Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1841
- Issue
- 33 (14.8.1841)
- Article
- Gedanken über Religionsphilosophie und Judenthum
- Date
- 1841-08-14
- Page
- Spalte 499-500 (sequence 2)
- Language
- German
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409 , Gedanken über Religionsphilosophie und Judenthum, von Dr. Friedsohn. 500 Unübertreffbares sein. So bleibt der Saame nicht immer Saame, sondern er entwickelt sich zuin Baume, doch ist er als Saame etwas Vollkommenes; und so alles Andere. Alles ist um sich zu entwickeln d. h. um nicht so zu bleiben, aber was es ist, ist'es zu seiner Zeit das Vollkommenste. — Zwar ist die Wesenheit (suljstantia) eines jeden Dinges, sein unendlicher Grund als der Träger seiner Eigenschaften, ewig einer und derselbe; aber er muß jederzeit in einer bestimmten und endlichen Form erscheinen, diese Form ab er-ist veränderlich, er streift sie ab und hüllt sich in eine andere, hingegen ist Menschenwerk durchaus Form und alles wesentlichen Schaffens beraubt. — Kein Bildhauer hat noch je zu seinem zu formenden Bilde sich den Marmor geschaffen; kein Tischler mit dem Tische zugleich das Holz gemacht. Wir verarbeiten nur das Vorgefundene wir drücken ihm blos eine andere Form auf. Weil diese aber das We^en der Dinge nicht im Geringsten verändert, so ist sie jederzeit äußerlich und mangelhaft, daher das beste Kunstwerk niemals das absolut Vollkommenste und Unübertreffbarste sein kann. Diese Wahrheit finden wir in der positiven Religion überhaupt und zunächst im Iudenthmne bestätigt. — pr ühtyb ,/das Wort Gottes stehet ewig fest" sagt die heilige Schrift. Die Wahrheiten, die es aussagt, der Geist, den es birgt, sie sind von absoluter ewiger Dauer; das Wort Gottes, sage ich, aber weil dasgeistige Ohr der Menschen zu allen Zeiten sich nicht gleich bleibt, so muß auch das göttliche Wort in dem Laufe der Zeiten in seiner Betonung und Aussprache sich modificiren, um gehört und verstanden zu werden, d. h. es muß bei seinem ewigen identischenInhalt unaufhörlich seine Form wechseln. Glaubet ihr etwa, daß es eine Lästerung sei, das Wort Gottes der Zeit zu unterwerfen? — Ist denn, frage ich, nicht die Zeit ebenfalls ein Kind Gottes? Ist nicht der Geist, der erst die Zeit schafft, und ohne welchen das ganze Dasein und die Vorstellung von Zeit nicht vorhanden wäre, ist denn der nicht derselbe, der allein das Wort Gottes zu begreifen und seinen Sinn zu erfassen im Stande ist? — Die Menschenfahungen aber, die im Judenthume vorhanden sind, nämlich die später» Zuthacen, sind aber, als Menschensatzungen temporär und vergänglich; denn sie waren als Menschensatzungen schon im Momente ihrer Entstehung nicht absolut vollkommen. Wenn daher das Wort Gottes bei veränderter Form doch jenen unveränderlichen Inhalt für alle Ewigkeit treulich bewahrt, so büßen hingegen die Menschensatzungen früher oder später mit ihrer Form auch ihren Inhalt ein, und gehen auf diese Weise, wie der Mensch selbst und alle seine Herrlichkeit, vom Reiche des Lebens gänzlich verloren, und leben nur noch in der Geschichte als Fakta und Erinnerungen. — Das ist des Endlichen Loos! — v. Der vorhin auseinander gesetzte Prozeß, den die allgemern.e Idee der positiven Religion überhaupt und die besonderen Ideen -er einzelnen positiven Religionen zu durchmachen haben, muß wie jeder.orgattische Prozeß durch hierzu geeignete Organe eingeleitet, unterhalten und ausgeführt werden. Das große Organ für diesen Prozeß ist der Geist der Zeit. — Fraget ihr mich, was heißt das, Geist der Zeit? — wahrlich, ich könnte es nicht beantworten; aber ich will euch die nächste Vergangenheit vorsühren, und sie mit der Gegenwart vergleichen, und ihr werdet diesen Geist scheuen und seine Größe bewundern. — Das Mittelalter, das durch seine Anfeindung und Verachtung der Wissenschaft; durch seinen Obscurantismus allbekannt ist, das, als Kulminationspunkt des religiösen Fanatismus sich auszeichnet, hat leider auch den Juden, zumal den europäischen, in seiner ganzen Lebens- und Handelsweise durchdrungen.' — Der christliche Asketismus, der seine Blicke nur zum Jenseits hinwandte, wendete sich mit Abscheu von der Erde und ihren Herrlichkeiten weg. Als Gegensatz zu den Worten des Psalmisten (Ps. 115, 15): nirr6 LWL7 D^il D*1N mb jru pNH) Die Himmel sind Gottes und die Erde gab er den Menschenkindern, hieß es im christlichen Mittelalter, der Himmel ist Gottes und die Erde ist des Teufels Reich. — Der Christ konnte seinen christlichen Mitbruder nicht als Bürger und Kosmopolit sondern eben nur als christlichen Ebenbürtigen, der mit ihm dem Schooße der allein seligmachenden Kirche entsprungen ist, und deßhalb dereinst neben ihm im Himmel sitzen wird. — Was Wunder, daß die Juden als Quelle des Unglaubens, — nach damaliger christlicher Ansicht — statt ihrer ehemaligen Benennung ,/Kinder des lebendigen Gottes" — jetzt als die Beute des Teufels, als die Jünger des Satans, als Zauberer, und wer weiß was, verschrieen und verabscheut wurden, und deßhalb auch von aller nähern Berührung mit denselben die treuen Seelsorger ihre christlichen Gemeinden von den Kanzeln herab aufs Nachdrücklichste warnten.*) — Hat aber diese Verketzerung und Ausschließung ihre direkten unheilvollen Folgen gehabt, daß dadurch der Jude vom Verbände der allgemeinen Gesellschaft zurückgedrängt wurde, so hat sie wieder indirekt das Gute herbeigeführt, daß sich die Juden unter sich um so inniger verbanden und verbrüderten; überdies war jener Verlust an geselligen Genüssen damals um so leichter zu verschmerzen, als es zu jener Zeit noch kein eigentliches freies sociales Leben, in dem Sinne, wie wir es jetzt kennen, gegeben hat. Eine unausbleibliche Folge der damaligen Geisresrichtung *) Es giebt Beispiele aus jener Zeit, wo ein Mönch keinen Juden vor g r o ß e n h e i l i g e n Zeremonien sehen durfte, denn jener Blick könnte ihn verunreinigen. Ein ähnliches Gesetz aus jener Zeit hat sich in einer freien deutschen Handelsstadt bis jetzt erhalten, wo noch jeder christliche Einwohner das Recht hat, seinen jüdischen Nachbar von seiner Nähe weg zu wünschen, weil er des Morgens vor dem Morgengebete den Anblick eines JudengesichreS nicht ertragen kann! —