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Der Orient · 1841-08-21 · Heft 34 (21.8.1841) · p. Seite 232

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Journal
Der Orient
Volume
2 (1841)
Issue
Heft 34 (21.8.1841)
Article
Breslau: Darstellung eines Lebensbildes der dortigen Gemeinde ...
Date
1841-08-21
Page
Seite 232 (sequence 4)
Language
German
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— 232 — den Punkt einer frivolen Misachtung, doch mindestens zu einer kalten Gleichgültigkeit, welche, sich später km bürgerlichen Verbände als Jndifferentismus kund gab. Die jungen Männer, zu einer freieren geistigen Anschauung gediehen, schufen sich selbst eine Religion ohne Anhaltspunkt, welche sich fortschreitend mit Erfahrungen und Ansichten, mit ihnen selbst veränderte; bedauernswürdiger aber war der Zustand unserer Mädchen, die mit ihrem ganzen Leben auf den trostreichen Inhalt der Religion verwiesen, in einer obdachlosen Oede Herumirrten, aus der die Sprüche des Talmuds sie nicht heraussühren konnten. Welche Mütter sollen aus solchen Töchtern werden? Das Gefühl der Religiosität ist der sanfte Thau, welcher segensreich auf den Boden des kindlichen Gemüthes sich senkt, und ihn empfänglich und fruchtbar macht für alle künftigen Eindrücke des Lebens, es ist der Dämpfer der Leidenschaften, der Felsen des Widerstandesan dem die zudringliche Welle der Gemeinheit und des Schlechten vergebens heranschäumt. Und Mütter, die es nicht besitzen, sollen ihre Kinder damit nähren können? So fand Geizer, als er den Schauplatz seiner Wirksamkeit betrat, eine Gemeinde die aus gelehrten Talmudisten bestand, aus einer Masse Indifferenten und aus einer verkümmernden, verschmachtenden Jugend. Es ist allgemein bekannt, daß die erstgenannte Parthel sich nach und nach zur völligen Opposition aufwarf. Die zweite fand in Geiger entweder das Ziel ihrer unbestimmten Wünsche, wie sie in jedem modernen Rabbiner und Prediger gefunden haben würde, oder bewahrte den alten Zustand der Gleichgültigkeit, und die dritte endlich — nun diese gehört wohl unbedingt in den neuen Zeitabschnitt. Fm Laufe zweier Jahre hat sich allerdings manches geändert. Oie Opposition wird theils schwächer, theils benimmt sie sich toleranter und gleichgültiger gegen die andern. Die Anhänger- Geigers aber, die Jugend, welche sich an jedem Sabbat zahlreich in der Synagoge bei seiner Predigt versammelt, möchte man wiederum in die sondern, welche wirklich befähigt sind, in den Geist seiner Vorträge einzugehen und in solche, denen es genügt, eindrucksvolle Worte zu hören, ohne sie mit fortzunehmen und ihr wirkliches Verständniß im Leben zu offenbaren. Diese letzteren bleiben von dem Aufschwünge, den ein richtiges Auffassen heworzubringen im Stande ist, unberührt. Ihre leicht erregte Sentimentalität ergreift sie merklich, oberes ist weniger jenes Hmgenffensein durch klar gewordene, empfangene Ueberzeugung, es ist vielleicht mehr die elastisch drükkende, materielle Wirkung des weitschallenden und verhallenden Wortes. Manche knüpfen an diese Beobachtung den stillen Vorwurf für Geiger, daß er den Beruf und die Pflicht, ein Lehrer der Gemeinde zu werden, nur in dem Bestreben finde, ein Redner zu sein, mid die hohe Aufgabe der Volksveredlung, in einer nutzlosen Täuschung der eigenen Eitelkeit verflüchtige. Wir glauben dies nicht, denn wir sind überzeugt, daß Geiger überwiegende Einflüsse der Aesthetik, wenn sie verflachend wirken, von dem Kern-Inhalte seiner Reden fern halt und die Pracht seiner Sprache nur entwickelt, um die feste Granit-Säule des Gedankens damit zn schmücken. Ist diese Verdächtigung, wie sie aufttüt, auch in jeder Hinsicht abzuweisen, so können wir nicht umhin, daraus ein Argument für'unsere bescheidene Ansicht zu entnehmen, Geiger berücksichtige in der Fassung und Form seiner