Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1843
- Issue
- 22 (30.5.1843)
- Article
- Charakteristik biblischer Personen
- Date
- 1843-05-30
- Page
- Spalte 345-346 (sequence 3)
- Language
- German
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845 346 Charakteristik biblischer Personen. Bon Dr. B. Beek. worauf er stand, überlaßen; Abel, dm alles Bewegliche anheim fiel, gestand nun dem Bruder nicht einmal das Gewand zu, womit er bedeckt war. ") So griff der Hader immer weiter um sich. Die den altern Volkssagen inwohnende Eigentümlichkeit, frühere Individuen und Begebenheiten irn Zusammenhänge mit späteren, dem Volke wichtigen Ereignissen darzustellen (vgl. z. B. Virgils Ameide), ist auch den rabbinischen Traditionen nicht fremd. Es ist dies ein Mittel, die Lücke Zwischen der uralten sagenhaften Zeit und der späteren Volksgeschichte einigermaaßen auszusüllen. Jene Urperiode wird den Zeitgenossen näher gebracht und ihnen lebhafteres Interesse dafür abgewonnen, wenn gezeigt ist, daß die Herren der Vorzeit ihre Blicke schon im Geiste auf die Gegenwart richteten und gleichsam in und mit ihr lebten. — So ward auch Kainsund Abels Bruderzwist aufnationalen Boden übertragen. -Friedlich hatten Beide die Erde unter sich getheilt.- Aber in wessen Antheil sollte einst Israels Heiligthum erbaut werden? — Schon über diesen Punkt wollte Keiner nachgeben. i5) Doch Lebten sie noch eine Zeitlang freundlich nebeneinander, jeder dem Andern von dem Ertrage seiner Beschäftigung willig reichend. Da nahete der 14. des 1. Monats (Nisan) heran, an welchem später Israel aus Egypten zog, und Adam — in prophetischer Begeisterung — sprach zu seinen Söhnen: Sehet, an diesem Abende wird das israelitische Volk einst das Ueberschreitungsopfer darbringen; euch geziemt es im Vorgefühl jener Befreiungsstunde bereits heute dem Herrn zu opfern! Beide Brüder befolgten, was der Vater ihnen gebot. . Nun brachte Kain gedörrten Flachssamen, Abel aber feiste, ungeschorne Lämmer. Erstere Gabe ward als unwürdig zurückgewiesen, Letztere aber wohlgefällig ausgenommen. — Und um das Andenken an den unglückseligen Streit, der von dannen entstand, zu bewahren, damit ein ähnlicher nie unter Israels Nachkommen sich wiederhole, verordnte der Ewige ln seiner dem Moses geoffenbarten Lehre (5. Mos. 22, 11.), daß Wollenes und Leinenes in einem Kleide nie zusammengetragen werde. 16) Die Ansicht neuerer Forscher, daß Kains Und Abels dem Herrn rdargebrachte Geschenke (rjrttD) nicht Opfer im späteren Sinne gewesen seien, die man auf dem Altäre verbrennen ließ, und wobei man es als Kennzeichen wohlgefälliger Aufnahme ansah, daß Feuer vom Himmel herabkam und sie verzehrte, wird auch schon von manchen alteren Rabbiner» aufgestellt. Jeder habe mit seinem Geschenke eine. Bitte an den Herrn verbunden, heißt es in einem Midrasch;^) Abels Wunsch ward erfüllt, Kains aber nicht. So erkannten sie, 14) Rabbah und Tanchuma. 15) Rabbah. 16) Tanchuma und Pirke^ R. Elieser, zum Theil auch Pseudo-Ionatan. 17) Buttmann, mosaische Mythen, in der berliner Monatsschrift, Märzheft 1811. 18) Rabbah. welchen Werth der Herr auf jede ihrer Gaben legte. Ein späterer jüdischer Schriftsteller <R. Lewi ben Gersön) meint, es habe nicht zurr rechten Zeit geregnet, Kains Saaten seien daher nicht gediehen, woher sein Mißmuth zu. erklären sei. \’j Letzterer hatte sich nach einer von Pseudo - Ionatan mitgetheiltcn Erzählung nun so gesteigert, daß er Gott, Tugend und ewige Vergeltung m Abrede stellte, darüber mit Abel in ein heftiges Zwiegespräch gerieth und ihn endlich in der Hitze des Kampfes erschlug. Kains Arglist hierbei schildert folgende Sage. -°) —- Abel war kräftiger denn Kain, als nun Beide mit einander rangen war Kaiu bereits dem Unterliegen nähe; da bat er Abel um Verzeihung, er möchte ihn schonen um des Vaters willen. Abels Mitleid ward rege, er ließ ab von dem Bruder; dieser aber ergriff jetzt sogleich Abel, bemächtigte sich seiner und erschlug ihn. Me unmündige Begriffe von dm Eigenschaften Gottes stets Verbrechen befördern lehrt Folgendes. -*) Kain hatte keine Ahnung voll Gottes Allwissenheit, er wähnte daher seine That vor dem höheren Richter verbergen zu können und verscharrte Abels Leichnam in die Erde. Da fragte ihn Gott (1. Mos. 4, 9.) ,,wo ist dein Bruder Abel? " Er Aber erwiderte : du hast mich zum Hüter über Feld und Berg gesetzt (Anspielung auf seinen Beruf als Ackerbauer), aber nicht zum Hüter meines Bruders." Das Unnatürliche, dem Plane Gottes in seiner Schöpfung durchaus^ Widersprechende einer solchen Thcrt drücken die Rabbmen hyperbolisch dadurch aus, daß, während alles Erschaffene einen Lobgesang an dm Herrn richte, die Erde, 'seitdem sie Abels Blut ausgenommen, sich nie zum Lobe des' Herrn öffnen dürft. Der Erde Schlund ist seitdem blos zur Aufnahme von Bösewichtern — wie Korahs Rotte — bestimmt. So heißt es (Ies. 24, 16.) „von dem Fittig der Erde vernehmen wir Gesänge," nicht aber aus ihrem Schooße!22) An die Worte der heiligen Schrift (1. Mos. 4, 10.) „die Stimme des Geblüts ('EH, plur.^ deines Bruders schreiet zu mir" knüpft bereits die Mischna 23) die Lehre, daß, wer einen Mord begehet, nicht nur das Blut des Erschlagenen, sondern auch das der noch Ungebornm, die jener hätte zeugen können bis ans Ende der Geschlechter, zu verantworten habe. 24) Wenn nun aber Kains Strafe dennoch gemildert wird und Gott ihm sogar ein Zeichen giebt, damit nicht Jeder, 19) Pseudo-Ionatan. 20) Rabbah. j 21) Pirke R. Eliezer. ~ Vgl. auch Jos. a. ä. O. 22) Sanhedrin 37, b. 23) Sanhedrin, ib. 24) Diese im talmudischen Canon so lebhaft ausgesprochenen Verabscheuung jedes Mordes gehört wohl zu den bün- ■■ digsten Widerlegungen jener unsinnigen Consequmzen eines Dau mer, ChyLlany, u. s. w., welche den nachexilischen 1 Juden durchaus noch Ueoerbteibsel der alten Unsitte des Mo-; lochdienstes anfbürden wollen.