Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1841)
- Article
- Breslau: Darstellung eines Lebensbildes der dortigen Gemeinde ...
- Date
- 1841-08-21
- Page
- Seite 230 (sequence 2)
- Language
- German
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- 230 liefern, der, indem er mich von dem Vorwürfe eines kalten AbsprechenS reinigt, mir zugleich auch für die Folge jede weitere Erläuterung erspart. Breslau, die Hauptstadt der Provinz Schlesien mit 96,000 Einwohnern, birgt in seinen Mauern mehr als 6000 Juden, welche das preußische Staatsbürgerthum in seiner ganzen Ausdehnung genießen, Handel und Gewerbe in jeglicher Art uneingeschränkt betreiben dürfen und keinen größeren Abgaben von Seiten des Staats erliegen, wie jeder christliche Bürger, der die WohLthat der Gesetze und der Landesverfassung in Anspruch . nimmt. Die gerechte Hand eines.weisen Königs hat die schmachvollen barbarischen Lasten vergangener Jahrhunderte von ihnen genommen, sie sind nicht wie die jüdischen Bewohner der freien StadteHamburg, Bremen und Frankfurt in Quartiren eingezwängt oder in gewisse Straßen verwiesen, das Polizeibureau Breslaus theilt sich nicht für Juden und Christen und die Befähigung zu dem städtischen Amte der Volksvertretung, gäbe ihnen wohl die Mittel in die Hand, die Abschaffung mancher alten tief eingewurzelten Mißbräuche zu beantragen, zögen es nicht —. wie zu beweisen ist — die Juden vor, in Bezirken, wo ihre Anzahl die völlig überwiegende, bei der Wahl der Stadtverordneten ihre Glaubensgenossen unberücksichtigt zu lassen. Unterbleibt dies, so untersuche man die Gründe, welche Veranlassung gewesen sind. Nur die Kaufmannschaft und in Fällen die Universität suchen ein Verdienst darin, durch jämmerliche Vorurtheile der Vergangenheit hervorgerufene Exclusi'onen zu bewahren, um der Welt den Beweis zu liefern, daß Beharrlichkeit und eiserne Consequcnz alles, selbst das Widersinnigste durchsetzt, ob auch der Spott und die Satyre jedes Vernünftigen mit fühlbaren Ruthen sie geißelt. Jene, welche den jüdischen Kaufleuten den Besuch des Börsenlokalä verweigern und sie zwingt auf offenem Markte, bei Sturm und Unwetter Geschäfte abzuschließen, ist in dem Punkte ein Gegenstand der Lächerlichkeit bei allen Fremden*); diese, welche sich zur nothwendigen Ertheilung des Doktor-Diploms an die Doctoranden der Philosophie nicht verstehen will, wurde erst kürzlich in unzweideutiger Weise in der Leipziger Allg. Zeitung befragt, welchem Saeulum in der Zeitrechnung des Fortschrittes sie angehöre? So also sind die bürgerlichen Interessen der Breslauer *) Mit dem Abfassen dieses Berichtes beschäftigt, erfahren wir so eben, daß die hiesige Kaufmannschaft bestimmt hat, bei der im September d. I. stattsindenden feierlichen Königs-Einholung eine berittene Deputation zu.senden, von der die Juden ausgeschlossen sein sollen. 'Das mag noch hingehen, vonAffenspielerelen ausgeschlossen zu werden. Welch ein unauslöschliches Gelächter wird dieses Possen spiel begleitend Man verhöhnt hier bereits eine Corporation, deren Mitglieder die bekannten Constitutions-Anträge auf dem letzten Landtage zur Sprache brachten und verdächtigt einen Liberalismus, indem man ihm das Gewicht der Reife zu nehmen sucht. Aber man ist ungerecht dabei. Denn wie wir erfahren, haben dieser sehr denkwürdigen Krahwinkliade sich Männer von Geist und Humanität heftig ■— aber vergebens widersetzt und hie Majorität soll nur durch den komischen Eifer eines als Judenvertilger wohlbekannten Repräsentanten des Collegiums erzielt worden sein. Freilich ist es schlimm, wenn das 200 pfundige Gewicht dieses Mannes die Einflüsse des Plattmachens auch auf andere Gegenstände ausübt als auf die Pflastersteine der Straße, oder das Polster seines Lehnstuhles. Dem Könige werden diese Vorgänge irgendwie mitgetheilt werden. Vielleicht erhebt