Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1841
- Issue
- 40 (2.10.1841)
- Article
- Methodologie des Talmuds [Rezension]
- Date
- 1841-10-02
- Page
- Spalte 611-612 (sequence 2)
- Language
- German
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611 Gelst der talmudischen Exegese von. De. Hirschftld, beurtheilt von Dr. Herzfeld. 612 Aese ich Z. 7 zwischen den Zeilen: er will dadurch die Obliegenheit umgehen, über den Werth der talmudischen Exegese ab- Zuurtheilen; und so oft auch im ganzen Werke der Standpunkt des Talmuds „unserem" (wessen?) Standpunkte entgegengesetzt wird, so ist doch nirgend angegeben, worin sich diese beiden Standpunkte unterscheiden, oder welcher der Standpunkt des Verfs. sei. Zwar Rec. glaubt ihn zu kennen, allein davon ist kein Buch ergänzt, welches ein Vf. als abgeschlossen dem Publicum übergeben hat. In Folge aber seines offenbaren Strebens, hierüber Stillschweigen zu behaupten, hat das Buch eine ziemlich steife Haltung bekommen; mehr noch, so oft der Leser, nach erhaltener Darstellung einer der eigen thümlichen exegetischen Formen im Talmud, in der angeborenen Logik sich wieder zu orientiren suchen wird, also meistens am Schluffe vieler Kapitel und Paragraphen, muß er den Mangel einer Werthangabe jener Formen so unleidlich finden, als wenn er etwa eine Musik vor Auflösung der Dissonanzen abbrechen hört. Nun aber fragt sich, für welche Leser der Vf. sein Buch bestimmt hat. Er spricht sich leider nirgend hierüber aus, doch Lherlt er §§ 324—328 aus Sifra, Sifri ic. ganze Kapitel mit, um, wie er § 323 sagt, seinen Lesern ein treueres Bild des Derasch zu verschaffen.; hiernach scheint er Leser vorauszusetzen, die Sifra und Sifri nicht kennen. Talmudischgelchrte kennen diese; für den Am - Arez ist sein Buch mit sieben Siegeln verschlossen, das wird mir der nicht selten bis zur Dunkelheit gelehrt schreibende Vf. zugest-ehen; es bliebe daher nichts übrig, als daß er für christliche Theologen geschrieben hat. Allein das glaube ich nicht-, weil Christen alle talmudiW -Exegese desto verwerflicher finden, je klarere Einsicht in dieselbe ihnen verschafft wird, der Vf» aber mir als viel zu national fühlend bekannt ist, mn emen so frivolen Zweck zu haben. Mrscheints vielmehr, daß er mit Recht auf christliche Leser gar nicht gerechnet, sondern beabsichtigt hat, für jüdische Theologen das in der That große Problem zu lösen, wie und wodurch-der menschliche Verstand dazu gelangt sei, „das Meer des Talmuds" aus sich heraus zu gebären. Hat der Verf. aber für jüdische Theologen geschrieben, dann sind freilich die §§» 314 — 328 überflüssig;' zufällig ist auch diese Partie, gegen das übrige so gründliche Buch gehalten, von Seiten drs Inhalts sowohl als der Form, auffallend nachlässig gearbeitet. Sehen wir aber jetzt das Werk näher an. Die erste Abtheilung giebt die Grundidee und den Geist der talmudischen Exegese im Allgemeinen. Die Unterabtheilungen sind nicht gut dlsponirt, wie esz» B. schon daraus hrrvorgeht, daß der erste Abschnitt überschwreren ist: die Bibel nach talmudischer Auffassung, und der zweite Abschnitt: die subjektive Meinung des Talmuds über die Bibel, was dasselbe sagt. Doch ist jene Auffassung im Ganzen richtig angegeben. Die Talmudisten hatten die Bibel angesehen für ein Buch, das Gott zum unmittelbaren Verfasser habe, so daß