Predigten zu wenig die Kräfte der Zuhörer. Es scheint uns nämlich noth- 'wendig, die zurückgebliebene Intelligenz derselben vorerst methodisch zu bilden und zu erhöhen , damit sie fähig werden, ihrem Geiste Arbeiten aufzubürden und Eindrücke oder Lehren m sich anfzunehmen. Halt zt diese Bemühungen bei einer Verlag von C. L» Fritzsche. ' durch das Leben anderweitig entwickelter Generation für undankbar, so mag er durch eine Regeneration in das Schulwesen Knme zu legen suchen, aus denen ihm ein Haltpunkt erwächst, eine Iüngerschaac für alle künftigen Bestrebungen. Warum hat er die von ihm angeregte, längst wieder zu Grunde geganzene Religionsschule nicht zum Saatfelde des Fortschrittes gemacht, warum hot er in ihr eine Demoralisation eknreißm lassen, welche den Schülern die Achtung und den Eltern das Vertrauen für ihre Leistungen benehmen mußte? Ein Rückblick noch verbleibt uns auf die Indifferenten, jene geschmack- und gewissenlose Masse, die man stets bewegungslos, mit eingezogenen Händen und Füßen daliegen sieht. Sie partizipiren an dm Vortheilen eines jeden Sieges; während des Kampfes selbst aber sind sie theilnahmslos und unthätig, sie befinden sich in der Allgemeinheit wie ein Kettenglied, das sich von den andern nicht loszureißen vermag und dabei nneinsichtsvoll und urtheilslos sind sie mit Beweggründe zu der oft gerechten Mißachtung des Christen, gegen den jüdischen Mitbürger überhaupt. Den Juden Breslaus fehlt, wie aus der eben vorgenommenen Analysis der Gemeinde hervorgrht, also zur Erreichung ihrer Zurechnungsfähigkeit, nur ein gemeinschaftliches Band, welches die verschiedene Elemente vereiniget. So lange dem Geist der Wahrheit ln der religiösen Bildung sich noch ein hohler, phantastischer gegenüberstellt und der Indifferentismus seinen Müßigang forttreibt, wird in dem gesellschaftlichen Leben, öurch dieselbe Oede, dieselbe Unzulänglichkeit, die sittliche Höhe nicht anders bestimmt werden, wie sie unser Bericht gezeichnet hat. Ohne Vaterlandsliebe, ohne einen Centralpunkt gemeinsamen Interesses, wird der Egoismus aus dem engen Bezirke des eigenen Ich sich nicht herausbegeben, um der Gesamintheit seine Kräfte anzubieten, kurz in einem engherzigen Separatistenwesen wird man es dem Roste der Zeit, oder andern Machteinflüffen überlassen, krankhafte Auswüchse zu verzehren, einen schadhaften Organismus zu restauriren und ihn mit neuen notwendigen Kräften zu begaben. Böhmen. Prag, 7. Aug. Die beiden Brüder M. und I. Porges, die größten Kattun- und Druckfabrikanten hier, sind mit dem Ehrenworte und Prädicate „Edle von Portheim" in den Adelstand erhoben worden. — Nach einer Hofentschließung, welche irr Kurzem zur allgemeinen Bekanntmachung gelangen und in Wirksamkeit gesetzt werden soll, ist die Juden ordmmg vom Jahre 1797 durch mehrere Erleichterungen bedeutend umgeändert worden, und wenn auch selbst diese Modisicativn noch weit vors einer wahren Emancipation entfernt ist, so ist es doch schon immer ein Fortschritt, der zur Emancipation führt. Die Hauptpunkte, so viel man hört, sollen sein: 1) Die Aufhebung jeder Einschränkung auf den Judenbezirk für diejenigen, welche durch das Betreiben eines technischen Gewerbes in größerem Umfange einen gewissen Grad von Bildung beurkunden. 2) Die Israeliten auf dem Lande, welche Fabriken oder umfangreiche Gewerbe betreiben, können unter gewissen Bedingungen obrigkeitliche Grundstücke als Eigenthum erwerben. 3) Die Rabbiner und Lehrer, welche vorschriftmäßige Studien gemacht und eine Prüfung bestanden, werden in Ankunft von'den bisherigen Heirathsbeschränkungm befreit fein und den Eheconsms leicht vom Gubernium erhalten. Das Ausführliche darüber Ui der gesetzlichen Veröffentlichung dieser Modificationen in der nächsten Nummer. — Druck von I. H. Nagel.

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