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Der Orient · 1843-06-13 · Heft 24 (13.6.1843) · p. Seite 186

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Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 24 (13.6.1843)
Article
Die russischen und die polnischen Juden
Date
1843-06-13
Page
Seite 186 (sequence 2)
Language
German
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186 einen großen Theil -ihres Handel- und gewerbtreibenden Bevölkerung zu wüthen. Sie kann ferner zu ihrer völligen Freimachung beitragen. Aber dazu bedarf es zweierlei: erstlich muß man den socialen und politischen Zustand Rußlands, dann die Ausnahmsstellung der, die mosaische Religion übenden Bewohner kennen; sonst kann man nur falsche, verderbliche, zuweilen gefährliche Rathschläge geben. Sie sind in dem Falle, sich über anscheinend liberale Maaßregeln zu freuen, die für die Israeliten des Nordens als unheilvoll betrachtet werden müssen. Ich will Ihnen dafür ein Beispiel vorführen. Die Pariser Journale. haben die Ordonnanz (den Ukas) über die Rekrutirung, eine Maaßregel, durch welche die zur russischen Armee zugelassenen Israeliten sich nicht mehr durch eine Abgabe von der Aushebung befreien können, mit Beifall begrüßt. In der That würde man in Frankreich, wo die Gleichheit der Religionsbekenntnisse herrscht, wo alle Einwohner vor dem Gesetze gleich, wo alle Laufbahnen allen Bewohnern ohne Unterschied eröffnet sind, die Ausschließung vom Militärdienste für eine Beleidigung, für eine Ungerechtigkeit ansehen. Jeder will zur Verteidigung des Vaterlandes, als der gemeinschaftlichen Mutter aller ihrer Kinder, beitragen. Aber, mein Gott, wie groß ist der Abstand zwischen der Lage der freien Franzosen und der der Unterthanen Rußlands, wo man neben adeligen Herren nur Leibeigenen und Sklaven begegnet. Welcher Unterschied zwischen der französischen- und der russischen Armee! Es wird genügen, Ihnen einen Soldaten des letztgenannten Landes.abzukonrerfeien, um Ihnen, mein Herr, begreiflich zu machen, warum die Israeliten nicht jene Wöhlthat benutzen wollten und lieber auswanderten als in der russischen Armee Dienste nahmen. Der russische Soldat, mein Herr, ist der höchste Ausdruck des Elends. Ein von seinem Herrn geknuteter Leibeigner, der da vernimmt, daß jener ihn zum Soldaten machen wolle, fleht denselben an, ihn lieber zu tödten als zum Heere zu schicken. Um der Aushebung zu entgehen, ist er-zu Allem fähig; er haut sich die Finger ab, reißt oder zieht sich die Zähne aus, flieht tief in wilde Walden Ein freiwilliger Eintritt in den Soldatenstand ist ein unerhörtes Faktum. Das kann Sie darüber urtheilen lassen, welches die Lage eines schlecht genährten, schlecht gekleideten, von allen seinen Vorgesetzten, vom Sergeanten bis zum General en chef, gemarterten und geknuteten Soldaten ist. Er hat jährlich nur 10 Francs, nie wird er sich zum Ofsiziersrange erheben können und wenn er nach Langjährigem Dienste dem Lode entgangen ist, wird er in seine Hütte zurüükehren, wo er seine Frau wieder' verheirathet und seine Wohnung durch ihren neuen Ehemann in Besitz genommen finden wird. . Der russische Bürgerstand hatte das Vorrecht, sich von diesem sichtbaren Schicksale durch Ankauf eines Leibeignen, durch Bezahlung eines Ersatzmannes zu befreien. Die Israeliten zum Eintritt in die Armee zwingen, heißt daher, sie von dem Range des Bürgers zu dem eines Sklaven herabsteigen lassen. *) Vergessen Sie nicht, mein Herr, daß Polen in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts den Israeliten ein Asyl gab, daß Rußland ihnen den Eintritt in sein Gebiet verboten hat und daß der größte Theil jener unglücklichen Bevölkerung die Provinzen des alten Polens bewohnt. Eine große Anzahl derselben versteht kein Russisch. Denken Sie sich die Lage eines israel. Soldaten, der der Autorität eines kalmückischen Sergeanten unterworfen, die Quoten eines gewissenhaften, frommen, gefühlvollen Mannes, der einem ihn hassendem und verachtenden barbarischen Vorgesetzten preisgegeben ist. Glauben Sie nicht, daß ich Casimir des Großen Zeit in's Gedächtniß zurückrufe, um die Menschlichkeit des poln. Volkes hervorzuheben. Das Loos der Israeliten war selbst unter der Herrschaft des katholischen Adels peinlich und ein Lheil meines Lebens war der Aufklärung meiner Landsleute über die mosaische Religion geweiht. Aber da die russische Regierung den Wunsch offenbart, Ihren Glaubensgenossen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, so muß die französische Presse dringend die Abschaffung aller unseres Zeitalters unwürdigen Misbrauche fordern. Der Kaiser Alexander fühlte wohl, daß man die Bewohner Polens nicht den Russen affimiliren könne. Dieser liberale Fürst, treu den durch den Wiener Vertrag übernommenen Verpflichtungen, schuf eine polnische Armee, in der die Knute unbekannt war, in der alle Einwohner, ohne Unterschied der Geburt und der Religion, zu allen Graden gelangen konnten, und dieser Monarch gab sogar das feierliche Versprechen, die polnische Armee nicht außerhalb der Grenzen Europa's zu gebrauchen. Man befolge die Politik dieses Fürsten, man bewillige den Israeliten das Bürgerrecht, man schaffe eine auf den Principien der Ehre und der Menschlichkeit begründete Armee, man eröffne allen Gliedern jede Laufbahn ohne Geburts- und Glaubensunterschied, dann können Sie sicher sein, daß der größte Lyeil Ihrer Glaubensgenossen diese Neuerung mit Freude und Wonne begrüßen wird. Vergessen Sie nicht, mein Herr, daß die ruff. Fürsten allgewaltig sind, baß ihre Macht keine Kontrole duldet und daß sie über ihre Handlungen nur Gott und der richtenden Geschichte Rechenschaft schuldig sind. Auch reicht im Norden der Wille des Fürsten hin, um heilsamen Reformen, welche in andern Ländern viel Zeit zur Durchführung bedürfen, sofort Eingang , zu verschaffen. Am Ende des neunten Jahrhunderts laßt sich Wladimir der Große die Lehrsätze des Christenthums erklären, und durch einen Ukas befiehlt er die Götzenbilder zu verbrennen, und die ganze heidnische Bevölkerung stürzt vor Christus, als Symbol der Einheit und der Liebe, auf die Kniee. Iaroslav unzufrieden mit den Misbräuchen der Großen, gab den Russen eine Gesetzgebung und die ganze *) Man lese den Artikel.' der ruff. Soldat in Histoirc et tableau de la Russie,

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