Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1841)
- Article
- Rabbi Samuel Halevy
- Date
- 1841-03-27
- Page
- Seite 102 (sequence 3)
- Language
- German
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102 ewigen Heimath beim. Vater der Liebe, der die Menschen wäget in der Wagschale des Erbarmens.', laßt mich die Seligkeit theilen, die euer Heldenmuth im Glauben sich erwirkte. Der Vater antwortete, mit von Thränen erstickter Stimme, indem Jehuda ihre Hand krampfhaft faßte. Tochter, du hast deinen Barer und deine Mutter geehrt und deine Kindespflicht mehr als getreulich erfüllt, du wirst mir auch jetzt die letzte Bitte erfüllen und durch die erste Ungehorsamkeit mir die bittere Todesstunde nicht noch schwerer machen wollen. Ich will, daß du dich gleich nach Hause begebest, um für die Seele deines Vaters und deines Bräutigams einige Gebete zum Himmel zu senden, denn das Flehen der Unschuld erhöret der Allmächtige, dafür entlasse ich dich mit meinem Segen. Er segnete sie und küßte sie, dann eilte sie ihrem Jehuda zu, der ihr ein schwaches Lebewohl stammelte, denn seine Kräfte, waren dahin, kaum daß er sich noch' aufrecht erhalten konnte, und so verließ sie halb ohnmächtig den schrecklichen Schauplatz. Vor dem Statthalter angekommen, wurden beide nochmals streng geprüft, dann ließ es auch derselbe an Ermahnungen nicht fehlen und die Folterqualen vorstellend, versprach er ihnen sogar das Leben-zu schenken, wenn sie ihren Glauben entsagen , würden und das gestanden, was man von ihnen verlangte. Nachdem aber weder Vorstellungen noch glänzende Versprechungen was halfen, übergab man sie den Henkersknechten, die ihr trauriges Amt mir den furchtbarsten Martern begannen. Es würde die Sprache schlechterdings entweiht werden, wollte man die Greuel zeichnen, welche die Grausamkeit ersann, um dem dort üblichen Rechte zu genügen, obgleich dasselbe nimmer ein Recht zu nennen ist. So wie ein erzwungener Eid seine Heiligkeit verliert, so ist ein erzwungenes Gestäudniß des Rechtes verlustig. Die beiden Märtyrer duldeten mit wahrem Heldenmuthe die gräßlichsten Qualen, schon strömte ihr Blut aus allen Theilen des Körpers und ihre Lippen stammelten die letzten Worte, bis auch diese erstarrten und die Körper erschlafft auf der Folterbank wie zerbrochene Maschinen lagen. — Da winkte der Statthalter und abermals hatte für heute das blutige Schauspiel ein Ende. r. Notnemitar, der seinen ruchlosen Plan noch nicht aufgegeben, und auch die zweite Blutscene veranlaßt hatte, um desto sicherer Rahel zu gewinnen, verfügte sich noch mehrere Male zu derselben, ihr seine sündlichen Anträge zu machen, da er sie aber fest und standhaft bei ihrem Glauben ausharrend und treu ihrem Verlobten fand, so faßte er dm Entschluß, seinen ganzen Einfluß anzuwenden, nicht allein diese Familie, sondern alle Israeliten in ganz Damaskus zu vernichten. So wurde er ln dieser blutigen Geschichte jenem Haincm gleich, der fast dieselbe Absicht hatte. — Inzwischen waren Unruhen-im Innern des Landes ausgebrochen, welche in die blutige Tragödie zwar noch keine Rettung, aber doch eine wohlthätige Pause brachte; doch schmachteten noch sehr viele im Kerker, die ihres .ungewissen Schicksals halber, mehr als'Todespein erlitten. Auf einem Haufen Stroh, lagen bewegungslos zwei von schweren Leiden ausgemergelte^ bleiche Gestalten, deren Stöhnen und Jammern an das Herz eines jeden Fühlenden riß. Rabbi Samuel Halevy und Jehuda sein Jünger. Vor ihnen knieete ein junges' Mädchen mit blassem Antlitze. Rahel war es, die liebende Tochter, die treue, gläubige Braut. Die unaufhörliche Angst hatte