Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1841)
- Article
- Breslau: Darstellung eines Lebensbildes der dortigen Gemeinde ...
- Date
- 1841-08-21
- Page
- Seite 231 (sequence 3)
- Language
- German
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231 wenn sie nichts besseres bietet, doch edle Courtoisie genug besitzt, um die innere Armuth geschickt zu verbergen? Die geistvollen Köpfe etwa, die gedankenblitzend eine Welt in Eurem Zimmer entfalten oder überspmd.eln und von Witz und gemüthsreicher Laune / die Grazie vielleicht, wie sie sylphidisch dahknschwebt auf zarten Mädchenfüßen- oder die bezaubernde Liebenswürdigkeit, die Anmuth, den üppigen Reichthum eines herrlichen Frauenherzens? Ich habe nichts davon gemerkt. Eure Jugend ist matt und schleicht mit bleiernen Füßen von einer zur andern; Eure Mädchen sind klüger als Frauen und Eure Frauen kindischer als Mädchen, Ihr seid philisterhaft befriediget mit einer Boston - Parthie und wenn es den Gasten gefallt, Euch Euere Zimmer wieder zu überlassen, so weiß ich nicht was Ihr zu Eurer Entschädigung für Täuschungen herbeiholt. Die Aristokratie ist Euch nicht angeboren, darum bewegt Ihr Euch plump darin; so sind auch Eure Gesellschaften nichts als Triumphzüge von Pfauen-Eitelkeit oder Momente schauerlicher Langeweile. Anderen Kreisen, deren ich vorhin erwähnte, ist es unmöglich für zerstreute Interessen einen Centralpunkt zu finden, wie ihn die duftende Tafel des Reichen darbietet; denn die trivialen Elemente aus denen sie sich zusammensetzen, treten auch wiederum mit dem trivialsten Wünschen und Begehrnissen hervordie unfähig sind nur den geringsten werthvollen Inhalt zu entwickeln. So ist die gute Gesellschaft für Gegenstände der Allgemeinheit, welche ihre Theilnahme erheischen, kalt und unempfänglich, und da die schlechte kaum vermag, sich bis zu jener zu erheben, so liegt in den sociellen Zuständen unserer Juden, in Beziehung zur Lösung der Civilisations- Aufgaben, eine Thatlosigkeit, eine trage Ruhe, welche mit lüsternem Auge zwar immer die süßen Früchte einer Emancipation betrachtet, aber die Mühe scheut, sie sich abzupflücken. Wem wird es nicht wunderbar erscheinen, unter rein positiven Bedingungen Resultate auftreten Zu sehen, welche im völligen Widerspruche mit diesen stehen? Wo ist der Grund zu suchen von solch heimlichen Schäden und Gebrechen, wo der Ursprung des Räthscls, das sich aus dieser eigenthümlichen Gruppirung zusammenfügt? Die Krankheit und das Unglück unserer Gemeinde ist ein gespaltenes, verriegeltes Abgeschlossensein. Nicht nur ein Abgeschlossensein nach gewissen religiösen Prinzipien, sondern bei weiten mehr das des Egoismus, der sich Markscheiden errichtet und Mauern, die in undurchdringlicher Weise den Einen trennen vom Andern. Unter solchen Umständen ist eine Einheit, in der sich alle Kräfte sammeln sollen, um der Erreichung eines Zweckes zuzrrstreben, nicht zu denken. Viele dariren die große Zerspaltung unserer Gemeinde von der Zeit der Geiger'schen Wirksamkeit her. Dies ist nur dann richtig, sobald wir uns an den rein nominellen Ausdruck halten können. Allein eine Zerspaltung, welche daraus horvorging, daß der Geist der Reformation das Falsche vom Wahren schied und gehaltlosen herrschenden Theorien, denen die Menge in gutmüthiger Bewußtlosigkeit sich unterordnete, mit dem Messer der Kritik den goldpapiernen Heiligenschein zerfetzte, eine solche geht über tobte Buchstabenbedeutung hinaus; ihre Veranlassungen sind nicht die Stärkung eines gesegneten Friedens, sondern der Befreiungskampf von Wahn. Sie ist als eine Nothwendigkeit zu betrachten, welche die fortschreitende Zeit in einem rationalistischen Streben für die positiven Bestandtheile aller Religiorrs - Culten offenbarte; als ein Frühling , dessen milde Sonne