Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1843)
- Article
- Die israelitische Freischule in Hamburg
- Date
- 1843-01-24
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
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— 26 — Ende der Stunde unsere Sitze. Denn wir hatten immer etwas' gelernt, unsere Ideen waren bereichert, und hatte der Hr. Dr. Kley uns in diesen Stunden mehr mitreden — in seinen deutschen uns mehr mitdenken lassen, wären die stilistischen Uebungen mit diesen Stunden verbunden gewesen — statt sie vereinzelt zu behandeln, dann.hätte Dr. Kley sich die Trauer erspart, die er. stets empfand, wenn er uns unsere Hefte zurückgab'mit den kindisch-albernen Sätzen, für deren Durchsicht er die Nächte opferte. Den Schüler zu einer erfreulichen Selbstthätigkeit hinzuleiten, das ist die Kunst des Lehrers und der Lehrer muß ein großer Künstler sein!. Es wäre hier am Orte auch Einiges über den französischen Unterricht zu sagen, aber was ich darüber sagen könnte, ist aus Obigem zu entnehmen. - Nur zwei Stunden wöchentlich sind diesem Unterricht gewidmet und nur in den höhern Klassen (jetzt auch in der dritten); der Lehrer kann also nicht so selbstständig wirken. — Daß bei den Schülern so wenig Liebe dafür herrscht, liegt aber auch zum Theil an der Gleichgültigkeit, mit der der Oberlehrer den Schülern dies nachsieht: Ich erinnere mich einer Zeit, da der größere Theil der Schüler bei der Censurvertheilung einen Strich bei diesem Gegenstände-hatte — weil der Lehrer eine völlige Theilnahmlosigkert an dem Unterricht nicht anders bezeichnen konnte; es ward sehr wenig darüber gesprochen und so blieb's beim Alien. Es sollte doch wahrlich kein Gegenstand ohne Ernst getrieben werden, denn in einer Volksschule wird nichts Ueberflüfsiges gelehrt, und glaubt man das, so streiche man lieber den Gegenstand ganz. Ich wende mich jetzt zum zweiten Hauptlehrer Dr. Wohlwill. Die stylistischen Uebungen mußten mangelhaft gewesen sein, sonst hätten sie besser auf den deutschen Unterricht zurückgewirkt. Es ward hierbei viel Zeit vergeudet, mit der man doch bei zwei Lehrstunden wöchentlich hätte sparsam fein sollen. , Welchen Nutzen konnte es gewähren, Aufsätze, die schon einmal ins Reine übertragen waren (so war der technische Ausdruck der. Abschriften) und vom Lehrer corngirt, zum.zweiten Mgl denselben Prozeß durchmachen zu lassen? — Orthographie, das muß ich zugebeü, haben wir auch hierbei gelernt — aber war das der einzige Zweck stilistischer Uebungen? — , Dr. Wohlwill unterrichtete ferner in Naturgeschichte, Geographie, Geometrie und Geschichte. Die Darstelümg seiner Methode ist ein trauriges Geschäft — das Tadeln ist es immer. Aber Dr. Wohlwill ist ein geistreicher Mann, wissenschaftlich durchbildet; wie war es möglich, daß er eine so geistlose Methode beim Unterricht der Jugend anwenden konnte? Jeder, seiner Lehrgegenstände ein Magnet für den Geist, auch für den jugendlichen Geist aber es war ein todtes Treiben, ein bloßes mechanisches Auswendiglernen des aus einem Buche Wordictirten; lernen wir die Natur aus einem Buche kennen, die Geographie aus dem Buchstaben? heißt es Geschichte lernen, den kleinen Bredow im Gedächtniß haben, oder das Heft? Das Buch soll den Unterricht stützen,'das ist nothwendig, aber darf es uns Alles in Allem sein? Nur wenniem Knaben Anschauliches gegeben wird, wird er es capiren und ganz zu seinem Eigenthum machen können. Ich darf nur mit dürren Worten bei einem Gegenstände die Methode darstellen (sie war bei allen dieselbe), um jeden zu überzeugen, daß sie nicht mangelhafter sein konnte. Dr. Wohlwill dictirte aus einem Buche, das ist mir nicht bekannt, ob aus einem Compendium oder selbstständigen Auszug