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Der Orient · 1841-08-14 · 33 (14.8.1841) · p. Spalte 501-502

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Journal
Der Orient
Volume
1841
Issue
33 (14.8.1841)
Article
Gedanken über Religionsphilosophie und Judenthum
Date
1841-08-14
Page
Spalte 501-502 (sequence 3)
Language
German
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501 502 Gedanken über Religionsphilosophie und Judenthum, v. Dr. Friedsohn. der christlichen Welt war ferner, die Hervorrufung derselben Richtung im Judenthume. Mit nur noch erhöhetem Eifer baute der Jude den himmelhohen Thurm seiner Religion, und umgab ihn mit einer mächtigen Schanze von Religionssatzungen (DWD), die zwar von Menschenhänden aufgeführt, doch mit wahrhaft übermenschlicher Kraft ins Leben gerufen und vollendet wurden. — Wir kommen zur französischen Religionsperro de. Die Neuzeit erschien, und mit ihr die Morgenröthe eines bessern Zeitgeistes. Das Licht der Aufklärung zeigte die tiefste Finsterniß, in der man bis jetzt herumgetappt, und hie und da an manchen Stein des Anstoßes sich verletzt hatte. Das ewige Menschenrecht ward proklamirt. Die vorgeschrittene Kenntniß der Natur öffnete den Menschen die Augen und zeigte ihm den Standpunkt an, den er im Universum, als Mensch, einzunchmen und zu behaupten hat. — Fürwahr, welche große, wunderbare Geistcswiedergeburt! — Aber so wie überall der Uebergang von dem einen Extreme zum andern leicht und sichtbar, hingegen derjenige von einem Extreme zur goldenen Mitte um so schwerer ist, so war cs auch hier. Mit dem Bade wurde auch das Kind ausgeschüttet wie man sich auszudrücken pflegt. — Die nunmehr erkannte bisherige Ausartung der positiven Religion flößte Zugleich Mißtrauen ein gegen positive Religion überhaupt. Die Erde wollte sich nun für ihre langjährige Schmach an Len ufurpirenden Himmel blutig rächen, und ihn vom Reiche des geistigen Lebens gänzlich verbannen. „Keine althergebrachte positive Religion!" hieß es, „wir brauchen keinen Himmel und jenseitige Seligkeiten!" Es wurde nun zum guten Tone gerechnet über Religion zu spötteln; man schämte sich ordentlich, zu einem positiven Religionsverbande zu gehören. Der Mensch glaubte in seiner damaligen absoluten Freiheit s m a n i e, seiner Freiheit etwas zu vergeben, wenn er sich zu einer bestimmten Religion mit ihren feststehenden heiligen Satzungen bekenne. Auch diese Richtung ging bald in das Judenthum über, und konnte hier um so leichter eindringen und Wurzel fassen, als es — das Judenthum — von jeher argen alle Ankämpfungen von außen her nur seine innere, belebende und durchdringende Wahrheiten als Waffe und Siegespreis entgegenstellen konnte. Und wenn jetzt dem modernen Christen, seine Religion — das Christenthum —- nicht mehr das ganze Himmelreich mit allen seinen Seligkeiten zu geben vermochte, weil er daran nicht mehr glaubte, so durfte er indessen in seiner Religion verbleiben, weil sie ihm wenn auch nichts giebt doch auch nichts nimmt; hingegen wenn der sogenannte aufgeklärte Jude an die himmlische Wahrheit seines Judentums zu zweifeln ansing, wenn die RoseJeschuruns, die für ihn früherhin im Paradiese blühte, später zu welken begann, warum soll er sich noch mit den Dornen, die sie umgeben, bis aufs Tiefste blutig verwunden? — Wenn ihn der ferne Himmel in seinen Hoffnungen täuschte, warum soll er noch seinetwegen die ihm mehr nahe liegende freundliche Erde mit allen ihren Herrlichkeiten .einbüßen? — Verachtet, verschmähet, von allen Freuden des Lebens ausgeschlossen, litt er bisher geduldig als Exulant (nfr) b)y ^rpp), der seiner einstigen Heimkehr entgegenharrte und die goldenen Strahlen des zukünftigen messianischen Morgens verscheuchten ihm die Todesschatten der düstern, mitternächtlichen Gegenwart. Wenn aber jener goldene Morgen nie erschiene, sollte er dennoch immer im finstern, erdrückenden Kerker Zurückbleiben, während er durch ein Wort einen weiten freien Spielraum zu gewinnen, und seine Augen an den reichen tausmdfarbigen Freuden des Lebens zu ergötzen vermag? Wir verteidigen seine Gesinnung nicht, wir referiren sie bloß; das. bitte ich wohl zu merken! Und was war die Folge? Abtrünnigkeit, Treulosigkeit und Berrath an die Religion Israels, an di Religion unserer Väter; und wer sich nicht so weit vergriffen hat, der verfiel mindesten in einen kalten Jndifferentismus, und schämte sich wie vor dem Vorwurf einer Todsünde Jude genannt zu werden. — Diese Periode der Negationhat uns gar tiefe Wunden geschlagen; nicht nur deßwegen, weil, sie uns viele unserer sonst schätzbaren Mitbrüder aus unserer Mitte raubte, sondern vielmehr weil sie manchen Schwcichkopf verleiten mochte zu glauben, es könne das Judenthum, diese reine philosophische Religion oder besser diese religiöse Philosophie, das Licht des 19. Jahrhunderts, wie man sich auszudrücken pflegte, nicht ertragen! — Nun ist gottlob jene Negationsperiode auch vorüber, der Geist will nicht mehr zerstören, sondern.er will bauen. Die positive Religion hat ihren uralten, angestammten Thron wieder eingenommen. Der Geist erkennt, daß die wahre religiöse Freiheit nicht in Willkühr und Zügellosigkeit bestehe, sondexn vielmehr in seiner freiwilligen Unterwerfung unter das höchste Wesen, das Alles ist, und in Allem lebt, in feiner freiwilligen Anerkennung heiligen religiösen Formen, die ihm den Weg zu seinem Heile bahnen und ihn vor Verirrung bewahren. — In den Ländern, wo dem Juden der Weg zu allen Höhen des Lebens auf gleiche Weise wie dem Christen offen stehet, ist es kein Wunder, daß die falsche Schaam ein Jude zu sein geschwunden ist; aber auch in jenen Ländern, wo den Israeliten noch so manches entzogen ist, stehet er jetzt mit freier Stimme da und kämpft um sein ewiges Menschenrecht, kämpft und siegt oder fällt um dem fliegenden Barmer der Religion seiner Vater, der Religion Jakobs» — Ja mit noch höherem Selbstgefühl und noch edlerem Stolze spricht er gerade in diesen Ländern seinen Charakter und seine Abstammung aus. Denn er kämpft und ringt um eine ewige und wahre Idee; denn fürwahr, nicht um einzelne, untergeordnete Gebräuche und Zeremonien, die in unserer Religion nur ein untergeordnetes Moment bilden, und die nur als Theile eines Ganzen ihre Bedeutung haben, wird jetzt gekämpft, sondern um die Idee des Judenthnms selbst, -in ihrer ewiger Unvergänglichkeit.*) — *) Zum Schluffe noch folgende Betrachtung! die Religion 33 *

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