Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1843
- Issue
- 14 (4.4.1843)
- Article
- M. B. Friedenthal [Rezension]
- Date
- 1843-04-04
- Page
- Spalte 211-212 (sequence 2)
- Language
- German
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211 212 M. B. Zriederrthal's Schriften. Hirsch EhajcS, Frankel, Dukes, die in Wilna erschienenen ausgezeichneten Kommentare zu den Nabbot, Tosista, Mechilta, Abot, Pirke Rabbi Elieser u.' dgl. — gar nicht in den Kreis der Tageskritik gezogen, um zum Eigenthmn der Masse zu werden. Die Stimmführer und Gestalter der jüdischen Gegenwart haben weder die wissenschaftliche und objektive Ruhe, noch die Kunst der sich isolirenden Parteilosigkeit, um die glänzenden Forschungen eines Zunz über die literarischen Strömungen des jüdischen Alterthums, die geistvollen Biographieen eines Rapäport, die noch einzig dastehenden Geschichtswerke eines Jost, die tiefe Erfassung des talmudischen Geistes eines Hirsch Chajes, die auf dem Gebiete des Iudenthums noch ernzig dastehenden Vorstudien zur Septuaginta eines Frankel u. 's. w. nach ihrem wahren Werthe zu beurtheilen und durch ausführliche Beurteilungen ihren Einfluß auf die Gegenwart.zu fördern. Und doch, was wäre das Zudenthum ohne diese Geister, was eine jüdische Wissenschaft ohne jene trefflichen Schriftwerke; die schönsten Blätter seines Kranzes wären welk und die schönsten Perlen seines Ruhmes fehlten.- Unsere Achtung, der christlichen Intelligenz gegenüber, verschaffen mt§ nicht die Schriften für und gegen den Tempel, für oder gegen dieses oder jenes Gebetbuch, nicht die leidenschaftlichen Ergüsse für oder gegen die Rabbinatswirren u. ft w., sondern jene stillen wissenschaftlichen Erzeugnisse des jüdischen Geistes, die weit über das Schlachtfeld des Tages hinaus in dem Lager unserer christlichen Glaubensgenossen uns Achtung erzwingen und Zobern. — Aber nicht blos der Mangel an Objektivität, nicht unser Parteileben allein macht uns gegen unsere großen Männer des Iudenthums ungerecht und undankbar, sondern auch noch das so bedenklich entschwundene Verständniß der hebräischen Sprache und mit ihr die Kunde unseres historischen geistigen Lebens. In keiner Periode der jüdischen Geschichte haben unsere Brüder sich so aller jüdischen Elemente entäußert, als es unsere deutschen Juden in der Gegenwart gethan; auferzogen in allgemeiner germanischer Bildung ist uns das historische Verständniß des Iudenthums, welches das Alterthum nur in Schriftwerken als treues Vcrmächtniß überliefern könnte, schon von der formellen Seite verschlossen; wir verstehen nur das deutsche Wort und selbst, wenn wir durch Studium ein hebräisches Schriftwerk lesen könnten, wollen wir doch nur das deutsche Wort lesen. Ja Deutschland ist die tiefe nationale Kenntniß des hebräischen bei Laien und Rabbinen verschwunden, wir sind mit dem deutschen Leben und Geiste so verwachsen, wie unsere Vorfahren weder zur Zeit der Mauren noch zu einer andern Zeit sich je mit dem Geisteanderer Nationalitäten identisicirt haben; wenn daher hie und da Geisteserzeugnisse berühmter Männer des Iudenthums in unserem Vaterlande in hebräischer Sprache erscheinen, so sind sie uns verschlossene Bücher. Die wenigen hebräisch schreibenden Gelehrten Deutschlands sind theils 'solche, die aus der altern Zeit dieses theuere Eigenthum bewahrt, theils durch beharrliches Studium sich diese Fertigkeit errungen, sehr häufig sind es aus den Slavenländern zu uns übergesiedelte, die aus der Heimath noch die tiefe Kunde des jüdischen Nationallebens mitgebracht. Unsere jüdische Journalistik ist daher im eigentlichen Sinne nur eine deutsche; die Germanisirung des Iudenthums zu vollenden, die Theologie und die jüdische Wissenschaft überhaupt nach dem Geiste deutscher Wissenschaftlichkeit zu formuliren ist das Ziel, dem sie nachstrebt. Daher das Nichtbeachten der unzähligen hebräischen Werke, schon von der formellen Seite, da das Medium, wie solche alte echtjüdische Schriftwerke in deutscher Sprache zu bewältigen und zu beurtheilen, noch nicht gefunden ist. Zu dieser formellen Schwierigkeit kommt noch endlich der weitverbreitete Mangel an klassischer oder echtwissenschaftlicher Bildung, der noch wie ein rorher Faden sich durch das moderne, Iudenthum zieht, und obgleich historisch sehr erklärbar, doch jeder Erhebung als Journalismus zur echten Wissenschaftlichkeit in den Weg tritt. Nicht blos unsere Laien, die bekanntlich am liebsten gar nichts lesen und wenn sie lesen, sich selten über die alltägliche Klatscherei zu erheben den Muth haben, sondern auch unsere Gelehrten im Allgemeinen nehmen nicht gern ein echtwissenschastliches Blatt zur Hand, und wenn nicht glücklicher Weise eine kleine Schaar von Auserwählten der Literatur sich angenommen, so würde nicht ein einziges Blättchen für jüdische Literatur erscheinen können. — Diese Gedanken sind es, die sich mir bei der Zusammenstellung der 'zahlreichen, oft mit vielem Geist und stets in einem ausgezeichnetem hebräischen Style abgefaßten Werke des Hrn. F r i e d e n t h al aufdrängen. Seit fast 25 Jahren arbeitet Hr. Fr., in unabhängigen Verhältnissen lebend, als einer der tüchtigen Schriftsteller auf dem Gebiete des jüdischen A'ltecthums und der jüdischen Dogmatik i); mit einer bei- 1) Die mir bekannten Schriften dieses gelehrten und fruchtbaren Literaten, so viel ich sie früher vor Augen hatte, sind: 1) Ikre Emu na, oder die Dogmen des jüd. Glaubens. Hebräisch. (Der Vorläufer zu dem spätern ' großen Werke Jesod ha-Dat). 3 Bde. Breslau, 1818. 8. Sulzbach. Der Faden, der sich durch das ganze dreigetheilte Werk zieht, ist der mit einem großen Aufwande von Geist und Gelehrsamkeit geführte Beweis, daß der Mosaismus und Judaismus in seiner glänzenden Wahrheit die Zwecke der Humanität involvire und daß der Judaismus nur insofern ein Partikularismus sei, als er universell die Sache der Menschheit den Volkpartikularitäten gegenüber stellt. Daher auch das trefflich passende Motto: Jeder Mensch hat sein Idol, jedes Volk seinen Götzen, die Menschheit hat nur einen Gott.— 2) Jesod ha-Dat, oder die Grundfeste des Gesetzes. Eine ausführliche Charakteristik des jüdischen Partikulargesetzes mit einer ausführlichen Apologetik gegen die Angriffe des Klassicrsmus, Christianismus und Atheismus und in vollständiger Vergleichung rnrt den ethischen und dogmatischen Grundsätzen der heidnischen Völker. Band 1—4. Breslau, 1821. 4. Sulzhach; Band 5—6 ibid. 1822. 4. Sulzb.; Band? ibid. 1823. 4. Sulzbach. Auch dieses siebenbändige in ausgezeichnetem Hebräisch geschriebene Werk hat, wie das vorhergehende, den