aus einem größern Buche, uns einen Abschnitt vor, einer der Schüler oder wir Alle nach der Reihe buchstabirten Wort für Wort , nach, die Stunde ging zumeist damit hm,, eine genauere Erläuterung ward uns selten gegeben, im Hause mußte das I^6N8üm ins Reine übertragen und auswendig gelernt werden. Aus jeder Bank wurde ein Schüler gewählt, es herzusagen. So mußten wir's freilich alle lernen, denn wir konnten nicht wissen, wer gewählt werden würde, ließen es indeß oft auf's gute Glück ankommen. Dann gings zu einem Abschnitt weiter. So heute wie morgen. Wir lernten und wußten nicht was und vergaßen sehr bald wieder', was wir nicht begriffen hatten. Vom Buch zum Hefte, Alles im Heft und Nichts im Kopfe. Das klingt vielleicht paradox, aber es ist die treueste Wahrheit. Wir lernten Geographie ohne Karten im Hause zu haben und es frappirte den Lehrer, wenn er bei dem Besuche eines Directors unser Wissen produciren wollte, wir aber weder wußten woher und wohin der Rhein, noch wo Brocken und Harz, wo wir nicht einmal mit dem Finger gewesen waren. — Eine unerhörte Zeitvergeudung, nutzlose Verwendung der jugendlichen Kräfte, und Alles zielte darauf hin. Orthographie zu lernen, und schöne reine Hefte zu haben, ein löbliches Bestreben; denn Orthographie ist das Nothwendigste und Ordnung, sagt man, sei.die Seele des Lebens aber war dazu Geographie, Geschichte, Naturgeschichte rc. nöthig? Und mehr haben wir nicht gelernt. Nicht der mangelnde Geistden man doch bei Allen nicht nehmen kann, nicht die mangelnde Fähigkeit, die man bei den Schülern überhaupt und in einer Schule sicher nicht präsumiren darf, war daran Schuld, allein und lediglich die Methode, für den Lehrer bequem und der Schüler darbte. Bei. keinem Gegenstände Anregung genug, wir alle Marionetten, im Scheinleben handelnd. Ein Uebelstand war allerdings der Mangel an Lehrbüchern, diese aber konnten die Schüler nicht selbst herberschaffen, es war ja auch eine Schillingskaffe für diesen Zweck, durch die wöchentliche Beisteuer .der Schüler.. Durch ihre Herbeischafsung wäre viel Zeit gespart worden. Dürfte die Oekonomie des Hrn. Dr. Kley so weit, gehen. Den Schülern das Unentbehrlichste zu versagen, oder haben die Lehrer dieNothwen-- bigkeit der Lehrbücher nicht zu würdigen gewußt? — >. Durch ein besonderes Institut suchte Dr. Wohlwill für unsere Belebung zu sorgen. Wir mußten (in der erstem Klaffe) jeden Monat einen geschriebenen Bogen einliefern, Wlumenlesi'n aus Dichtern, Erzählungen, Gedichte, Charaden rc. Wir wählten sie zumeist aus den Büchern, die wir aus der Schulbibliothek entlehnten. Da aber zmn Vorlesen dieser Arbeiten keine bestimmte Zeit war, so wurden die Reste aller Stunden genommen. Wenn die Naturgeschichte rc. vordictirt und nachbuchstabirt war, so war die Stunde zu Ende, die noch übrige Zeit wurde darauf verwandt, jene Arbeiten vorzulesen Und doch waren nur für jeden der benannten Gegenstände zwei Stunden in der Woche. Oie Monatsarbeiten waren recht gut, wir vergnügten uns dabei, hätte man sie nur der Lehrstunde überwiesen und mehr darauf gesehen gut und verständlich vorzulesen, ein noch wendig es Requisit der Bildung, das in den Schulen gar sehr vernachläs- ' sigt wird. - Dr. Wohlwill war auch Verwalter der Schulbibliothek. So lange wir noch wöchentlich einen Schilling bezahlten, erlangten wir mit wenig Schwierigkeit ein Buch, als Bezah-, lung aufhörte, ward es uns erschwert. Wir konnten nur nach 14 Tagen ein Buch bekommen, früher jede Woche (behalten durften wir es jedoch nur eine Woche) und zwar nur dann, wenn wir keine Zeichen des Tadels hatten. Diese aber bei Dr. Wohlwill nicht zu haben, war gar schwierig für einen Knaben, der nicht ganz ohne Leben war. Dreheten wir uns