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Der Orient · 1843-02-14 · Heft 7 (14.2.1843) · p. Seite 50

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Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 7 (14.2.1843)
Article
Die Juden und die Hochschulen
Date
1843-02-14
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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50 zersplitterten Kräften möglich ist, seit Mendelssohn für Andauung einer' Wissenschaft des Judenthums.gethan; seit länger als einem halben Jahrhundert beweisen die Juden thatsächlich, daß der denkende Geist sich auch außerhalb des Christenthums maniftstiren kann, wenn auch die Unwissenheit und Vornehm- Lhuerei diese Bestrebungen ignorirt. Man braucht nur einen unparteiischen Blick auf das wissenschaftliche Streben unter den Juden in der Gegenwart zu werfen, um sich zu überzeugen, daß'es endlich an den Zeit sei, die Wissenschaft des Judenthums zu beachten; die gelehrten Arbeiten von Arnheim, Asher, Carmoly, Cahen,Caffel, Dukes,Formstecher Frankel, Fürst, Geiger, Hirsch, Hirsch Chajes, Hirschfeld, Jost, Landau, Lebrecht, Löwe, Luzzatto, Munk, Rapaport, Reggio, Salomon, Steinschneider, Steinheim, Sachs, Zunz tu A. haben, obgleich nur auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft entstanden, längst dargethan, daß die Wissenschaft des Judentums eine Aufnahme unter den Studien der Hochschule verdiene. 3) Die Errichtung oder Gründung einer jüdisch-theologischen Fakultät. Seit zehn Jahren wurde schriftlich und mündlich dieser Gegenstand unter den Juden verhandelt, da die neuern jüdischen Theologen schon seit 1819 das Studium der jüdischen Theologie nach'alter hergebrachter Weise, bestehend in dem Erforschen des Talmudismus und Mosaismus im Sinne der prakrisch-rabbinischen Orthodoxie, ohne wissenschaftliche Kritik, aufgegeben, und das Bedürfniß nach einer wissenschaftlichen jüdischen Theologie das allgemeine Bedürfniß wurde. Zunz wünschte schon eine solche Fakultät als Pflanzschule für die' jüdische Theologie, dasselbe thaten nach ihm viele jüdische Gelehrte, und Geiger sprach sich darüer in seiner wissenschaftlichen Zeitschrift für jüdische Theologie (B. N. S. 1 — 21) in klaren, eindringenden Worten aus; aber Keiner wußte diese Idee so populär und allgemein zu machen als Dr. Philipp so n, Religionslehrer der Judengemeinde in Magdeburg, obgleich sie nur eine Kopie der geigerischen Aeußerung war. Den 24. Oct. 1837 übergab er in Nr. 88 seiner allgemeinen Zeitung des Judknthums dem Publikum eine Aufforderung, durch Unterschriften einen eisernen Fond von 100,000 Thalern herbeizuschaffen, um von dessen Zinsen eine jüdisch-theologische Fakultät und ein jüdisches Seminar errichten und erhalten zu können. Diese Aufforderung hat dadurch, daß sie in einer jüdischen Zeitung erschienen und in den verständlichsten, allgemeinfaßlichsten Ausdrücken abgefaßt war, die größte Verbreitung und Allgemeinheit gefunden: das Journal des Debats, der Hamburger Korrespondent, die Universalkirchenzeitung und fast die meisten belletristischen Blätter lenkten sogar die Aufmerksamkeit des christlichen Publikums auf diesen Gegenstand; altgesinnte Gemeinden wie neugesinnte erkannten die Wichtigkeit einer solchen Fakultät und selbst die Indifferentesten unter den Juden wurden aus ihrer Thatlosigkeit aufgerüttelt. Allein bald zeigte sich auch der große Nachtheil für diese Angelegenheit in der Persönlichkeit des Dr. Philippson, da dieser sich nicht einmal einen mittelmäßigen Ruf in der Wissenschaft erworben und doch so anmaßend als Führer und. Leiter der Juden auftrat, daß die Gebildeten sich allenthalben zurückzogea und erst abwarten wollten, bis seine Anregung in den Hintergrund getreten sein'wird. Zwar bildete sich tu Hamburg ein Verein zur Beförderung der Subscriptionen; das Obervorsteherkollegium in Breslau erließ ein Cirkular an seine Gemeinde, aber nach Verlauf von Jahren waren trotz aller Bemühungen der Vereine kaum 13,000 Thaler gezeichnet, da die Gelehrten und in deren Gefolge auch die Neichen und Bemittelten sich ganz zurückgezogen. Im Jahre 1838 gab nun auch Dr. Geiger ein Schriftchen über diesen Gegenstand heraus, welches durch seine gesunden Ansichten und wissenschaftliche Abfassung viel kräftiger auf die Gebildeten einwirkt, und es wird vielleicht nicht überflüssig sein, hier einen kleinen Bericht über dasselbe zu geben, zumal da es in vielfacher Beziehung in den Kreis dieses Blattes gehört. Die allgemeine unter den Juden jetzt geltende Ueberzeugung, daß die jüdisch - theologische Fakultät eine gewisse Haltung in der Wissenschaft und heilsamen Eindruck auf's Leben erlangen kann, führt den Vers, zur Schilderung des Wesens unsrer Hochschulen selbst und ihrer großen Bedeutung für deutsche Wissenschaft und deutsche Bildung, welche Schilderung aber mit den Zwecken und Absichten, welche die Regierungen mit unfern Hochschulen haben, so im Widerspruche steht, daß es zwar beschämend, aber an der Zeit sein möge, die Stimme eines Juden über die Hochschulen zu hören. „Die hohe Stuft, welche die deutsche Wissenschaft und die deutsche Bildung einnimmt, hat sie den Lehranstalten und vorzüglich den höchsten, den Universitäten, zu verdanken. Der schöne Ooppelzweck, welchen diese in sich tragen, macht sie allein fähig, der Stolz Deutschlands und seine geistige Kraft zu sein. Unsre Universitäten sind in ihrer eigenthümlichen Weise der Sitz der freien Wissenschaft und die Hochschulen zur Ausbildung in de-n einzelnen Berufsfächern. Sie sind nicht blos ein Nebeneinander von einzelnen Seminarien, in welchem die Leute zu den Fachwissenschaften, zu den sogenannten Brodstudien die höhere Ausbildung erhalten; sie bilden vielmehr ein Ganzes in sich, dessen einzelne Theile organisch und harmonisch ineinander eingreifen, und nur so vermag die wahre Wissenschaft Pflege und Jünger zu erhalten. Es giebt ein höheres eigenthümliches Leben wissenschaftlicher Gesammtanschauung, als die Gelehrsamkeit in einem einzelnen Fache sich in ihrer Abgeschlossenheit denken mag; es giebt eine Betrachtungsweise, welche sich nährt an der Erkenntniß der in dem praktischen Leben und in der Fachgelehrsamkeit fern von einander gehaltenen Gegenstände, und diese höhere Einsicht, welche den Einzelnen lehret, seinen Beruf und seine Stellung angemessen «zu würdigen, und für sich in dem Gefüge des großen Ganzen den rechtenv Platz zu finden, wird auf jenen Sitzen der Gesammtwissenschaft am sichersten gewonnen. Traurig wäre es," wenn ein Jeder ln einsamer Hingebung an sein Lieblingsfach fremd dastehen müßte vor allem Andern, was der Geist schafft und wirkt, wenn er nicht begreifen könnte.

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