einerseits kein Iota in ihm ohne die Absicht niedergeschrieben sei, etwas zu Lehren, wodurch Israel sich heilige und für fein ewiges Heil arbeite, anderersckts dasselbe alles Gute und Wahre enthalten müsse, was irgend denklich sei. Fände sich Letzteres nicht mit klaren Worten in ihm, so sei es wenigstens durch sprachliche Wendungen ausgedrückt oder angedeutet, die nicht der menschlichen Redeweise zu entsprechen nöthig haben, weil Gott nicht rede wie Menschen reden. Manches Einzelne indessen in diesem ersten Abschnitte giebt Stoff zu Ausstellungen, z. B. die Geistesrichtung der Juden, welche die Bibel so auffassen lehrte, schreibt der Vf. großentheils dem allen Lrbensmuth erdrückenden römischen Einflüsse zu. Aber diese Richtung war schon entschieden, ehe.ein Römer den Fuß auf palästinensischen Boden setzte; selbst auf die Formation des Talmuds, des späten, aber nothwendigen Produktes dieser Richtung, hat Roms Herrschaft durchaus keinen wesentlichen Einfluß ausgeübt. Daß dasrömi-. sche Recht nach Jahrhunderten für jüdisches Recht gehalten' und in der Bibel nachgcwiesen wurde, geht den Gegenstand der talmudischen Exegese an, nicht diese selbst, um die es sich hier handelt; auch umfaßt dieses Recht nur einen kleinen Theil des talmudischen Gebietes. — Das Kapitel: die Intelligenz der damaligen Juden, ist recht gut, wenn auch matt; seine Schlußworte verdienen, ausgehoben zu werden: „Wir können als solches (was auf das Gesetz und den Gebrauch in den Halachastellen*) influirte) aber Nichts bezeichnen, was der Intelligenz entsprang. Wissen und Wissenschaft, als Kriterien und Mittel zur Auffassung dieser Bibelstellen, waren außerhalb der Bibel nicht vorhanden, um die unmittelbare Auffassung derselben zu modisiciren. Denn das Wissen war zu solchem erst durch die Uebereinstiinmung mit der Bibel erhoben, und hatte ohne sie nicht nur keine Selbstständigkeit, sondern nicht einmal Geltung." Weniger zu billigen ist der Schluß des folgenden Kapitels, des betitelt ist: die Bibel, ihre Tendenz und Tradition. Dort heißt es: „Nie darf man es wagen, sie (die Gesetze und Gebräuche) zu verändern und in einzelnen Fällen aufzuheben. ..... Der Mensch soll sich nie erkühnen, sie zu modisiciren re." Ich erinnere hiergegen an Elias auf dem Berge Karmel und die rabbinische Erlaubniß einer nyw PiN"lin* Daß die Talmudisten die Gesetze sehr häufig modisicirten, ist Thatsache; ob jedesmal ohne das Bewußtsein, daß siemodificirten, ist eine Frage, die Hr.H. verneinen wird. Auch laßt sich seimn eben citirten Worten nicht greller widersprechen, als er selbst §. 59 gethan hat. — In dem Kapitel, nberschrieben: die Sprache der Bibel, entwickelt der Vf., wieso die Anhänger der talmudischen Richtung dazu gekommen seien, den Worten der Schrift als solchen, und abgesehen von ihrem einfachen Verständnisse, einen so hohen Werth und eine teilweise uns unbegreifliche Selbstständigkeit zu vindiciren. §. 51 ist vortrefflich. Dagegen Ln §. 52 ist die gut stylisirte Behauptung: daß im Orient der Ausdruck stabil sek, seine Bedeutung aber schneller und entschiedener als im Occihent wechsele: unwahrscheinlich *) nri>n erklärt der Vf. S. 13, erste Note, durch „das Nachgehen, Folgen einer Vorschrift, Mithaltm" rc. Allein das Wort bedeutet de'n Gang, die Gewohnheit, und war daher wohl ursprünglich ein Synonymen von Minhag.