predigt zeichnet sich durch treffliche Benutzung derjenigen Texte, die auf Tempel-Einweihung Bezug haben, durch Einstreuung schöner, zum Theil aus dem Psalter metrisch 'übersetzter Lieder, durch eine schöne Disposition.und korrekte Sprache aus.