Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1843
- Issue
- 1 (3.1.1843)
- Article
- Immanuel
- Date
- 1843-01-03
- Page
- Spalte 5-6 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/8555529-9897774-9897772-2368056--2431-2368092- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
5 v Immanuel. Biograph, und literarhistor. Skizze. Bon M. Sider. dm Handel mußte bald eine große Anzahl von Juden aus dem römischen und fränkischen Reiche, nach Südgallien locken. Vielleicht hatten auch die von Carl Martell (711) zurückgeschlagenen Araber einige von den ihren Zügen nachfolgenden Juden zurückgelaffen: keinesfalls aber wäre die nachfolgende Entwicklung auf diese zurückzuführen. Schon unter dem milden Sceptec Carls des Gr. und Ludwigs des Heiligen (800—840) war Lyon der vorzüglichste Handelsplatz derselben, von wo die Waaren des Orients weiter ins Binnenland versendet wurden, und der dortige Erzbischof Agobard ist höchst entrüstet (830), daß die predigten der Rabbiner allgemein beliebter wären, als die der Geistlichen und Mönche!^) So lange aber die Pyrenäen eine unübersteigliche Grenze arabischer und christlicher Macht und Bildung blieben, konnte auch die jüdische Gelehrsamkeit der Provence sich nicht von der Nordfrankreichs und Italiens unterscheiden. Kaum hatte aber jene eigenthümliche Stellung der Provence zu dm von arabischem Geiste nicht ganz abgelösten christlichen Ländern Nordspaniens begonnen, als auch schon die jüdische Gelehrsamkeit daselbst, unter einer milden Regierung, sich in Art und Grad rühmlichst auszeichnete. Rabbi Mosche Ha-Darschan aus Narbonne ' (2. Hälfte des 11. Iahrh.) ist nicht blos der erste bedeutende Sammler der bisher productiven Hagada, sondern auch ein Kenner des Arabischen b), und ein Talmud-Lchrer, dessen Ekgenthümlichkeit und weiter Ruf aus dem Zusammenströmen seiner Schüler von fernen Punkten, und aus der Richtung ihrer eigenen Studien zu entnehmen ist. Wir nennen hier nur R. Salomo, genannt Rasch i, aus Troyes, den merkwürdigsten Erklärer des Talmud, und R. Nathan, Verfasser des Lexicons „Aruch", aus Rom, und später Vorsteher der dortigen Schule. Von dieser Zeit an gewahren wir eine immer steigende literarische Höhe der Provence, einen wachsenden Zu- und Abfluß der Gelehrten Italiens und Spaniens. „Die Provence sog eben so gierig an den Brüsten der aus Spanien eindringenden Philosophie, als sie den rabbinischen Lehren Frankreichs lauschte, in denen sie übrigens selbst nicht minder Meisterin war" d). Ein Lebhaftes Bild von der ehrenvollen politischen Stellung, von der hohen seit jeher gerühmten Gelehrsamkeit der Juden in der Provence gibt uns der bekannte R. Bin; am in von Tudcla, der um 1160 dieselbe bereiste*«), so wie später Charisi (vor 1216)**). Hier fanden die nordfranzösischen Juden bei der Vertreibung Philipp August's (1182) unter dem Grafen von Toulouse ein sicheres Asyl*-). 7) Dess. g. V. 357, ä. vergl. 364, e. 404, er. 8) Rapaport: Nathan A. 47; was Geiger a. a. O. 1. 26 zu wenig hervorhebt. 9) G e i g e r a. a. O. V., 87. 10) S. besonders die ausgezeichnetenAnmm.Zun zens in Ashers Ausgabe Bd. II.' S. 3 — 16 (vergl. unsere Anzeige Litbl. 1841. e. 438 ff.) 11) Zunz: Abh. in Ashers Bin;. II. S. 257. 12) Vergl. die schöne Novelle von Dr. Francolm: Die 3 hohen Schulen zu Nismes, Montpellier und Lunel*^) machten diese Städte so berühmt, daß man ihnen die anspielenden Namen: „Kirjat Jearrm", „Har^Gaasch" oder „ha- Har" und „Jericho" beilegte. Die noch heut berühmte Arzneischule zu Montpellier ist ein Werk der Juden aus jener Zeit "6). — Hier war aber das Verständniß arabischer Sprache nicht so allgemein als in den maurischen Landen und es mußten sich vorzüglich hier Uebersetzer arabischer Schriften ausbilden. So finden mir denn auch zu Lunel die berühmte Ucbersetzerfamilie „Jbn Tibbon", deren erstberühmter Je hu da Ben Saul aus Granada auf die Aufforderung des R. Abraham Wen David (st. 1198) und vieler Andrer die religions-philosophischen Werke des Rab. Bechaji, R. Saadja und R. Jehuda Ha-Lewi ins Hebräische übersetzte, der auch in seiner Vorrede zu seiner ersten Uebersetzung meisterhafte Regeln für diese Kunst aufstellt. — Inzwischen hatte Moses Ben M a i m o n (geb. zu Cordova 1135, st. zu Kahira 1204) mit seinen beiden, die Pole der damaligen jüdischen Wissenschaft umkreisenden Werken die Aufmerksamkeit der Gelehrten beider Gebiete auf sich gezogen. Sein großes catmudisches Weck in hebräischer Sprache-(verf. 1170 — 77) verschaffte'ihm zuerst große Achtung in Frankreich und Deutschland; aber in dem genannten R. A. B. D. einen gelehrten, mitunter heftigen Gegner, der auch schon die freieren Aeußerungen bekämpft. Seine (1184—90) arabisch geschriebene, noch bei feinen Lebzeiten von Samuel Sohn Jehuda's Jbn Tibbon ins Hebräische übersetzte Religionsphilosophie: More ha-Nebochim, ward nicht minder berühmt in Spanien und der Provence. Allein dieses Werk, welches Talmudismus und arabische Wissenschaftlichkeit, Freisinnigkeit und starre Orthodoxie, überhaupt alle-Gegensätze der spanischen und nordfranzösischen Richtung aus ihrem Friedensschlummer weckte und aufregte, entzündete einen heftigen Kampf, an dessen Spitze R. Salomo Ben Aderet (R. Sch. B. A.) stand. Während der Kirchcnstreit der Albigenser mit Feuer und Schwert gekämpft ward, stritten gleichzeitig die gelehrten und frommen Juden der Provence vorzüglich in Montpellier mit Mund und Feder fast ein ganz Jahrhundert, nämlich bis zur Vertreibung der Juden aus Frankreich (1306)l5). Eine solche Zeit war die geeigneteste für eine Durchdringung von Orthodoxie und Philosophie, für Ausbildung jener mystischen und beschaulichen Weisheit, die das Wort der Ueberlieferung, um seine Heiligkeit zu wahren, auch als Wort noch vergeistigt, für jene Neugestaltung der alten aus dem Osten stammenden und auch im Islam ausgebildeten Geheimlehre, Die Familie Mayer in Kleins Volkskalender für Israeliten 1834. 13a) Zunz Analekten 2 S. 309. 136) Dr. Hayne in feiner Entgegnung auf den berüchtigten Artikel des Pros. Rosas in Wien. Beil, zur österr. med. Zeitschr. 14) Dernburg in Geigers Zeitschr. 1., 420. 15) Geiger a. a. O. V. 103—123. ■1*