Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1841
- Issue
- 31 (24.7.1841)
- Article
- Gedanken über Religionsphilosophie und Judenthum
- Date
- 1841-07-24
- Page
- Spalte 449-450 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/8555529-9897381-9897470-2366002--1556-2366022- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
für Jüdische Geschichte und Literatur J\s 30* Leipzig, den 24. Juli 1841. Abhandlung. Gedanken üb. Relkgionsphilosophie u. Judenthum v. I. Friedsohn. Ik. — Lit. Ueb erscch ten. Asher^s Prachtausgabe der Masaot des R. Benjamin von Tudela, beurtheilt v. M. Sider. Die Leistungen der Mitarbeiter: Aunz, Lebrecht, Munk, Nitter, Petermann rc. — Proben aus dem nächstens erscheinenden Job - Eonrmentcrr v. I. Wolfson. — Lit. Aualekten. lieber die Septuaginta v. M. Heß. — Lit. Anzeigen. Gedanken über Relrgi'onsphilosophie und Judenthum, von Julius Friedsohn.*) III. Wir haben die Aufgabe der positiven Religion bestimmt in der Lösung des Widerspruchs und der zu schaffenden Harmonie zwischen den 2t b st u f u n g e n der.mannigfaltigen (partikulären) Liebe und der Idee einer allgemeinen Menschenliebe; oder mit andern Worten, die Einrichtung zu treffen, daß die b e sondern Kreise, weiche die gesellschaftlichen Verhältnisse um gewisse Gruppen von Menschen ziehen, und die sich im religiösen Leben noch am deutlichsten markkren, insgesammt auf dem gemeinschaftlichen Boden der allgemeinen Menschenliebe projcktirt sein sollen. — Dieselbe 2tufgabe, jedoch mit andern Modisicationen, ist aber auch dem Staate gestellt. Auch jeder Staat nmß für sich eine geschloffene Totalität, eine eigene Welt bilden, und dennoch darf er nie aufhören, ein Glied in der großen Kette des großen göttlichen Staates, d. \y der allgemeinen Menschengesellschaft zu sein. Religion und Staat, diese beiden Stützen der Menschheit, sind nun von jeher in ihrem Streben begriffen, jenes Problem vollkommen zu lösen, aber noch ist es blos beim Streben geblieben. Dies bezeugt das unabläßliche Verbessern und Berich- *) Friedsohn ist pseudonym; es ist Julius Barasch,! Di'. Med. et Chir.; gegenwärtig Berlin verlassend, um nach j Holland in seinem Berufe zu gehen. Es ist derselbe talent- ' volle junge Mann, der unter dem Namen Julius Marcusson B..... in der Allg. Z. d. Jud. über den Ehasr'dismus in Polen geschrieben. Red. Ligen, das sowohl die religiösen als die staatlichen Institutionen jederzeit nothwendig machen. Aber es kann auch nur, ja, cs soll auch nur beim Bestreben bleiben. Ich sage erstens es kann nur beim Bestreben bleiben, weil der Mensch ein endliches Wesen ist, daher er auch etwas für alle Zeiten Vollkommenes und Unverbesserliches zu schaffen nicht im Stande ist; zweitens es soll auch nur beim Bestreben bleiben; denn was für ein trauriges Loos müßte es für die spatere Nachkommenschaft sein, wenn sie, wie die Wiederkäuer immer nur das von ihren Vorfahren ihnen Zurückgelassene wiederzukauen hätten; oder etwa wie die müssigen Erben, die die Erbschaft ihrer Vater verzehren, ohne sie durch eigenen Erwerb zu bereichern. Sehet doch den großen Plato, wie er in seiner Republik, in dieser genialsten Erfindung eines Staatsverbandes, dieses Problem lösen wollte, aber doch nicht vermochte. Sein Princip war indeß schon von Vornherein darum mangelhaft, weil er in seinem Staate die quantitative Ausdehnung der Liebe ihrer qualitativen Intensität und Mannigfaltigkeit vorgezogen hat. Jede Klasse sollte eine Familie, ihr Eigenthum, selbst ihre Weiber und Kinder sollten ein Gemeingut sein. Die engeren eigentlichen Familienlmnde sind dadurch zerrissen, die häusliche Heiligkeit aufgehoben, daher konnte diese Verfassung bei all ihrer Weisheit mezur Ausführung kommen. Plato, sage ich, machte den Menschen durchaus zum Mittel des Staates, ohne an ihn -- den Menschen — selbst, als eme sich selbst bewußte Persönlichkeit zu denken. Der Mensch soll aber nicht blos Mittel für das Allgemeine, sondern zugleich auch Zweck für sich selbst sein. Ja er kann nur jenes sein, insofern er dieses ist; und wenn ich mein Leben, das mir Theuersie und Höchste, dem Staate opfere, so kann und darf dieses nur dann geschehen, indem ich mich selbst dazu bestimme, und in dieser BeKimmung den Zweck meines Daseins freudig und freiwillig anerkenne. 30