Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1841
- Issue
- 14 (3.4.1841)
- Article
- Ueber den Kanon
- Date
- 1841-04-03
- Page
- Spalte 195-196 (sequence 2)
- Language
- German
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195 Uebeu den Kanon bet jüdischen heiligen Schriften. Esra's wiederhergestellten Bücher. 196 ch rer Völker; also nicht in einem besondern Archiv anderen Schriften gegenübergestellt. ' Wo sich nun zur Zeit des ersten Tempels die Tagesbücher der Könige, die nicht mit den andern Geschichtsbüchern gleichgestellt wurden, befanden, können wir mit Bestimmtheit nicht ermitteln, doch mag es wohl wahrscheinlich sein, daß sie in dem königlichen Pallast und nach dessen Plünderung in dem Tempel sich befanden. Daß auch sie ebensowohl als das Buch des Gesetzes wahrend des Exils in Vergessenheit geriechen, dürfte mehr als wahrscheinlich sein. Nichtsdestoweniger waren diese Reichsannalen sowohl als die Geschichte des Lebens Davids noch zur Zeit des zweiten Tempels vorhanden; denn der Verfasser der Bücher der Könige sowohl als der ßhronist haben sie beide excerpirt und vor Augen gehabt. Beide erwähnen sie, und berufen sich immer an jedem Schlüsse darauf; ja der Chronist giebt sogar noch den jedesmaligen Verfasser des fraglichen Theiles der Reichsannalen an. 2) Wir würden hier von selbst conjecturiren, daß sie entweder von Esra oder von Nehemja gesammelt, und daß das Wichtigste aus den Tagesbegebenheiten hinzugefügt wurde» Diese Notiz an der angeführten Stelle nennt uns nun den Nehemja, und wir durften füglich wohl nicht Anstand nehmen an die Richtigkeit und Wahrheit des Inhalts zu glauben. Untersuchen wir nun auch die einzelnen Bezeichnungen der gesammelten Bücher, so stimmen sie ganz außerordentlich auf eben diese Reichsdocumente, und dieses muß die Vermuthung zur Gewißheit erheben. Er sammelte zuerst die Geschichte der Könige und der Propheten, dann fügte er hinzu das Leben Davids, das sich nicht bei den Reichsannalen befand, und endlich die wichtigsten Documente aus der Tagesgefchichte, die Briefe der persischen Könige, die bei Uebergabe der Geschenke geschrieben wurden. Es bezieht sich also nothwendig auch diese Notiz nicht auf die vorhandenen kanonischen Bücher, sondern auf die verlorenen aber oft citirten Reichsannalen. Auf jene deutet also gar keine Nachricht eigentlich hin, und wir wissen nichts von ihnen. Die Andeutungen auf eine Sammlung nach dem Exile erstrecken sich nur auf das Buch des Gesetzes und die Reichsdocumente. Wo diese zur Zeit des zweiten Tempels aufbewahrt wurden, ist nicht ausdrücklich vermerkt; doch steht zu erwarten, daß sie im Tempel niedergelegt wurden, theils nach d.m Vorbilde des ersten Tempels, theils wohl auch, weil kein anderer schicklicher Ort vorhanden war. Es verblieb auch die Sitte, die heiligen Bücher im Tempel auszubewahren, und Josephus berichtet 3), Bücher aus 2) Eine ausführliche Abhandlung „über die Annalen" gedenken wir ein anderes Mal zu liefern. 3) Joseph, de vita §. 75 und Antiquit, 111, c. 6. demselben bekommen zu haben. E§ laßt sich also erwarten und behaupten, daß die richtigen Bücher Md Documente im Heiligthume ausbewahrt wurden. Nicht so sicher indessen laßt es sich bestimmen, wie lange diese von Esra und Nehemja gesammelte Bibliothek der Gesetze und der Reichsarchive im Tempel sich erhalten habe. Wir können dagegen mit Entschiedenheit behaupten, daß dieselben zur Zeit der Zerstörung des zweiten Tempels durch die Römer nicht mehr existirten. Denn die Bücher, die Josephus aus dem Tempel zum Geschenk erhielt, können nichts anderes gewesen als unsere vorhandenen Bücher, weil er von dem hebräischen Alterthume nicht mehr weiß, als uns aus den kanonischen Büchern bekannt ist, nur daß ec hier upd da eine mündliche höchst unsichere Nachricht einwebt» Auch erwähnt er nicht aus dieser ihm geschenkten Tempelbibliothek neue Documente.4 5) Die Ralbinen ferner, die noch zur Zeit des zweiten Tempels blüheten, gedenken mit keiner Silbe jener Bücher, die doch mehr enthielten und enthalten mußten, als die kanonischen und vorhandenen, und auf welche zum näheren Ausweis doch diese gerade hinwüsen. Es müssen also deßwegen die Gesetze und die Reichsdocumente nothwendig während des Bestandes des zweiten Tempels untergegangen sein. In diesem großen Zeitraum, in welchen der Untergang dieser kostbaren Bibliothek fällt, scheint indessen keine Zeit geeigneter für diesen Unfall, als die Zeit der Makkabäer. Um diese bestrebte sich Antiochus, wie Josephus erzählt 5), jedes heilige Buch zu vernichten, und den Tempel zu entweihen. Was ihm aber bei den vorhandenen Büchern, die im Volke verbreitet waren, und in vielen Handschriften existirten, nicht gelang, mußte ihm bei der Tempelbibliothek, die vielleicht nur in einer Abschrift sich vorfand, die aber gewiß dem Volke nicht zugänglich war, vollkommen gelingen. Sie konnte er, bei seinem Streben, die Nationalität der Juden zu vernichten, leicht vertilgen, et hinc illae Lacrymae. Die Tempelbibliothek scheint damals verloren gegangen zu sein. Wirklich sehen wir, in den Zeiten nach der Maccabäern jenes Heer von Pseudoepigraphen entstehen» Es deutet alles darauf hin, daß man den Verlust umfassender alter Werke bedauerte, und jeder strebte sich nach Kräften den Schaden zu ersetzen- Was anfangs aus Betrug geschehen sein mag, wurde bald zur Sitte, und jeder eignete seine Arbeiten einem Manne aus dem grauen Alterthume zu. So entstanden die Schriften, «cala Jacobi, assuirttio Mosis, liberEnochj 8stb, Elias, Adaiai etc. etc. 4) Denn unter seinem Epicedium ist nichts anders als Threni gemeint, und seilw zwei Bücher Ezechiel sind ttitfeu Ezechiel, der sich ihm in zwei Theile, bis zum Kapitel 39 und von da bis zu Ende, theilt. — 5) Joseph. Antiquit, 12, 7, 9.