Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1841
- Issue
- 29 (17.7.1841)
- Article
- Gedanken über Religionsphilosophie und Judenthum
- Date
- 1841-07-17
- Page
- Spalte 433-434 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/8555529-9897381-9897468-2365959--1538-2365982- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
MeraLurblatt des Orients Berichte, Studien und Kritiken für jüdische Geschichte und Literatur m DN. Leipzig, den 17. Juli 1*41. Abhandlung. Gedanken üb. Rellgionsphilosophie u. Iudenthum v. I. Frredsohn. 1k. — Lit. U eb er si ch Le n. Asher's Prachtausgabe der Masaot des R. Benjamin von Tudela, beurtheilt v. M. Sider. Die Leistungen der Mitarbeiter.' Sunz, Lebrecht, Munk, Ritter, Petermann :c. — Lit. Dialekten v. Dr. Carmoly. Elija da Pesaro. — Proben aus dem nächstens erscheinenden Job-Commentar v. I. Wolfson. — Mittheilung. — Lit. Anzeigen. Gedanken über Relrgionsphilosophie und Judenthum, von Irrlius Furedsohn. II. Wir sind jetzt auf den richtigen Punkt angelangt, wo eine welthistorische Frage uns entgegentritt, nämlich: ist positive Religion überhaupt mit dem Ausspruche der Philosophie und mit de nMaximen der höchsten Moral verträglich oder nicht? Ja, wir müssen noch weiter fragen: ist positive Religion, wie ihre Verth erdig er aus Verrrunftgründen behaupten, selbst ein nothwendiges Moment des Gesammtlebens der Menschheit, ein unentbehrliches Vehikel zu seinem Heile und seiner. Glückseligkeit, oder ist das Recht Seitens ihrer Antagonisten, die uns aus der Geschichte zu beweisen suchen, sie sei die trübe'Quelle alles Unheils, der offene Abgrund, aus dem alle schwarzen Ungeheuer des Fanatismus, der Intoleranz, Zwietracht und blutigen Verfolgung emporgestiegcn sind, um das Menschengeschlecht untereinander zu entzweien, die Herzen zu erbittern, und das Himmelskind „Menschenliebe" von Gottes Erdboden zu vertilgen? — Wir sehen, wie unendlich wichtig diese Frage ist und auch sein muß > wie gefährlich es ist, sie einseitig aufzufaffm und einseitig beantworten zu wollen. Lausend und aber Lausend Versuche sind zu allen Zeiten gemacht worden, um sie zu lösen, alle Geisteskräfte wurden aufgeboten, um den Ausspruch der Vernunft, die dafür, mit der. Stimme der Geschichte, die dagegen sich erhebt, zu .versöhnen; — und da hierüber die Akten noch nicht geschloffen'sind,, so erlaube ich mir, auch meine Meinung hier anzudeuten.; - Gerade in diesem schwierigen Probleme finde ich die Bestätigung jener großen Wahrheit, die von den Alten zwar schoir geahnet, jedoch erst in der neuesten Zeit von der Philosophie deutlich ausgesprochen wurde, daß in der gesammten körperlichen und geistigen Welt, im ganzen Reiche der Natur und» Vernunft, ein Faden des Widerspruchs sich hindurch zieht, dsr Alles m Bewegung und Leben erhält, der unaufhörlich seine Lösung fordert, der unermüdlich alle Kräfte der schaffenden Natur und des denkenden Geistes zur thätigen Regsamkeit anspornt, so daß dadurch alles Lebende vorwärts schreitet, sich entwickelt, manifestirt und nie m tödtliche Stagnatim geratet. Ich kann mich unmöglich hier hierüber umständlicher aussprechen, ohne die Grenzen einiger versprochener Gedanken zu überschreiten und vielleicht auch die Geduld der Leser auf eine harte Probe zu stellen. Dennoch, mögen uns einige Andeutungen genügen, das Gesagte zu erläutern. Wir wissen, welche große und unlösliche Probleme die Philosophie in der Natur der Körper entdeckt hat, es sind: die Bewegung, die Inh ar enz, und die Veränderung. Ein unorganisches Ding A verändert sich in ein anderes R und dann wieder in 6, und doch ist es immer dasselbe A, da§ mallenVerändernngsmomenten, als die allen gemeinschaftliche Basis (Substrat), zu Grunde liegt, und in ihnen als das einzige Wahre vorhanden ist. In der organischen Natur ist es die Entwickelung, die uns jenen gewaltigen Widerspruch, oder um konkreter zu sein, jenen großen Gegensatz der Kräfte, aber zugleich ihre Versöhnung, nämlich im stetigen Leüensprozesse auszeigt. Denn was ist Entwickelung anders als das Erscheinen desselben Inhalts in einer verschiedenen Form? Der Inhalt ist also derselbe, die Form verschieden, und doch sind beide m Ems innigst zusammenhängend. In der Organisation des Menschengeistes, welcher gewaltige Widerspruch von göttlicher Vernunft und viehischer Begierde!, welcher-große Kampf zwischen Tugend und Lasier! Dieser Widerspruch isi ihm an- 29