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Der Orient · 1841-06-12 · 24 (12.6.1841) · p. Spalte 355-356

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Journal
Der Orient
Volume
1841
Issue
24 (12.6.1841)
Article
Paragraphe zum Verständnis des mündlichen Gesetzes
Date
1841-06-12
Page
Spalte 355-356 (sequence 2)
Language
German
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355 Paragraphe zum Verstand niß des mündlichen Gesetzes. Tora und Midrasch. 356 behrlichkeit des Gesetzes ^), mag der Prophet blos die mosaische Sittenlehre dem Volke einprägen, wie z. B. Jesaja, Zeremija u. A. gethan, oder, wie Ezechiel und Maleachi, priesterliche Pflichten einscharfen, immer erscheinen ihre Worte nur als Fortsetzung der Tora. Die verdienstlichsten Leistungen Esra's und Nehemja's bestanden in dem Aufwenden ihrer Kräfte für die Erhaltung und Verbreitung, für strenge Befolgung und Studium des Gesetzes, und Esra ist es, dem die Tradition die Entstehung des Gebrauches zuschreibt, an bestimmten - Wochentagen Abschnitte aus den Büchern Moses in den Synagogen vorzutragen.4 5 6 7) Im Deuteronomium finden wir bereits die Anordnung ausgesprochen, daß am Laubenfeste des Erlaßjahres das Gesetz öffentlich vorgelesen werden müsset; die Propheten erwähnen bereits der heiligen Versammlungen an Neumonden, Fest- und Fasttagen, und uralt ist der Brauch, die Sabbate durch Vorlesungen aus dem Gesetze zu weihen"). Das Gesetz war also selbst in der. lebenskräftigen Zeit des Prophetenthums immer die Sonne des jüdischen religiösen Bewußtseins, die Propheten und Hagiographen, die gottbegeisterten Reden und Psalmen, die herzergreifenden Ermahnungen und Visionen, sie alle waren nur zur Verständigung, Erläuterung undEinscharsung des Gesetzes da; alle Schriften des heiligen Kanons sind nur tausendfältige Echo's, die der Gottesmf der Tom wiederhallen ließ. Die Tora war immer und immer Träger der jüdischen Nationalität, das ideelle Vaterland; das Gesetz war von Anfang an der Hort, wohin das beleidigte Gewissen, der gefährdete Glaube floh, alle die anderen Schriften der Bibel waren nur wie Commentare zu derselben. Dieses Deuten, Erklären, Umschreiben, Fortführen, Ausschmücken, Bereichern, Nutzanwenden und Verherrlichen des Gesetzes nennt man Midrasch, im weitesten Sinne. 2. Die Auslegung und Erweiterung des Gesetzes in historischer, legislativer und ethischer Beziehung sind die Merkmale des Midrasch. Das fünfte Buch Mose, welches die eigentliche Tora wiederholt, erklärt, vermehrt und erweitert ist in legislativer Beziehung gleichsam der älteste Midrasch des Gesetzes; das Buch Josua, welches die historischen Fäden des Deuteronomium fortspinnt, Esra und die Chronik, welche die Bücher der Könige erweitern und erläutern, die Propheten, welche die sittlichen Punkte des Gesetzes fortbilden, alle diese sind bald primäre, bald secundäre Midraschim, dem Begriffe nach, wenn sie auch in der Geschichte der heiligen Literatur nicht diesen Namen führen. Nur die Tora, und zwar 4) S. vorz. den 119. Psalm. o) S. Baba -K<Ma 82 a j. Megilla e. 1. §. i. 6) Dt. 31, 10-IS. 7) Jos. Alterth. 16, 2. 4. Mt. 1, 21. 6, 2. Luc. 4, 31. 6, 6. 13, 10. Act. 13, 44. 16, 13. 17, 2. 18, 4. zuerst die drei mittleren Bücher derselben, ist das Herz | und der unzertheilbare Kern des synagogalen Kanons, j, jedes der andern Bücher und heiligen Schriften aber ist [ zwar in Bezug auf Folgendes Grundlage und Text,'! hingegen im Verhältnis zum Vorhergehenden nur Mi- 1 drasch. Die Bücher des Kanon, mit Ausnahme der? Tora, weisen auf das Gesetz^ als Sefer ha-Tora (Dt. : 31, 26), als Buch Gottes (” "M Jes. 34, 16) hin; j das Deuteronomium verordnet das Ausbewahren! des Gesetzes oder der Tora, damit es zum Aeugniß sei gegen Übertretung8); Jesaja ruft in glühenden Reden seinen ungläubigen Zeitgenossen zu^): Forschet lü; aus dem Buche Gottes^) und leset, Keines von jenen bleibt aus, Keines vermißt das Andere ]'2j; Esr a heißt: Schreiber der Gebote Gottes und seiner Gesetze an Israel^), denn alles Uebrige außer dem Gesetze war Midrasch. Dieser uralte, spater dem Gesetze gleich für heilig geachtete Midrasch erwuchs zu einem solchen Umfange, daß das eigentliche' Gesetz ganz in den Hintergrund getreten ist; das Prophetenthum in seiner weitesten Ausbildung und Jdealisimng der Sittenlehre überschattete und verdeckte ganz jene ethischen Lineamente der Tora, und das legislative Element war fast ganz verschwunden. Daher die merkwürdige Erscheinung, daß während der Blüthezeit des Prophetismus das Gesetz vergessen oder unbeachtet blieb, und nur erst als jene im Sinken war, wie in Ezechiel und Sacharja rc. hört man wieder etwas von legislativen Institutionen» — Als Esra, nach der Aussage der Tradition und nach den Ergebnissen der Kritik, im Verein mit andern Männern eine Sammlung der damalsvorhandenen Nationalliteratuc veranstalteten, als selbst tief in das makkabäische Zeitalter hinein das Sammeln nicht aufhörte, bis endlich mit dem soferischen Zeitalter, der heilige Kanon geschlossen wurde, da wurden sammttiche Schriften des A. T. gleich der Tora als Text und Grundlage angesehen, und den Namen' Midrasch führten blos diejenigen Schriften, die irgend ein Buch der Bibel auslegten, erweiterten und auf die Gegenwart anwandten. 'Alle Leistungen und Resultate, des Midrasch wurden als Ueberlieferte betrachtet, die durch mündliche Mittheilung erst empfangen werden mußten, im Gegensatz zu der Tora, die offenbart und niedergeschrieben befohlen war; das 8) Dt. 31, 26, wo PniFTi “)£D gebraucht wird. : 9) Jes. 34, 16.? “ '' "; 10) der Etymon des Wortes vgl. igbvvav I tag ygacpag, Ioh. 5, 59. | 11) 1ÖD, welches Raschi sehr passend durch rWNH-D erklärt, nicht von der Sammlung der sssajani scheu Orakeln''selbst, wie die Neuern es thun. 12) Auch dem Zusammenhänge nicht unangemessen Raschr: b ünpim in todH' nuhbo nwNn Sdd iaop mip nnw nnpJi -Ol mni naorb nmnn 13) Esr. 7, 11.

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