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Der Orient · 1843-05-30 · 22 (30.5.1843) · p. Spalte 343-344

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Journal
Der Orient
Volume
1843
Issue
22 (30.5.1843)
Article
Charakteristik biblischer Personen
Date
1843-05-30
Page
Spalte 343-344 (sequence 2)
Language
German
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343 344 Charakteristik biblischer Personen. Won Dr. B. Beer. sich der Ewige zu Abel (d. h. nahm es gnädig auf), zu Kain aber nicht. Dies verdroß Kain; Gott ermahnte ihn, sich zu beherrschen und der Sünde keinen Eingang zu taffen. Aber, er ging mit dem Bruder auf's Feld2) und als sie daselbst waren, erschlug er ihn. So weit die einfache Erzählung der heiligen Schrift (1. Mos. 4, 2—8) von Abel und seinem gewaltsamen Lode durch Bruderhand. Den hierin offenbar liegenden liefern Sinn, als: Darstellung der schrecklichen Folgen des Neides und der Eifersucht gleich im ersten Alter des Menschengeschlechts, daß Zwist und Hader von anfänglich scheinbarer Unbedeutenheit bald bis zur Vollbringung der schwärzesten Unthat sich steigern könne, sowie Veranschaulichung der gleichsam den Urtypus der verschiedenen Charaktere bildenden Gegensätze unter den Menschen, hier Einfalt, Arglosigkeit, Zufriedenheit und innige Gottesverehrung, dort Mißgunst, Unruhe, Selbstsucht, Leidenschaftlichkeit und eitler Wahn dem höchsten Wesen blos durch Werke ohne gute Gesinnung einen Wohlgefallen erzeigen zu wollen, — Alles dies streben auch die Ausbildner der jüdischen Theologie hierbei festzühalten, noch manche andere gewichtige Lehren daran knüpfend und die Einzelnheiten der Erzählung, je nach dem Geschmacke der Zeiten, mehr oder minder poetisch ausmalend. Schon der in der jüdischen Theologie zwar nie Sitz und Stimme habende Alexandriner Philo 3 4) führt diese ganze Erzählung allegorisch durch. — Kain und Abel sind nach ihm die Repräsentanten jener beiden oben angedeuteten Gegensätze, welche im menschlichen Leben sich so häufig begegnen und einander durchkreuzen. Kain (von ist der vorzugsweise im Besitze sich kundgebende Egoismus, der sein Selbst als Mittelpunkt und Zweck alles Dichtens und Trachtens ansiehet, Abel hingegen (von ^n, Nichtigkeit) bedeutet diejenige Lebensansicht, welcher alles Irdische Nichts ist und Gott allein als Anfangs - und Endpunkt aller menschlicherr Bestrebungen gilt. Diese beiden Principien können nie freundlich neben einander weilen; sie Heben sich gegenseitig auf. Kain, als Träger des egoistischen — irdischen Prinzips wird Erdarbeiter genannt; Abel, der nach Bildung, nach der Nähe Gottes Strebende, als Hirt bezeichnet (wie später Moses). Bon Kam wird gesagt (1. Mos. 4, 3.) „nach Verlauf einiger Zeit, brachte er von den Erdfrüchten ein Geschenk dem Herrn". Ein Bild des Egoismus: er verschiebt das Gute und — dem eigenen Genüsse sröhnend — weiht er dem Herrn nur von den schlechtem Früchten; nicht also aber der Gottergebene, der die besten und fettesten Lämmer bringt. Auf ähnliche Weise vergleichen, die Rabbinen* ) Kain zu einem eigennützigen Gärtner, der die wohlschmeckendsten Früchte des 2) Die LXX habem 1. Mos. 4, 8. nach dem Satze „und Kain sprach zu seinem Bruder Abel" noch die Worte: „Laßt uns auf die Flur gehen." Vgl. auch Pseudo-Ionatan zu dieser Stelle und Frankel a. a. O. S. 167. 3) De sacrif. Abelis et Caini. 4) Beresehit Rabbah. ihm zur Verwaltung übergebenen Gartens für sich behält und dem Besitzer nur von den spätreifen darreicht. Betrachten auch einige mehr kabbalistische 5) und der mystischen Auslegung sich zuweilen hinneigende Schriften 6) ebenfalls die Erzählung ganz oder theilweise als Allegorie oder äußere Hülle eines geheimnißvollen Kerns, 7) so gehet doch die Mehrzahl der rabbinischen Traditionen von der wirklichen Thatsache aus, und sucht blos durch Erweiterungen und Ausschmückungen solche zu ergänzen und näher zu motiviren. — So lehnt die Sage schon an Abstammung und Geburt sich an. Kain soll vorn Sammael (dem personifizirten bösen Prinzipe) erzeugt worden sein. a) — Das Diabolische seiner That wird hierdurch ausgedrückt und gleichsam angcdeutet, daß ein menschliches Wesen derselben unfähig sei. Darum soll auch, wie eine andere Sage berichtet9) selbst die Schlange des Paradieses — bei den Rabbinen Repräsentant des Satans — darüber entsetzt gewesen sein. — Scheint dem denkenden Psychologen der Ursprung so unnatürlichen Bruderhasses in jener frühen Urzeit, wo es doch noch so wenig Veranlassung zum Zwiespalt geben konnte, allerdings befremdend, so gehet die rabbinische Tradition auch hier aus jene zwei Hauptlaster zurück, rwelche von jeher alles Lebensglück vergifteten: Eifersucht und Habgier. — Kain harte eine Zwillingsschwester, AbelMren zwei. ,0) Nach einer göttlichen Weisung sollte jeder der beiden Brüder, zur Erhaltung des Menschengeschlechts sich mit seiner Zwillingsschwester verbinden. *l-) Aber — wem gebührte Abels zweite Schwester? — Gott hatte sie Abel als Zwillingsbruder zugesprochen, aber Kain beanspruchte sie als Aelterer» — Daher die erste. Veranlassung zum Streite. X2) — Oder, wie eine andere Sage will,") ward Kains Leidenschaft durch die vorzüglichere Schönheit von Abels Gattin so sehr entflammt, daß er lange auf des Bruders Tod sann, um sich mit dessen Gattin zu verbinden. Ferner stritten sie einst über die Herrschaft der Erde. Kain, der Ackersmarin, eignete sich alles Unbewegliche zu und wollte Abeln nicht einmal das Plätzchen Grund und Boden, 5) 3. B. cnyjn vrbn, wo es heißt: r>n Nh fern pp /iDi Kip' Nim ns^y nrai NNMNN^> n?n 6) So sagt Rachmani: ^orj pyil ^Ipvil NDM; UND bru. 7) Man vgl. übrigens die Sagen der Araber, mitgetheilt in Herbelot, Hi bl. orientale und die abentheuerliche Deu- . tung, welche christliche Gnostiker der Erzählung von Abel gaben, woraus sogar eine eigene christliche Sekre „AbeliteM" : entstand. Spätere jüdische Kommentatoren, als R. L. ben i Gerson und Abravauel bekämpfen hingegen die allegorische Erklä'rungsweise, namentlich in Betreff dieser Erzählung.^ UPirkeR. Elieser. — Pseudo Ionatan. — Vgl. auch Schar rPDH iODDE) NDN sip. — Die früheren Midraschim haben indessen diese Sage nicht. 9) Rabbah. — 40) Vgl. auch Flav. .los. a. a. O. — 11) Sanhedrln 58, 2. — 12) Rabbah,! 13) Pirke R. Mieser.

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