einem brachgelegenen Felde bald die fruchtbarste Vegetatiou entlocken wird. Kommt sie auch im schweren Harnischkleide der Polemik, so ist es nicht ihre Absicht Heillgthümer zu. profaniren, sondern dem Glauben an die Unendlichkeit des Göttlichen die schöne trostreiche Ueberzeugung bekzugesellen. In dem eben Gesagten wollten wir nur aus dem Begriffe Zerspaltung, das negativte Element herausholen, welches die Indifferenten sehr oft für jede Thataußerung in Bereitschaft haben. Es ist nicht unsere Absicht, einen alten Streit hier wieder zu erörtern, Persönlichkeiten hervorzuziehen, über deren Werth von den Einzelnen in sehr deutlich ausgeprägter Zu- oder Abneigung längst entschieden worden ist. Wir haben es weder mit Dogmen noch mit wissenschaftlichen Aufgaben zu thun; denn die Interessen, auf welche wir unsere ganze Meinung bezogen wissen wollen, sind die politischen und sociellen, nicht die Doctrinairen. Vor der Berufung Geigers als zweiter Rabiner an unsere große Syuagoge hatte der Gottesdienst in dieser eine mehr altpolnische Physiognomie, die von den Gotteshäusern in Wien, Dresden, Hamburg und an andern Orten längst mit einer zugänglicheren, weniger verschleierten, vertauscht worden ist. Eine deutsche Predigt kannte man nicht; sehr selten nur versammelte man sich, um einen vorher angekündigten Vortrag des Ober- Rablners mit anzuhören, und die Gemeinde betete nach Büchern , welche dem andächtigen Gemüthe die paffenden Worte in den Mund legen sotten. Dieser- Zustand genügte der Generation, welche in ihm groß geworden, und das Bedürfniß nicht in sich verspürte, dem Geiste durch die Erken nt niß auf natürlich philosophischem Wege Wahrheiten zuzuführen, welche in unserer Religion begründet Liegen, und daß sie aus dem abstracten Begriff in das Leben übergetragen, in den Gedanken und Handlungen des Menschen ihre Erhabenheit beurkunden müssen. Er genügte einer Generation, die so glücklich gewesen ist, ihren Sinn für Frömmigkeit vor dem Fluche der Monotonie zu bewahren, welche eine maschinenmäßige Organisation, ein bewußtloser Zustand des Gemüthes ohne wahre Seelenthätigkeit erzeugt -- wenn sie ihre Existenz in dem weisen Mutterschoße der Tradition auch durch Jahrtausende gefristet hat. Fern ist es von uns, die hohe Heiligkeit der Gebete, jene Documente religiöser Weisheit irgendwie zu betasten sagen wir denen, welche etwa uns nicht verstanden haben; wir zweifelten an einer naturgemäßen Bebauung des Bodens und nicht an der Keimfähigkeit des Saamens, welcher göttlichen Ursprunges ist. Untersuchen wir aber ferner dieses an Täuschungen so reiche religiöse Leben in seinen Einflüssen auf das jüngere Geschlecht, so werden wir zu der Ueberzeugung gelangen, daß ein Prinzipienkampf in unserer Gemeinde unvermeidlich war und laut werden mußte, sobald den gahrenden und verlangenden Geistern der Weg zur Reaction gezeigt und beschrieben war. Unsere Jugend nämlich, die sich in christlichen Schulen heranbildete in einem für die Schul- und Volksbildung goldenem Zeitalter, gelangte durch eine erhöhten und geschärftere Verstandesfähigkeit zu einem Maasstabe, den sie wißbegierig an alles legte, was sie für das Leben zu lernen und zu erfahren hatte. Dabei befand sich ihre religiöse Bildung in einem höchst verwildertem Zustande. Auf den christlichen Bildmigsunstalten schloß sie sich vom Religionsunterrichte aus, und im elterlichen Hause, wo sie unr in den Kinderjahren nothdürftig in dem Hebräischlesrn und schreiben unterwiesen wurde, fühlte sie nicht mit der nothwendigen Wärme das^Verlcmgen, einer geistigen Auffassung der Religionsgeschichte sich hinzugeben. Ohne eigenen Trieb, ohne fremde Anregung, wenig angesprochen von einer ihr nicht verständlichen Gottcsverehrung, gelangte sie auf diese Weise, wenn auch nicht durchgängig auf