Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1841
- Issue
- 31 (24.7.1841)
- Article
- Gedanken über Religionsphilosophie und Judenthum
- Date
- 1841-07-24
- Page
- Spalte 451-452 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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451 452 Julius Friedsohn: Gedanken über Religionsphilosophie und Judenthum. Noch viele andere Versuche sind unternommen worden, um den besten Staat ausfindig zu machen; aber schon jeder spatere Versuch bezeugt, daß der frühere nicht gelungen sei. Ein gleiches Bcwandtmß hat es mit der positiven Religion. Denn noch keine der positiven Religionen hat sich zu der Höhe hinaufgeschwungen, daß sie für jede weitere Entwickelung und Reform unzugänglich wäre. — Dieser Umstand verleitete manchen, selbst redlichen Denker, die Nützlichkeit und Nothwendigkeit, ja selbst die moralische Zulässigkeit der positiven Religion und des Staates zu leugnen. Sie verzweifelten an der Realisirung des Ideals und verwarfen alles, was hinter demselben zurückblieb. Hinsichtlich der Religion, deren Beurthcilung, als Herzenssache, ohne dies jedem frei gegeben ist, finden wir diese Erscheinung täglich. Jeder, dem es beliebt, hüllt sich in den Mantel des Philantropismus und sucht aus den verschiedenen Gebrechen, die er in den verschiedenen positiven Religionen cntfzudecken weiß, dm Schluß zu erhärten: Positive Religion ist nicht nur ein trügerischer Schein und eine logische Absurdität, sondern überall ein unheilvolles Priestermachwerk und ein verwerfliches Ungeheuer." Diese Herren ro.isonniren nach der Weise Voltaire's und mei nen den ganzen Riesenbau der positiven Religion, an dem Lausende von Generationen ihr Lebenlang gearbeitet, mit einem Machtspruche vernichtet zu haben. Hinsichtlich des Staates aber, da dessen faktische Gültigkeit nicht von dem Belieben des Individuums abhängt; so ist auch dadurch seine theoretische Rechtfertigung und seine Begründung 2 priori bei weitem gesicherter; nach dem alten Sprichwörter „was nicht besser sein kann, wird für das Beste gehalten. " Doch sehet einen R 0 s s e a u, wie er, an einem zu realisirenden Ideale des Staates verzweifelnd, den Menschen zuruft: ,,Fliehet in die Wälder , lebet einsam und verwildert, kehret zu eurem Naturzustände (sie dictum) zurück! denn, in der Gesellschaft blühet für Euch kein Heil. Seit Jahrtausenden quälet ihr euch ab, die beste Staatsform auszusinnen, ihr habt alle Verfassungen, vom Despotismus bis zur Republik durchgemacht, und alle mangelhaft gefunden; was hoffet ihr noch? Wie wird es euch gelingen, einen vollkommenen Staat auf Erden ju gründen." — Wir können nichts dagegen haben, die Thatsache ist wahr, die Geschichte zeigt auf jedem Biatte, Staaten wie Seifenblasen auf dem Oeean der Zeit aufsteigend um bald zu zerstieben und in Nichts zu verfliegen; sie zeigt, wie jeder Staat bei seiner beginnenden Bildung und Entwickelung schon den Keim seines künftigen Verfalls in sich getragen; wohl aber können wir Rousseau entgegen: „Warum ergreifst du die Theile, und reißest sie auseinander, während sie nur in diesem Ganzen, ihren Zweck, ihre Bedeutung und ihre Göttlichkeit haben?" Der Makr 0 kasmus, die Welt, existirt so wie der M ikrokosmus, der Mensch, nur in seiner Totalität, und sowie der Anatom, unter seinem Messer nicht mehr Thekle eines Menschen, sondern Theile eines Leichnams; d. h. öde Trümmer einer entschwundenen Herrlichkeit hat, so ist auch das Universum nur als lebendes Ganze, und jedes Ereigniß in demselben nur als Glied dieses großen belebten Organismus zu betrachten, das aber nur als Glied, als Moment des Ganzen, in der ewigen Manifestation Gottes, im Reiche des Daseins lebt und wirkt. Verliere dich ja nicht im Inhalte des einzelnen Ereignisses, sondern behalte vielmehr ihre U eher gangspunkte in einander fest im Auge; weile auf ihren Grenzen, und du wirst die Schritte des Allgeistes belauschen, wie er in der Manifestation seiner Majestät von Stufe zu Stufe sich erhebt, und mit sich das Reich des Daseins fortbewegt. „Aber, dürste er mich fragen, du verweisest mich vom Positiven aufs Neg ative, vom Terrain auf die Grenzen. Du sagst, jedes Ereigniß im Universum ist nur als Uebergangspunkt in seinem Aufhören zu beachten; wie kann aber aus Grenzen ein Reich konstruirt werden, de nilrilo nihil sequitur? — wie soll also jedes Ding nur eben in seinem Aufhören dm Zweck seines ganzen Daseins erfüllen?" — Ich antworte: wir finden einen hinlänglichen Beleg hierzu in der solidesten Wissenschaft, in der Mathematik. — Der Mathematiker eröffnet seine geometrischen Lehren mit den Definitionen des Punktes als der Grenze der Linie, der Linie als Grenze der Flache, und der Fläche als Grenze der Körper. Der Punkt, die Linie und die Fläche, in sofern sie mehr als bloße Grenzen sind, d. h. einen eigenen materiellen Inhalt besitzen, kann der Geometer nicht mehr brauchen; nur der Physiker, der es nicht mehr mit intelligibale Wahrheiten (a priori), sondern mit sinnlichen Wahrnehmungen (a posteriori) zu thun hat, der macht sie sich zu Nutze und nennt sie zum Unterschiede von jenen: physischer Punkt, physische Linie u. s. w. Genug wir sehen hieraus, daß der ganze Anbau der Geometrie dieser Manifestation des Allgeistes als Vernunft (subjectiver Geist) auf Grenzen und Uebergängen basi'rt, warum sollte ebenso die Manifestation des Allgeistes als Natur und Geschichte (objektiver Geist) nicht auch nur auf Uebergängen und Grenzen beruhen d. h. nur in der Idee des Fortschrittes und der Entwickelung sich beurkunden?*) — Die heilige *) Denn die Grenze ist ker'nesweges ein Nichts, sondern vielmehr das wahrhafte Bleibende im reißenden Strome des Wechsels. Die Grenze kann verrückt, aber nicht vernichtet werden, weil ja die Vernichtung eo ipso wieder eine Begrenzung, ein Anderswerden ist. — Alles kann in einander übergehen, nur der Uebergang selbst ist unwandelbar, und so wie keine Bewegung ohne zwei feste Punkte — den Ausgangs- und den Endpunkt —, so ist auch kein Uebergehen und Wechsel ohne einen unwandelbaren Uebergang selbst, denkbar. — Wir finden dies ja auch auffallend in dev Logik bestätigt. — Unser gewöhnliches Denken har es nur mit. klaren, keinesweges aber mit deutlichen Begriffen zu thun. Der gemeinste Mann unterscheidet z. B. genau Lugend von Laster, Wahrheit von Falschheit, .versucht aber ihm diese Begriffe zu verdeutlichen, d. i. sie zu definiren, so wird sich sogleich seine Unwissenheit verrathm. Er braucht indeß. wahrhaftig darüber nicht zu erröthen, da ja so viele Philosophen vom Fache, in der Definition dieser Begriffe