Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1843
- Issue
- 5 (31.1.1843)
- Article
- Das rabbinische Judenthum
- Date
- 1843-01-31
- Page
- Spalte 67-68 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/8555529-9897774-9897782-2368302--2504-2368333- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
67 Das rabbmische Judenthum. Abverlangtes, aber ungedrucktes Votum vom Rabb. Fasse!. 68 „Die Beschaffenheit der vier vorgelegten Fragers läßt es nicht zu, sie in Bezug auf Anordnung und Eintheklung der Antwort' zu Grunde zu legen. Lheils ist schon gegen die Fragen an sich manches Formale einzuwenden, soz. B. werden conträre (nicht contradiktorische) Gegensätze als nothwendige Alternative hingeftellt; dann der Gebrauch so mancher vager Ausdrücke, die in den Lagesblättern so oft als Gemeinplätze verwendet werden, ohne daß man recht weiß,, welcher Begriff damit zu verbinden sei, als: „Fortschritt, ' Stillstand, Bildung u. dgl. Anderseits aber ist das Verhältniß der Fragen zu einander nicht' das des Ueberganges' von Grund zu Felge, vielmehr greifen sie kreuzweise Ln einander. Da ich jedoch ihren Gedankenkern entnommen zu haben vermeine, glaube ich es vorziehen zu.'müssen, eine selbstständige Untersuchung in der durch die Umstände gebotenen Form 'vorausgehen, und die daraus resultirende Erledigung der vier Fragen folgen zu lassen. Der Standpunkt für die folgende Erörterung kann nur der des r a b b i n i sch e n I u d e n t h u m s sein. Denn das Iudenthum selbst in Frage zu ziehen, die Wahrheit desselben überhaupt, und des Rabbinismus insbesondere philosophisch-historisch zu untersuchen, darauf kann und werde ich mich nicht einlaffen. Ich bin einmal zu der innern Ueberzeugung gelangt, daß sowohl die mündliche als die schriftliche Lehre von Gott durch Mose uns gegeben sind; ich Halte für fest, daß nur, wenn wir im Geiste des Talmud wirken, Heil für Israel erwachsen kann; diese Grundsätze zu untersuchen und Gründe dafür anzugeben, ist hier der Ort nicht. Auch rede ich ja mit einer Gemeinde, die dem rabbinischen Iudenthum angehört, und nicht die Absicht hat,/sich demselben zu entziehen, für welche also alle Beweise der Philosophie zu keinem praktischen Resultate führen würden. Aus demselben Grunde sollen uns auch nur als Quellen und Autoritäten gelten: die h. Schrift, und die allgemein angenommenen Ansichten der Nabbinen; und der Kürze halber belegen wir unsere Ansichten bloß durch Bücher des Talmud, Maimonides und des Schutchan Aruch. Wir führen unsere Untersuchung auf drei Fragen zurück. 1. Worin bestehet das Iudenthum überhaupt, und das rabbmische insbesondere? 2. Ist ein Lossagen vom Iudenthume möglich? Welche Folgen hat es? Und wodurch manifestirt es sich? 3 Welche 'äußere Mannigfaltigkeit, ist bei der innern geistigen Einheit des Rabbinismus möglich? Au 1. Das Iudenthum bestehet: a) in Grundsätzen. 1>) in Satzungen. Die Grundsätze sind allbekannt und in jedem Religionsbuche enthalten. „Gott ist einig-einzig. Das Urwesen aller Dinge und 'ewig. Ünkörperlich. Seine Vorsehung waltet .überall, über das Ganze wie über das Einzelne, darum weiß und kennt er alles, auch das Innere des Menschen, und darum sollen wir' nur ' zu' ihm und zu sonst keinem»Wesen beten, keinen Mittler, keinen Engel anrufen,-um bei Gott Fürsprecher zu sein. Einmal hat sich.Gott offenbart, und uns sein Gesetz durch Mose auf Sinai gegeben, und dieses Gesetz ist unveränderlich und unvergänglich. Und sind'auch die Worte aller Propheten wahr, .so ist doch. Mose der höchste Prophet', derje gelebtchat und'je leben wird, darum kann das Gesetz, das Gott durch ihn gegeben, von keinem Wesen aufgehoben, oder in ein neues umgeschaffen werden. Unsere Seele ist unsterblich, und wird dort ärnten dm Lohn dießseitige? Thaten. Und''kommen wird die . Zeit, wo das Reich Gottes überall sichtbar, und durch seinen zu schickenden Erlöser von allen Menschen erkannt werden wird." 'Dieses sind die dreizehn Glaubensgrundsätze des Maimonides. Albo in seinem Buche Jkkarim reducirt sie auf drei: „Dasein Gottes, Offenbarung, Vergelt un g." , Das rabbmische Iudenthum. begreift 'in dem Glauben an die Offenbarung nicht blos das schriftliche Gesetz (die Tora), sondern auch eine mündliche Lehre, und zwar Gesetze, (TOonra1? fiD^n) Auslegungsarten der Schrift, und gewisse Machtvollkommenheiten für die Religionsbehörden und die Weisen. (Siehe Maimonides: in seiner Vorrede zum'Mschna-Commentar.) . Die Grundsätze, welche weder ein Thun noch ein Lassen, sondern ein inneres Fürwahrhalten verlangen', unterliegen durchaus keiner Modifikation. Es ist keine Zeit und kein Verhältnis', das ihre Gültigkeit im geringsten schwächen könnte. Für sie müssen wir unser Leben opfern, und haben es auch gelhan. In der Marterkammer, auf Blutgerüsten und Scheiterhaufen ertönte dies unser Glaubensbekenntnis;. Sie sind uns das absolut Gute, das über alle Verhältnisse der Zeit und der Umstände erhaben, für uns unabänderliche, allgemeine und ewige Gültigkeit hat. Diese Grundsätze sind endlich nicht nur keinem eimzigen Moralprincip, sondern auch der Bildung (so weit dieser Begriff sich auch ausdehnen läßt, ohne Verbildung, Freigeistern, Vermchtungsglaube u. dergl. darunter zu verstehen) nicht entgegen. Ich wundre mich demnach sehr, wie in Dero geehrter Zuschrift (Frage 3) die Rede sein kann von Grundsätzen, die mit der Bildung streiten. Von solchen weiß ich nichts, und sie gehören durchaus dem Iudenthume nicht an. Aus dem Grundsatz der Offenbarung erwächst für uns die Pflicht: die Satzungen, welche vermöge ihres Fürwahrhaltens durch die Offenbarung geboten sind, zu befolgen. Diese Satzungen sind kheils mosaisch, (Heils rabbinisch, letztere kraft der Machtvollkommenheit, welche die traditionelle Deutung der Schrift uns lehrt, von Gott den Weisen eingeräumt worden. Beide sind in allen ihren Abstufungen für uns bindend; nämlich Satzungen, die aus der Schrift deutlich zu erkennen sind, dann solche, die von dm Weisen als solche angegeben sind, wenn wir auch aus dem Wortsinne der Schrift sie nicht entnehmen könnten, ja sogar nicht die geringste Spur davon in der Schrift finden sollten; endlich solche, die als rein rab-