Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1843)
- Article
- Das hannöver'sche Judengesetz
- Date
- 1843-02-28
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
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66 die Civilisation die Schranken der Restauration durchbrochen. Diesem Vorwärts scheint man durch ein Gesetz Schranken setzen zu wollen. Es erinnert dieß an die Erörterungen der ersten .Kammer über diese Frage bei der Berathung* des Staatsgrundgesetzes, im Jahr 1832, wo. man die Meinung äußerte: die Juden dürfe man nicht emancipiren, wohl aber beschränken, darum 'muffe man durch ein Gesetz ihrem Umsichgreifen einen Damm entgegensetzen. Man sagt auch jetzt laut : dieß Gesetz ist ein Werk der ersten Kammer, welche damit ihre konservative Richtung vor allen andern bethätigen will. Es ist also bei der Errichtung dieses, mit Zustimmung der. Landstände abgcfaßten Gesetzes Princip gewesen, den Juden theils Stillstand theils den Rückzug zu gebieten, keineswegs aber sie zu emancipiren. Von Letzterm ist auch überall keine Spur im Gesetze aufzusinden. So gewahren Juden und Liberale, die Absicht, welche diesem Gesetze zum Grunde liegt. Die Hannoveraner sind aber alle liben-l, mit Ausnahme der Geistlichen, welche keinen Willen haben, der Beamten, welche es nicht wagen, einen Willen zu äußern, des größten Theils des Adels, weil er durch den Liberalismus fid> in seiner Stellung bedroht sieht. „Mit dem Juden fängt man an, mit dem Bauer hört man auf" sagen schon bei uns die Landleute. Das Judengesetz ist eine neue Erscheinung, die den Hannoveranern von solch' großem Jntereffe erscheint, daß si> es an die seit 1837 sich zugetragenen Hauptcreignisse reihen. Man denkt mehr an das eigene als an das Interesse der Juden, wozu vielleicht das Mißtrauen viel beiträgt, worin nun einmal der Hannoveraner seit einer Reihe von Jahren befangen ist, und das sich nicht mindert, sondern von Jahr zu Jahr vermehrt. Meine Landsleute sehen Alles schwarz, und ich weiß nicht, ob. sie recht sehen , aber sie sehen nun einmal so. So viel darf ich aber als eine faktische Wahrheit berichten, daß ich auch bis heute noch nicht einen einzigen Christen gehört habe-, der sich mit diesem Gesetze zufrieden ausspricht. In den gesellschaftlichen Zirkeln wagt es selbst der anders Denkende nicht, das Gesetz zu vertheidigen. Dieß Schweigen ist auch ein Zeichen der Zeit. . Man vergesse nicht, daß es sich hier nicht um eine Menschenklasse handelt, welche aus dem rechtlosen Zustande in den Rechtszustand, dm sie noch nicht kennt, einschreiten will, sondern die aus dem materiellen und formellen Rechtszustande von 1807—1814, und aus dem materiellen Rechtszustande von 1815—1842 in den rechtlosen Zustand zuräckgeführt werden soll. Menschen, die alle politische und bürgerliche Rechte genossen, Staats- und Gemeinde-Aemter bekleidet, Advokatur und Arzneipraxis betrieben, .Grundeigenthum erworben haben, Fabriken, Manufakturen besitzen, Wissenschaften und Künste verherrlichen —, werden, weil sie nicht an Christum als den eingebornen Sohn Gottes glauben, aus diesem Rechtszustande in die mittelalterliche Rechtlosigkeit zurückgeworfen, indem ihnen die politischen'Rechte entzogen werden, sie keine Staatsämter und Gemeindeämter bekleiden und kein Grundeigenthum erwerben sollen. Leiblich und in dessen Folge geistig würden die Juden auf solche Weise ins Verderben kommen. Um zu leben d. h. Essen, Trinken, Kleidung müßten sie wieder zum Schacher greifen, und der giebt ihnen nicht Mittel, geistige Bildung zu erlangen. Die Juden, welche man zur Zeit des Schachers für/ eine Landplage erkannte.,. würden nun noch eine gefährlichere . Kalamität für sich und Andere werden. Der Bürger und Bauer sehen diese Gefahr, welche Beiden droht, nur der Adel sieht.sie nicht, weil sie ihn nicht treffen kann. So glaubt er; aber dürfte das.nicht Jrrthum sein? Adel und Geistlichkeit waren immer im Jrrthum und scheinen nicht daraus zu kommen. So war es in Frankreich, in Spanien und bei uns, zu der Zeit da Napoleon in Deutschland herrschte. Napoleon sagte von den Bourbons: sie haben nichts vergessen und nichts gelernt. Dieß darf man auch von Andern sagen. Die Legitimisten zweifeln nicht, daß in Frankreich has alte Regiment von 1789 wieder hergestellt wird. So ist's. heute auch in Spanien, und wie in Deutschland? Das sahen wir mit sehenden Augen am Hellen Tageslichte. Der ewige Friede ist für gewisse Leute ein unerschöpflicher Glaubensartikel geworden, und was sich in Fnedenszeiren erschleichen laßt, hat uns Erfahrung gelehrt. Wenn aber in einer langen Friedenszeit die Kultur und Bildung ungehindert vorschreiten, so stärkt sich die Civilisation , die Künste verherrlichen das Leben, die Wissenschaften steigen von Stufe zu Stufe höher, die materiellen Interessen bilden sich zu einer Macht, die steigende Wohlhabenheit, die Vermehrung des Eigenthums kräftigen den Bürger und der dritte Stand.erkennt, daß er dahin gelangt, nicht mehr für Adel, Beamten und Geistlichkeit, sondern für sein eigenes Jntereffe sich zu erheben. Er ist schon dahin gelangt, für eigene und nicht für fremde Rechnung zu arbeiten, nur für seine Person und sein Vermögen sich zu opfern. Er hat erkannt,, wozu und wofür sein eigenes Dasein vorhanden ist. Die Bürger (Geistlichkeit, Adel, Beamten nur in der Eigenschaft als Bürger) formiren und bilden die große Gemeinde, welche wir den Staat nennen. Die Juden in ihrem gegenwärtigen vorgeschrittenen Kulturzustande sind es aber, die dem Bürgerstande materiell und formell auch angehören, wodurch der dritte Stand verstärkt wird. Der Adel, welcher keinen Zuwachs bekommt, weder an intelligenten noch materiellen Kräften wird dadurch geschwächt, wenn der dritte Stand sich vermehrt. Dieß ist so einleuchtend, daß kein Zweifel darüber obwalten kann. Die alte Maxime: divide et impera! hört man aber noch heute. Erst die Juden von den Christen, dann die Beamten von den Staatsbürgern, dann die Städter von den Bauern, wiederum die Städter und die Bauern in zehn verschiedenen Fraktionen! Indem man so über eine Fraktion herrscht, gebietet man über alle. Die alte Lehre Machiavells, diese Krämerpolitik, ist jedoch schon längst verbraucht. Sie gelingt nicht mehr, wenigstens nicht auf die Dauer. Der dritte Stand weiß, daß wenn ein Glied leidet, der Schmerz durch den ganzen Körper geht. Er wird sich darum nicht wieder trennen lassen. Wird auch formell die