Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1841
- Issue
- 29 (17.7.1841)
- Article
- Gedanken über Religionsphilosophie und Judenthum
- Date
- 1841-07-17
- Page
- Spalte 435-436 (sequence 2)
- Language
- German
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435 Julius Friedsohn: Gedanken über Religionsphilosophie und Judenchum. ',438 geboren und begleitet ihn von der Wiege bis zum Gra- Leöhügel. Wie erhaben drückt sich hierüber der Hebräer aus: KCP 1L2DD, der Mensch trägt in seiner Seelentieft den ewigen Kampf. Die Versöhnung dieses Kampfes fällt der Moral anheim; diese ertödtet aber nicht die Sinnlichkeit, sondern sie bestrebt sich vielmehr, sie mit der Vernunft in schönster Harmonie zu bringen. Die Moral wird jedoch keinesweges in einem Zeitmomente des Lebens erworben; denn nur der hat Moral, der das ganze Leben hindurch bei jeder erneuerten Gelegenheit moralisch handelt, d. h. den innern Kampf von neuem beginnt und — siegt. Die Moral realisirt sich eben so in einem ununterbrochenen harmonischen Lebens,Prozesse der Geisteskräfte, wie Leben und Gesundheit nur in der harmonischen Realisirung aller Potenzen der körperlich -biotischen Kräfte des Organismus bestehet. Dieser Lebensprozeß der organischen, animalischen, als auch der rein geistigen Seite des menschlichen Organismus, muß wie jeder Prozeß eine Bewegung repräsentiren. Der Begriff der Bewegung involvrrt aber einen gewaltigen Widerspruch, nämlich den der Ruhe und Nicht-Ruhe. Denn ein Ding kann nur in sofern als bewegt gedacht werden, als es im Uebergange von Ruhe in Nicht-Ruhe, und von dieser in jene so eben begriffen ist, d. h. diese beiden Extreme so eben in sich in Eins zusammenschließt.z) Dieses große Welt-Problem: einen Widerspruch zu lösen, und eben in dieser Lösung zu existiren, erscheint in der positiven Religion, im Begriffe der Menschenliebe. Wir kennen kein Höheres, kein Edleres, kein Göttlicheres aus Erden als wahre allgemeine Menschenliebe. Sie ist das beflügelte Kind Gottes, das wir im Herzen tragen, oder vielmehr, das unfern wallenden Busen bis an des Aethers Höhen mit sich erhebt, und uns in unverhallender Stimme unsere Abkunft aus den Himmeln verkündet. Sie ist das untrügliche Signal, die große Parole, wodurch die Menschenkinder sich einander als gleiche Waffenbrüder auf dem Kampfplatze dieses Lebens wieder erkennen und umarmen. Menschenliebe ist daher das höchste Ziel der moralischen Gesittung und intellektueller Bildung. Nicht etwa daß die Bildung, diese Liebe ins Menschenherz erst einzustnken brauchte, denn diese ist durch allgemeinere, unauslöschbarere Züge in dasselbe eingedrückt, nämlich durch Instinkt und Naturtrieb. Die Bildung hat vielmehr die Aufgabe, diese instknktmaßige Empfindung zum bewußten Begriffe zu expliziren. Ihr möget schaffen was Ihr wollet, Ihr möget Euch Welten über Welten aufbauen und sie mit dem ganzen Reichthume der Schöpfung ausstatten, 1) Von ringen, kämpfen, streiten. 2) Der Mathematiker desinirt die Bewegung (Geschwindigkeit) C, als der Raum 8 dividirt durch die Zeit T, nämlich C=f; nun sind aber Raum und Zeit die zwei heterogensten Dinge von der Welt; und doch müßte eigentlich nach dem allgemeinen allgebraischen Gesetze, auch hier Dividendus und Divisor gleichartig sein? — l —; wenn sie nicht durch das Licht der Liebe hellbeleuchtet und von ihrem Frühlingshauche sanft erwärmt werden, so liegt Alles in dunkeler Nacht gehüllt, und Niemand wird sich daran ergötzen, so ist alles der schauerlichen Eiskälte ausgesetzt, und alle Blumen werden bald verdorren. Nun hat die Liebe, wie jeder Gegenstand seine quantitative und seine qualitative Seite, die hier aber so beschaffen sind, daß von dem Wachsthum e der einen die Abnahme der andern bedingt ist. Es ist Jedem bekannt, je größer der Preis der Liebe ist, den ein Herz mit seinen Banden umfaßt, desto lockerer wird diese auch um jenen gespammt. Die Liebe ist wie das Licht, beide schicken ihre Radien aus, und je weiter sie sich erstrecken, desto rascher nimmt ihre Intensität ab, bis sie zuletzt sich in Nichts verlieren; andererseits wird die Liebe in ihrer Intensität um so mehr erhöhet, je mehr sie sich koncentrirt, die ja selbst zu einem glühenden Brennpunkt werden kann, der in unbändiger Gluth den geliebten Gegenstand selbst verzehrt. Soll nun die Menschenliebe, zum Heile der Menschen und zur Erreichung des höchsten Zweckes, in ihrer quantitativen oder in ihrer qualitativen Seite hervorgehoben und kultivirt werden? Mit andern Worten, soll cme allgemeine Menschenliebe und nur eine solche statuirt werden und alle andere qualitativen Beziehungen besonderer Liebe, wie die zur Familie, zum Vaterlande, zu seinen Religionsgenoffen rc. gänzlich aufgehoben werden, oder soll vielmehr, das (extensive) Quantitative, d. h. die Ausbreitung der Liebe ganz unberücksichtigt, und die Menschen in Gruppen vertheilt werden, deren Mitglieder sich mit der wärmsten Liebe umschlingen sollen, dagegen jedes Nicht-Mitglied gänzlich davon ausschließen? Dies ist die große Frage. — Ein dieser Seiten allein berücksichtigten, dagegen die andern gänzlich ignoriren, wäre unnütz, sündhaft und gefährlich. Denn nehmet der Lieb^ ihre qualitative Färbung und statuiret das Gesetz: Alle Menschen auf Gottes Erdboden müssen ohne Unterschied in gleichem Maaße und auf gleiche Weise einander lieben: so haben wir der Liebe die Kraft gebrochen und ihre Seligkeit vernichtet. Die schönsten Gefühle von Familienglück, Verwandschaftsbauden, Vaterlandsliebe und Religionsgemeinschaft, diese angenehmsten Würzen des Lebens waren somit gänzlich verschwunden, und das Leben bleibt ein kahles Feld im kalten Herbste zurück, seines blumigten Schmuckes beraubt. Nehmen wir aber andererseits der Liebe ihre quantitative Größe und wollen sie blos auf besondere Kreise einschranken, so hätten wir die Allgemeinheit ihr genommen, und dieser Versuch wäre noch weit gefährlicher; denn wenn im ersten Falle, das Leben an Werth verliert und das beseeligende Glück der Liebe vermißt wird; so verliert es im letzteren Falle seine ganze Bedeutung und bald wird sich unversehens der 3) Man kann dieses auch das intensiv Quantitative der Liebe nennen, weil ja jede Veränderung der intensiven Quantität eines Gegenstandes, zugleich eine Veränderung seiner Qualität mit sich führt, wie's die Logik (Hegels) beweiset.