die jugendliche Frische ihres Angesichts verwischt. Sie verband sorgsam die Wunden und küßte das auf ihnen fließende Blut hinweg. Sie horchte auf jeden Athemzug, merkte auf jeden Pulsschlag der leidenden Geliebten, die endlich in einen sanften Schlummer sielen. Kindisch erfreut über diese erquickende Ruhe der frommen Dulder, fürchtete sie bei der leisesten Bewegung sie zu stören. So saß sie wohl drei Stunden bewegungslos da, als plötzlich der Vater mit einem Seufzer erwachte. Wo bist du meine Tochter, rief er mit matter Stimme. Komm her, ich will dir einen schönen Traum erzählen , o möchte ihn der Allmächtige erfüllen. Hier bin ich Vater, erfreue mich mit dieser angenehmen Kunde, erwiederre Rahel, die dir em Gott im Traume gab. Es kam mir vor, erzählte der Rabbi, als ständen wir wieder auf dem schrecklichen Prüfungsorte und von neuem sollten die Martern beginnen. Da flogen zwei Engel vom Himmel herab. Der erste trug in seiner Hand ein Oelblatt als Zeichen des Friedens, das er dem zürnenden Pascha reichte , der Zweite hielt die Wage der Gerechtigkeit und ließ sie nieder vor des Statthalters Füßen. Da wurde das zornige Gesicht des strengen Herrschers freundlich, die Richter verstummten, die Henkersknechte verschwanden und ich erwachte. O meine Tochter, setzte er begeistert fort. Der Herr ist mein Licht und mein Heil, ich fürchte nichts. Auch Jehuda hatte die letzten Worte gehört und rief mit lauter Stimme: Der Herr zürnt ja nicht immer, er wird sein Volk nicht auf ewig verlassen. Beide fühlten sich also nicht allem neu gestärkt und belebt durch den erquickenden Schlaf, sondern auch ein neuer Hoffnungsstrahl senkte sich in ihr leidendes Herz. So vergingen noch einige kummervolle Tage und die treue Tochter verließ nicht das elende Lager ihrer Geliebten. Schon war ihnen das düstere Gefängniß fast traulich geworden; denn echte Religiösitat und Liebe sinder in den schrecklichsten Verhältnissen des Lebens heilsamen Trost. Da öffnete sich eines Morgens die Thüre ihres Kerkers, zwei Männer traten herein und kündeten ihnen plötzlich Leben und Freiheit an. Sprache und Kleidung zeigten deutlich, daß sie Fremde seien. Ihr seid frei, riefen sie frohlockend, Gott hat gerichtet, und Israel zum zweiten Mal von Sklaverei erlöst. Die auf der Folter Umgekommenen werden unsere letzten Märtyrer sein. — Es waren Sir Moses M o n t e fi o r e und Adolph Cremieux, die in der Geschichte des Judenthums immer leuchten werden. Weinend sielen die kaum genesenen Gefangenen zu den Füßen dieser Erretter, aber die Sprache des Dankes fehlte ihnen. Da geleiteten die beiden Vorkämpfer des Menschenrechtes die frommen Dulder nach ihrer stillen Wohnung. — » Der Traum des frommen Rabbi war erfüllt. Von fernem Lande waren zwei himmlische Boten gekommen, sich der unterdrückten Menschheit anzunehmen und es gelang ihnen auf dem Wege Rechtens, ihre göttliche Mission zu vollenden. Es war ein Sieg der Wahrheit und des Rechtes. Alle Gefangenen wurden frei gesprochen, und bei allen Juden in Damaskus war Licht und Freude wieder eingetreten und jährliche Dankfeste zur ewigen Erinnerung als Denkmal dieser Helden wurden festgesetzt, um diese große That, als eine religiöse, der Geschichte einzuverleiben. — 8. Auf dem Hofe der Hauptsynagoge kn Damaskus waren Männer und Frauen in Feierkleidern versammelt. In der Mitte standen unter einem Baldachin, der fromme R. Samuel Halevy, vor ihm das holde Brautpaar Rahel und Jehuda, die heute ihr Hochzeitsfest feierten. Der Herr segne die frommen Dulder und belohne ihre Treue im Glauben und in der Liebe, die sie in dieser blutigen Geschichte an den Tag