sich das Protokoll des Beschlusses dann als Leichenstein über der Gruft eines alten vermodernden Schlendrians. Juden unterder Aegide Königl. Behörden weniger benachtheiliget, als aus ihren mannigfachen Klagen wohl Hervorgehen möchte, und die Hemmungen für ihre Emancipation, unter denen sie zu schmachten glauben, vielleicht mehr unter ihnen selbst zu suchen als an andern Orten. Denn jener unlautere Geist der Gemeinheit und finstern Bosheit, der sein Gift in Traktätchen verzettelt und hie und da sich durch die Straßen wälzt, er ist wir haben es erlebt — von keinen Wirkungen, wenigstens sehr weit entfernt von den Befürchtungen des ängstlichen Gemüths. Die Zeit ist 'vorüber, wo in den Bierhäusern über unser Wohl und Wehe entschieden wurde. Wenn jetzt der Heroismus eines benebelten Hausknechtskopfes, mit dem Beile in in der Faust, im Augenblicke der Begeisterung die Kisten seines Herrn erbrechen und mit dem Pfeiftnspan die rothen Judenbärle anzünden will, ach! die Nacht schon hült ihn in die Fittige der Vergessenheit und her nächste Morgen findet den nüchtern gewordenen Helden bei der Glanzwichse, der Kleiderbürste und dem Nohrstock. Der größere Theil der Gemeinde, den die Kaufleure bilden, ist im Ganzen wohlhabend, ja theilweise sehr begütert. Großartige Fabrikunternehmungen, industriöse Anstalten, vortheilhafte Handelsverbindungen, Geldfpeculationen und vielfache andere mcrkantilische Interessen, welche den hiesigen Platz berühren, nähren in einträglicher Weise die Juden und geben ihnen schon dadurch eine unabhängige Stellung, die ihnen selbst nicht die Börsenseparation der Kaufmannschaft verkümmern kann. Außerdem steht der jungen aufstrebenden Generation jeder Weg zur Vervollkommnung und Erreichung höherer Lebenszwecke in sämmtlichen christlichen Realschulen und Gymnasien und Akademien offen, jede Bibliothek, jede Sammlung, jedes Kunstinstktut erschließt die vorhandenen Schätze in freundlicher Weise; nichts stößt sie ab, von dem sie sich etwas Nützliches erwerben will. Die Pflege des Geistes also, seine Nahrung und seine Lebenselemente, weiche in früheren Jahrhunderten von den Märtyrern unseres Glaubens losgerungen werden mußten, wie die Koralle von den Felsenriffen aus der Tiefe dunkler Meere, wird heut dem Juden geboten wie jedem andern, welcher die sonnenhellen Kreise der Künste und Wissenschaften durchschiffen will, als Forscher oder als Dilettant. Längst schon hat die Fürsorge einzelner, wackerer Leute Anstalten errichtet, welche die unbemittelte Klasse, aufnimmt um sie zu bilden und tauglich zu machen für irgend einen Beruf. So das Handlungsdiener-Jnstitut und der Verein zur Heranbildung jüdischer Handwerker, die Industrieschule für Mädchen nebst den längst bestehenden beiden Waisenanstalten u. dergl. m. Der Geist eines Volkes offenbart sich in seinen Sitten; der Geist einer Stadt oder einer Kaste zeigt sich in ihren sociellcn Verhältnissen. Jeder lebt nach Bedürfniß und jeder spiegelt im Bedürfniß das eigene Ich ab. Nie habe ich eine Annahme bewährter gefunden, als diese in den geselligen oder gesellschaftlichen Aeußerungen der Breslauer Juden. Sie theilen sich zuförderst mit drei Linien ab, nach der Summe ihres Vermögens, dem bausigern oder geringerem Amgange mit Christen und nach einem stufenweise progressiven Wekenntniß materieller Genußsucht — den Grundbestandtheilm jeder alltäglichen Gesellschaft. Arme Reichel. Ihr seid nur im Stande, der Geselligkeit Genüsse von den Buffets des Conditors zu erkaufen und Eure Weinkeller mit ihrem Inhalt ewig durstige Kehlen übersluthen zu lassen; Ihr könnt den goldenen Seegen Eures Hauptbuches wohl auf die Treffen Eurer Bedienten nahen, 'aber das leichtbeschwingte Götterkind, die Freude damit zu locken, nein! das vermögt Ihr nicht. Welche Gesellschaft könnt Ihr denn versammeln? Die frische schöne Jugend etwa, die