Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1841
- Issue
- 24 (12.6.1841)
- Article
- Paragraphe zum Verständnis des mündlichen Gesetzes
- Date
- 1841-06-12
- Page
- Spalte 357-358 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/8555529-9897381-9897456-2365747--1459-2365771- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Isaiah 1× ep/1005097
OCR text
357 Paragrap he zürn Berständniß des mündlichen Gesetzes. Halacha und Hagada im Midrasch. 358 war das Charakteristische des Midrasch. In Bezug auf den Pentateuch hießen daher alle biblischen Schriften Ptaj?, Empfangene, durch Überlieferung; so wurde Jesaja, Jeremija, Ezechiel,-Joel, Sacharja, Maleachi, der Psalter, die Sprüche, Hiob, das hohe Lied, Kohetet in den soferischen, mischnüischen und talmudischen Schriften als rtep bezeichnet^); spater legte man nur dennachbiblischen Schriften diesen Namen bei. Das ganze wissenschaftliche Treiben und Leben der soferischen Epoche, das weitverzweigte Gesetzesstudium in den Lehrhäusern hieß Midrasch, welcher der praktischen Thätigkeit und der Gesetzesübung gegenüber gestellt wurdet), und mit Mischna^) und Talmud^') identisch war. Das Lehrhaus hieß rp?, gleichviel ob Mischna^) »der andere Lehrgegenstände vorgetragen wurden. 3. H a l a ch a und Hagada im Midras ch. Der Midrasch in seiner unermeßlichen, umfangreichen Thätigkeit zerfiel in zwei verschiedene Facher, in Halacha, Gang, Regel, Richtschnur^), d. h. die Auslegung und Durchbildung des praktischen Gesetzes mit seinen Vorschriften und Anwendungen für die Praxis, und in Hagada, rnan, Gesagtes, Erzähltes, d. h. freie exegetische und sittliche Belehrungen, frei Auslegung und Anwendung der heiligen Schriften, nach Abzug der Halacha, das eigentliche Berständniß der Schrift, nicht aber des Gesetzes, in allegorischen und geheimsmnigen Auslegungen. Die Halacha veranschaulichte das Gesetz, die Hagada, die Glaubenslehre, zwei Pole der jüdischen Nationalliteratur in ihrer Unfreiheit und Abhängigkeit von der Schrift; die Halacha verarbeitete alte Decretalen der Soferim und Synedrien, wie sie auch die unabweisliche Macht der Gegenwart ins Dasein gerufen, und suchte sie aus dem Pentateuch zu erbeuten und dem mosaischen Gesetze anzupassen, die Hagada aber war eine Exegese, die sich mehr um die Auffassung des Alterthums, weniger um die Accomodicung und Berücksichtigung der Gegenwart kümmerte. Die Halacha schloß Geschichte und sittliche Belehrung, Sage und Wiederspiegelung des Alterthums von ihrem Kreise aus, sie hielt sich am Buchstaben des praktischen Gesetzes, berief sich immer auf Autoritäten und griff rigoristisch in das Leben der Juden ein; die Hagada hingegen war dm freier Ausfluß des Schriststudiums, sie versenkte sich in die Geschichte, in die Sage des Alterthums, und suchte sie durch neue Sagen und Geschichten zu erläutern und zu verschönern. Der aus Halacha abzielende Midrasch, 14) S. Zunz a. a. O. S. 44. 15) Abot 0. 1. 16) Sifra e. 173. 17) Sifri c. 139, 179, ]. Pesachim 3, 7. 18) Berachot E. I. 66, 3. 19) Analog dem hebr. CODBfa f. Tara, zu Ex. 21, 9. der sich schon in Ezechiel und bei dem Chronisten offenbarte, bildete sich in den seit Hillel blühenden Schulen zu besondern literarischen Produkten aus, vorzüglich zur Mischna, worin die Halachot zusammengestellt sind. Halachisch waren auch diejenigen Schriften des Midrasch größtentheils, die man Sifra 20) oder Torat - Kohanim, Sifri und Michilta^) nennt, die als eigene Werke sich erhalten haben. Sifra (das Buch) ist ein Commentar über Leviticus, dem Inhalte nach alter als die Mischna, und weil Rab (st. 243) dieses Werk in Babel bekannt machte hieß es 2") w iODD, Buch aus Rabs Schuft, oder UN ■cn NJH. Sifri ist ein Commentar zum vierten und fünften Buch Mose, daher Bücher. Michilta ist ein Commentar über einen Theil des zweiten Buches Mose. 4. Die Hagada. Die Hagada in ihren Bestrebungen und Richtungen zerfällt in fünf Klassen: 1) in exegetische oder hermeneutische; 2) m die halachische; 3) in die historische und mythische; 4) in die ethische und 5) in die mystische oder kabbalistische Hagada. Die hermeneutische oder exegetische Hagada liefert eine Übertragung der Bibel, alle Anthropomorphismen entfernend und dichterische Stellen umschreibend und bildlich auslegend, wie z. die targumische Hagada im Onkelos. Diese Hagada commentirt und übersetzt zuweilen zu gleicher Zeit, wie das jonatanifche Tacgum es gethan, oder ergießt sich blos in einem hagadischen Commentar, wie die Targumen zu den fünf Megillot; sie sucht das Uebeclieserte dadurch zu verjüngen und neuzubeleben, und sie strebt Geist und Zweck des Gelehrten zu ermitteln. Die Hagadjsche Exegese durchdrang schon früh fast alle Erscheinungen der jüdischen Literatur, die einfache Exegese schien nirgend die Oberhand haben zu können; die Auslegungen im Buche der Weisheit, die Hagada's im zweiten Buche der Makkabäer, die Meditationen der Essaer, die Ueberlieferungen älterer Weisen, Philo's Bearbeitungen der Mosaischen Bücher, in allen dominirt die hagadische Exegese. Diese Exegese schrieb man entweder am Rande der Tora (-pnö *cn hw imtn), oder man legte eigene Sammlungen an; aus beiden floß nachher ein großer Theil der Hagada in den Talmuden und in den sogenannten Midraschim- Zu solchen eigenen Werken ge- 20) Gedr. Venedig, 1545. f.; dann mit einem Comm. des Ibn-Daud in Konst, f.; Fürth, 1698. f., in allen zugleich vereint mir Sifri und Mechilta^ Commentare zu Sifra giebt es vier: von Ibn-Daud, von Ahron Ben Chajim Fast, unter dem Titel Korban Ahron, gedr. Venedig, 16Ö9. f., von Abraham Sutra (s. Sifte Jesch. p. 87.'N. 103.), Rabbi Jesaja und Rabbi Hillel. Außer dem Neuere. 21) Cpl. 1528. durch den Proven^alen Estroe de Toulon, dann Venedig 1545. f., Amsterdam, 1712 f. mit einem Comm. des Mose Frankfurt. 24*