Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1843)
- Article
- Die Juden und die Hochschulen
- Date
- 1843-02-14
- Page
- Seite 51 (sequence 3)
- Language
- German
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51 was Anderes noch den Gedanken bewegt, und er dann wiederum nicht begriffen würde, eben weil er nurin seinem Reiche lebet und den einzelnen Zweig zum Lebensbaume, umschaffen will! Dieser Einseitigkeit wirken unsre Universitäten entgegen schon durch die gewaltige Macht ihres Daseins. Dabei verlieren sie jedoch ihren wesentlichen Zweck nicht, den Einzelnen, an den das Gebot der Gottheit ergeht, mit aller seiner Kraft auf einen kleinern Boden sich zu beschränken, damit er ihn fruchtbar mache, in den seinem Berufe nöthigen Erkenntnissen für's Leben auszurüsten. Dafür ist ja eben die Eintheilung in Fakultäten, und ein jeder einzelne Thell der Wissenschaft hat seine besondern Lehrer, welche grade ihn in jeder-Weise ebensowohl weiter zu bringen, als auch den Jüngern zu ihrem Eigenthume zu machen bemüht sind. Von Deutschlands Universitäten ist daher eine jede tiefere geistige Bewegung ausgegangen, und wir dürfen einem jeden Streben, welches dort Anklang findet, ein herrliches Gedeihen verkünden, denn es hat den edelsten und gediegensten Kern der Nation erfaßt, und wiederum nur was dort seine Vertretung findet, kann kräftig Wurzel schlagen.. Wohl stehn, wir jetzt im Leben nicht so abgerissen da, daß auch da die verschiedensten geistigen Interessen nicht ihre Berührung finden, aber das umfassende geistige Streben kann da nicht so befruchtend werden« Der Mann des praktischen Berufes ist eben verpflichtet, die gewonnene Einsicht für das Leben unmittelbar nützlich zu machen, und darf selten daran denken, die Wissenschaft, nicht einmal seine, in ihrem Zusammenhänge zu verbreiten, noch weniger zu erweitern. Der Arzt wie der Rechtskundige, der Religionslehrer wie der Sprachkundige, sie haben für die einzelnen Fälle ihre Kenntnisse anzuwenden, bald die hohern bald die niedrigen Theile-ihrer Wissenschaft zu benützen, aber keineswegs ihr, als einer reinen Erkenntniß zu leben; ja sie, welche zunächst auf die Anwendung hingewiesen sind, möchten manche Untersuchung scheuen, welche ihnen ihren frühern geistigen Erwerb in Frage stellt, da ihnen vorläufig di> Stütze fürs Leben dadurch entrissen würde. Wie könnte aber da die Wissenschaft gedeihen, wie konnte der Fortschritt des menschlichen Geistes in ihr sich kund geben, wenn die Anwendung alle Kräfte in Anspruch nimmt, wenn sie die Bewegung nicht gestattet? Der Fortschritt im Leben müßte schwinden, wenn die Pulsadern, die es treiben, stockten." Nach einer solchen Anschauung von den Hochschulen fordert Geiger eine Vertretung der jüdischen Theologie, die wie die protestantische und katholische Theologie an unfern Hochschulen ihre Lehrer und Muster finden müsse, was nur durch die Gründung einer jüdisch - theologischen Fakultät an unfern Universitäten geschehen kann. Fast eine Million Bekenner des Judentums leben mitten im germanischen Volke oder unter den vom Gcrmanenthum durchdrungenen Slawen und auch ihr Glaube, der doch der Quell des Christenthums und einer wissenschaftlichen Behandlung fähig ist, bedarf, schon vom Standpunkte der Humanität betrachtet, einer wissenschaftlichen Vertretung. Wie die jüdische Theologie war, haben wir nicht mehr zu fragen; denn sie war gewiß nicht schlechter als die christliche Theologie im Mittelalter; sondern wie finden wir sie vorbereitet und welche Vertretung, welchen Fortschritt hat sie nun nöthig? Daß die österreichischen Hochschulen ihr das nicht bieten können, ist klar, da sie den deutschen Charakter der Universitäten abgelegt, und überdies die freie Forschung namentlich auf dem Gebiete der Theologie dort keine Freistätte finden kann; aber auch viele deutsche Universitäten werden kaum zu einer Stätte passen, wo die jüdische Theologie kühn mit der Theologie anderer Konfession ungehindert in die Schranke treten kann. Von Preußen und von Waiern kann keine Rede sein; unter den freiern Universitäten der kleinern deutschen Staaten ist aber auch keine in jeder Beziehung so zur Gründung einer jüdisch-theologischen Fakultät geeignet als die in Leipzig, wo der Staat noch nicht ganz den alten Geist der Universitäten verwischt, wo die akademischen Glieder frei von aller Engherzigkeit und Unfreiheit sind, und wo das Christenthum es noch nicht bis zum Pietismus und zur Intoleranz gebracht. Zwar hat, wie --wir gehört, der König von Würtemberg sich nicht abgeneigt erklärt, schon bei einem Fond von 20,000 Thalern eine solche Fakultät in Tübingen gründen zu wollen, aber Leipzig scheint auch in äußerer Beziehung, als Mittelpunkt Deutschlands Vieles für'sich zu haben. Es gilt vorerst nur etwa für drei jüdische Professoren der jüdischen Theologie jährlich vielleicht 2000 »Thaler verausgaben zu können. Die Interessen von 13,000 Thalern sind da, es wäre blos nöthig durch Subscriptionen zu jährlichen Beiträgen die noch erforderliche Summe zu decken. Ist dies erreicht, so säume man nicht mit der Begründung. Bald werden Legate eine Erweiterung möglich wachen. Ich enthalte mich der Darstellung, wie die Wissenschaft des Christenthums dadurch gewinnen könnte und verspüre dieses für einen andern Ort, und wünsche nur, daß Männer von Beruf diesen Gegenstand weiter entwickeln mögen. — Großbritannien. London, 1. Febr. Sir Moses Montefiore trifft, wie wir aus guter Quelle vernehmen, bereits seine Vorbereitungen zur Reise nach Rußland. Wir hoffen, daß ec auf dem Wege dahin einen Theil Norddeutschlands besuchen wird. Dadurch würde nicht blos seinen zahlreichen Verehrern in Deutschland, zumal in Hamburg, die Gelegenheit geboten, ihm persönlich ihre Hochachtung zu erweisen, sondern es ließe sich selbst durch die Wahl dieser Route Ersprießliches sür den Zweck, dessen Erfüllung er sich zunächst vorgesetzt hat, erwarten und hoffen. / Er würde die Ueberzeugung erlangen, daß alle Parteien unter den deutschen Juden in der gewissenhaf-