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Der Orient · 1843-01-03 · 1 (3.1.1843) · p. Spalte 3-4

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Journal
Der Orient
Volume
1843
Issue
1 (3.1.1843)
Article
Immanuel
Date
1843-01-03
Page
Spalte 3-4 (sequence 2)
Language
German
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3 4 Immanuel. Biograph, und Uterachistor. Skizze. Von M. Sider. selbst auf seinem eigenen angeerbten Heerde im großen Gebäude'der Äationalliceratur; da beleuchtete er die uralten Schriften der Gottesmänner mit der Lampe profaner Weis-, heit. Wo aber aus dem Schooße der Finsternik das düstre Feuer der Unduldsamkeit hervorbrach, das da verzehrt, aber nicht leuchtet: da wahrte auch der in seiner Hütte abgeschlossene Jude gar wohl den Schimmer seiner Glaubensflamme, auf daß sie nicht hinausteuchte in die Finsterniß, und Zur Opferflamme auf dem eigenen Scheiterhaufen werde. Solche Gegenbilder zeigt uns in ihrer ganzen Schärfe die Judenheit im Kern des Mittelalters in den Gebieten der Christen '(Oberitalien, Deutschland, Frankreich) und Muhammedaner (Babylon, Afrika, Süditalien, Spanien)"). 'Dort Finsterniß, Druck und Verfolgung, und darum engerer Anschluß an das Wort der Offenbarung, die Poesie ein Stoßgebet vor dem drohenden Untergang: hier das Sonnenlicht der Wissenschaft und der lebcnswarme Hauch der Duldung, und darum die herrlichste Entfaltung des freien Geistes in allen Gebieten menschlicher Forschung, und duftende Blüthen der Poesie aus allen Weltgegenden von der 'ungebundenen Phantasie zusammengelesen. 8. 2. Fassen wir diesen Gegensatz näher und scharfer. Die Juden unter arabischer Herrschaft beschäftigten sich mit allen philosophischen und Naturwissenschaften, und das Organ derselben war für lange Zeit ausschließend die arabische Sprache'). Sie übertrugen aber auch den wissenschaftlichen Geist und die philosophische Methode auf die angeerbten nationalen Studien der Bibel, Halacha und Hatz ad a. Letztere allem — und zwar nach einer, durch Herkommen und Gewohnheit eigenthümlich ausgeprägten Methode, deren Erfolg nur durch natürliche Geistesgaben bedingt wird — beschäftigten die jüdischen Gelehrten unter chr i st li ch er Herrschaft*). Diese Gegensätze konnten nicht für die Dauer sich rein und ungemischt erhalten. Sie mußten auf der gemeinschaftlichen Wahlstatt früher oder später Zusammenstößen, das Schicksal einzelner Gelehrten, eine veränderte Weltlage mußte die Partheien einander kennen lehren, und diese zuerst im Kampfe ihre ganze Stärke entwickeln, bis endlich nach gegenseitiger Schwächung wenigstens einen Scheinfrieden schließen, derzur Bildung einer neuen vermittelnden Parthei Raum gab. Der Streit der Mauren mit dem christlichen Südeuropa, später zum Lheil die Kreuzzüge, beförderten dich Aneinanderkommen. Schon gegen Ende des 10. Jahrhunderts war die palLstlnensisch-itMrüsche Richtung im Studium desTalmud nach den mit Babylon enger verbundenen Ländern Afrika's und Spaniens getragen (wovon unter §. 4), ohne noch daselbst den Kampf zu erregen. Nur gering war die u nmittel- ' 2) S. Aunz: g. V. C. 2t. Geiger Zeitschr. I. 14 ff. V., 82 ff. auch für das Folgende. 3) nMp nmo S. 185. 4) Rapaport: Kerem Chemed V!. 24. bare Einwirkung arabischer Wissenschaft auf das vom Araberstrom bespülte südliche Italien, und den nordsränzösischen Juden war bis zur Zeit des Maimonides kaum ein Strahl vom Sonnenglanz des maurischen Spaniens zugekommen, und wo einer sich vielleicht hinverlor, vermochte er doch nicht nachhaltig zu wirken. Selbst der einzige Maimonides wäre nicht im Stande gewesen, eine so bedeutende Epoche in der Entwickelung des Judenthums und feiner Literatur herbeizusühren, hätten nicht günstige äußere Umstände eine große Zahl vermittelnder Gelehrten gebildet, die an einem dritten Orte den Knoten schürzten, den Funken dem bereitliegenden Zündstoff näher brachten. §. 3. Eine eigenthiimliche Stellung in der Geschichte des Mittelalters nimmt derjenige Theil Südfrankreichs ein, den wir durch die Provence bezeichnen, obwohl die Ausdehnung derselben häufigen Veränderungen unterlag. Die Städte Albi, Arles, Avignon, Beaucaire, Beziers, Carcaffone, Lunel, Montpellier, Nißmes, Perpigncm, Trinquetaille, Toulouse u. <u m. werden eben so oft in der allgemeinen Geschichte der Völker, in der Geschichte der Kirche und des Handels, als in den Werken jüdischer Literatur genannts). Wo heute noch das Lebensprinckp unsrer Zeit, der Handel, in berühmten Messen sein Übergewicht kund giebt; wo noch heute der Alterthumsforscher an bedeutenden Resten die längst entschwundene römische und griechische Kultur studirt: da war einst die Wiege der romanischen Sprache, die später so viele Töchter aus sich erzeugte, und die Quelle der romantischen Literatur z da war im 13. Jahrh. der Kampfplatz der Kreuzzüge gegen die Waldenser (Albigenser), der Tummelplatz geistlicher Redner .in den Kirchensynoden, und der erste Sitz einer—Inquisition! — Als die Herrschaft der ommajadischen Khalifen den mächtigen von Sancho dem Großen gestifteten Linien von Aragon und Castilien weichen mußte (1051), da flössen die beiden Seiten der Pyrenäen, das nordöstliche Spanien und das südliche Frankreich immer mehr zusammen, und es bildeten sich die s. g. „proven?alischen Lande^"). Sprache, Religion und Herrschaft waren die festen Klammern, die diese Lande von dem übrigen maurischen Spanien und dem nördlichen Frankenreich trennten, bis nach und nach auch die kleinen maurischen Königreiche der anschwellenden Christenmacht unterlagen (1000—1300), die französische Provence an die Krone Frankreichs kam (1481) und die starken Zweige des Hauses Navarra in F e r d tn a n b dem Katholischen und Isabellen wieder in einen zusammenwuchsen, und die Inquisition Mauren und Juden, Religions- und Geistesfreiheit von der pyrenaischen Halbinsel mit Feuer und Schwert verbannten? Alle diese Schicksale der Provence spiegeln sich in der Geschichte der dortigen Juden. — Eine glückliche Lage für 5) Zunz: Zeitschr. f. d. Miss, des Jud. S. 166 ff. 6) Ders. das. 120. 170.

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