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Der Orient · 1843-04-04 · Heft 14 (4.4.1843) · p. Seite 106

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Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 14 (4.4.1843)
Article
Beleuchtung des Aufsatzes: Vorwärts oder Rückwärts in der Preußischen Judenemancipation
Date
1843-04-04
Page
Seite 106 (sequence 2)
Language
German
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106 gleich als unser heiligstes mit dem Blute unserer edelsten Lugend erkauftes Recht in Anspruch nehmen, wie dies eine Vorstellung der Gemeinde zu Simmern an Se. Majestät klar und hoffentlich nicht erfolglos ausgesprochen hat. Aber was werden nicht für Ausflüchte gesuchtnur um nicht gerecht zu sein! So die statistischen Tabellen von Hoffmann und das durch sie veranlaßte Ministerkal-Reskript, wegen strengerer Beaufsichtigung der jüdischen Schulenich will nicht untersuchen, ob Beschränktheit des Geistes oder weites Gewissen den Statistiker zu seinen fehlerhaften Angaben und falschen Resultaten geführt, das erlaube ich mir aber zu bemerken, daß das offene Geständniß: durch unrichtige Angaben zu verletzenden Maßregeln verleitet worden zu sein, zur Rettung unserer Ehre nicht Noth thut, da die ganze Urt* Wahrheit der Behauptung anderweitig bis zur Evidenz nachgewiesen ist. Der allerneueste Vorwand, um uns das Recht zu versagen, besteht in dem Phantom vom christlichen Staate. Sie wissen, welche Ehrfurcht ich für die christliche Religion und ihren Stifter habe, und deshalb habe ich nicht zu besorgen, daß Sie es als Blasphemie nehmen werden, wenn ich be- * Haupte: Es giebt keinen christlichen Staat. Die Einwohner der christlichen Staaten sind allerdings oder nennm sich wenigstens Christen, die Staaten aberd Ist der englische Staat, mit seiner verknöcherten Kirche, der nicht einmal die Möglichkeit eines mildernden Pabstes vergönnt ist, indem er die Chinesen, weil siegegen das Lasterder Opium-Vergiftung Maaßregeln ergreifen, mit Krieg überzieht, ein christlicher? Iss der französische, indem er, um in Syrien Unruhen zu erregen, die Nichtswürdigkeiten des belgischen Jesuiten-Schülers Natimenton stillschweigend als seine eigenen übernimmt, ein christlicher Staat? Ist das Schachspiel der europäischen Diplomatie in Pera, die herbeigeführte und unterstützte Rebellion in Serbien christlich? Ja sind alle jene Kunstgriffe um das Volk zum blinden Köhler-Glauben rückwärts zu führen, jene wunderthätigen Medaillen, jene künstlich aufgeregte Anfeindung zwischen den christlichen Konfessionen, jene Allokutionen, jene Ghettos und Verweigerung des geweihten Kirchhofs für dramatische Künstler, jene Gewiffcnsbeschwörung des katholischen Gesindes, wenn es länger als ein Jahr bei katholischer Herrschaft dient, ist dies alles christlich? Wären.die Staaten wirklich christlich, so wäre ja der Messias gekommen und Juden und Heiden müßten ihn anerkennen, wie das Sonnenlicht, und aller Streit wäre geschlichtet. Bis dahin aber muffen, soll der Gott in der,Geschichte nicht verleugnet werden,' beide Ansichten die alt-, wie die neutestamentliche als eingesetzt, um sich vielleicht gegenseitig zu ergänzen, um zu einem Ziele zu führen, gleich hoch geachtet und beschützt werden. Es kann nicht oft laut genug gesagt werden, daß beide Religionen, die jüdische und ihre Tochter die christliche nicht im Gegensätze zu einander stehen, sondern neben einander hergehen sollen, um Gottes Reich herbeizuführen, und deshalb-muß die Synagoge wie die Kirche vom j Staate beschützt werden, und deshalb darf im bürgerlichen! Leben nicht der mindeste Unterschied zwischen Christ und Jul de statt finden, und deshalb trifft die Anklage, daß so manches ausgezeichnete Talent seine Gemeinnützigkeit durch ein frivoles Spiel mit dem Heiligsten, dem Glaubensbekenntniß •; erkaufen muß, den Staat nicht minder als die Neophyten. ( Vor einiger Zeit wurden zwar einige Maaßregeln bel kannt, die den Leichtgläubigen die Hoffnung gewähren möchf ren, als wolle man wirklich sich der Synagoge annehmen, als i solle die Charte — das Edikt vom 11. März 1812 — eine 'f Wahrheit werden; man braucht aber diese Maaßregeln nur t einigermaaßen reiflich zu erwägen, um zu der traurigen Uef berzeügung zu gelangen, daß es, wie schon so oft, so auch? diesmal eine — taube Blüthe sei. „Morgen seid ihr alle frei," schreibt der bittere Spott über den tauben Gefängnißthüren. Das Großherzogthum Posen — die Mark und Schlesien blieben unaufgefordert, vielleicht wird da zu viel Auskläj rung besorgt — sollen die Landräthe Gutachten und Vorschläge I über Synagogen- und Kultus-Reform von verständigen Juden, z mit Umgehung der unstudirten Rabbirwn abfordern und einsen- | den. Ihnen, dem unser Verwaltungswesen in all seinen Abstufungen wohl bekannt ist, brauche ich das Unausreichende und \ Unpraktische dieser Maaßreget nicht ausemanderzusetzen, wir j wollen aber gemeinsam den höhern Beamten bedauern, dem es, | wenn es überhaupt so weit kommt, auferlegt wird, diesen Wust Z der hetorogensten Ansichten zu lesen, und darüber — mit wel- 1 cher Befugniß? zu urtheilen. Sie fordern 1) Religionsunterricht beider Geschlechter in deutscher Sprache und Konfirmation, 2) wissenschaftlich gebildete Rabbiner und Religionslehrer, 3) würdevolle Form des öffentlichen Gottesdienstes — (mehr Würde, Ernst und Heiligkeit bei dem Ritus der Trauung, was sie auch fordern, wird aus Obigem von selbst erfolgen —). Sie fordern dies E Alles von den .Juden, ich fordere es für sie vom Staate. I Sie sagen selbst, daß im übrigen Deutschland hierin viel ge- E schehen, und fügen hinzu, daß unsere preußische Regierung hierin eine große Schuld zu süchnen habe, daß bei uns in? größern Gemeinden Aehnliches geschehe, doch die Sanktion der -- Regierung fehle: lassen Sie uns offen sein, bekennen wir, daß die Regierung bisher solchen Fortschritten nicht nur die Sanktion verweigert, sondern alle mögliche Hindernisse in den Weg legt. In Berlin wurden die ersten Versuche zur Synagogen-Reform verboten? man schützte Besorgniß für die Kirche vor. Wahrlich die Kirche verdiente keinen Schutz, und er würde vergeblich sein, wenn der Versuch einiger Juden, ihren Ritus zeitgemäß zu ändern, ihr Gefahr drohte! Das reformirte Iudenthum, behauptet man, führt zum Deismus; wir wollen nicht untersuchen, ob der Deismus etwas gar so Böses und Ansteckendes sei, daß dagegen Maaßregeln eines theologischen Kämpen nothwendig wären, wie aber das Iudenthum eine geoffenbarte, auf historischer Basis gegrün-

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