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Der Orient · 1841-03-27 · Heft 13 (27.3.1841) · p. Seite 101

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
2 (1841)
Issue
Heft 13 (27.3.1841)
Article
Rabbi Samuel Halevy
Date
1841-03-27
Page
Seite 101 (sequence 2)
Language
German
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101 wohl selten Jemand im Stande, das dunkle Näthsel richtig §ia lösen, das ihm seine ahnende Seele, ausgegeben. Dieses ahnende Gefühl soll uns nur sicherer leiten und erhalten auf dem Lugendpfade. Schon war die kurze Frist verstrichen, die man ihr zum Besuch ihrer Lieben erlaubt — der Gefangenwärter pochte schon zu wiederholtem Male an die morsche Thür und Nahe! saß ihrem Bräutigam immer noch gegenüber, ihm dio geheimsten Wünsche der Seele zu erlauschen. Jetzt wurde sie zum letzten Male durch lautes Pochen erinnert, denn der Wärter steckte schon unwillig den Kopf zur Thüre hinein. Leb wohl lispelte sie, während sie ihn umarmte. Leb wohl, rief Zehuda und sah weinend dem geliebten Mädchen nach. S Rahel war kaum zu Hause angekommen, und erschöpft auf ihr Ruhebette gesunken, als es klopfte und ein stattlicher Herr ins Zimmer trat. Es lag in dem Wesen des Fremden eine versteckte Feinheit und die gewandte Entschuldigung seiner Dreistigkeit verrieth dm galanten.Franzosen. Ohne auf des Mädchens Schreck zu achten, daß vor ihm erröthend und zitternd stand, näherte er sich ihr mit jener feinen Keckheit, die das Gewohnte solcher Begegnisse bekundete: Ihr werdet euch wundern, schöne Jüdin, daß ein fremder Mann eure stille Klause betritt, Hub er in feinem Tone an. Was mich herführt ist Mitleid und Liebe. Um euch nicht lange in Ungewißheit zulaffen, will ich kurz sein. Mein Name ist Notnemitar, mein Geburtsort Paris, mein Aufenthalt in Damaskus. Der Greuelthat, welcher man euch beschuldigt, hat tief mein Innerstes empört uud je mehr ich darüber nachdenke, desto unwahrscheinlicher ist es mir, daß in eurem Gesetze, jenes Blutvergießen ruhe; dennoch ist der Schein wieder euch und die Umtersuchung muß ihren Weg nach den Landesgesetzen nehmen. Da nun noch viele gemartert und getödtet werden, wie sich leicht erachten läßt und wie das Recht des Landes es will, also auch Euer Vater jener schrecklichen Gefahr ausgesetzt ist, so kam ich hierher, aus Liebe zu Dir schöne Jüdin, Dich und Deinen Vater zu befreien. Als du, eine liebende Tochter, für des Vaters Leben flehtest, da fühlte ich mich hingezogen, durch mächtige Liebe, zu dir, himmlisches Geschöpf! Wenn du deinen Glauben entsagest, so wirst du mein Weib und dein Vater ist gerettet. Ich gelte etwas beim Statthalter, auch wird die französische Regierung wo ich einigen Einfluß habe, mir ihren Beistand leisten, daß vielleicht die sämmtlichen Qualen, die eurem Volke bevorstehen, beendet werden. Rahel hatte ihm aufmerksam zugehört und nachdem sie lange geschwiegen, ent, gegnete sie ihm mit zitttrnder Stimme: Herr, meinem Vater mein Leben zu weihen, rst mir. nichts, das habt ihr aus meinem eigenen Munde schon gehört, doch meinen Glauben verrathen, ihn zu verleugnen, die Mutter aller Religionen mit der Tochter zu vertauschen, Schande auf das theuere Haupt meines Vaters zu wälzen, ist mehr denn Sünde, mehr dem: der fürchterlichste Tod. Und wärest du auch meines Glaubens, ich könnte dein Weib nicht werden. Ich liebe einen edler: Jüngling, dem ich aus tiefster innerster Seele Treue bis in dm Tod gelobt. Ist es Gottes Wille, daß ich meinen Vater verlieren soll, so ist er für seinen Glauben gestorben und sein Tod-ein Heldentod. Vergiß nicht, weise Jüdin, erwiederte der Franzose höhnisch, daß der Weg vom Leben zum' Tode hier zu Lande schrecklich langsam geht, jedes sterbende Glied wird wftder zum Leben gebracht, um es tausendmal sterben zu lassen und noch im letzten Röcheln schweiget die Marter nicht. RalM war einer Ohnmacht nahe, von dem schrecklichen Bilde endlich faßre sie sich wieder und rief mit fester Stimme: deine Zunge ist scharfer als die gräßlichste Folter Fremdling, und schon möchte ich wünschen, daß dein Tod nach deiner'rmc gemachten Schilderung sein möge, wenn ich nicht fürchten müßte, gegen Gott und mein Gesetz zu sündigen. Entferne dich, grausamer Mensch, fuhr sie fort, daß ich dich nicht Haffe und verachte, ich habe ja noch Niemanden gehaßt. Erwecke diesen bösen Dämon nicht und erbarme dich meiner Jugend. Der Herr gäbe dir vielmehr ein anderes-Herz und einen anderen Sinn, und hilf dann meinem armen unschuldigen Volke, wenn dein Einfluß es vermag. Mehr konnte sie nicht sprechen, Angst, Schrecken und Wuth hatten ihr fast die Kraft zu denken geraubt. In einem unschuldigen Gemüthe, unterliegt der Körper r'm Kampfe des Posiriven und Negativen. Glaubst du Thörm mich mit Worten abzuspeisen, entgegnete Notnemitar, wo wüthende Leidenschaft spricht, da tönen Worte vergebens. Deine Hartneckigkeit richtet deinen Baker sammt deinem Bräutigam, beide werden' sie morgen zur Folter geführr. Als aber Rahel schwieg und ihn keiner Antwort mehr würdigte, entfernte sich mißmuthig über das mißlungene Abentheuer der französischen Wüstling. Das arme zitternde Mädchen wankte zu ihrem einsamen Lager, kein Schlaf wollte sie erquicken, die Phantasie brachte ihr die schrecklichsten Bilder hervor. Bald sah sie ihren sterbenden Vater, noch einmal segnend seine kalte Hand nach ihr ausstreckend, bald hörte sie die gräßlichsten Seufzer des auf der Folter gebundenen Bräutigams. Fieber angst durchrüttelte sie heftig und malte nur lebendiger die blutigen Scenen. Endlich ward sie ruhiger und die Kraft des Denkens trat allmählig wieder hervor. Noch einmal ihr Nachtgebet zum Vater der Liebe sendend schlummerte sie nach und nach ein. G. Es war ein schöner Sommermorgen, der Thau lag wie ein silberner Schleier auf den reichen Feldern und schien in liebendem Entzücken die ewig junge Erde im süßen Morgenschlafe, wie der Bräutigam die Braut umarmen zu wollen. Die frischen. Blumen breiteten ihre Kelche aus und lächelten so freundlich der Mutter Natur ihren Morgen grüß zu. Die Vögel sangen im Chore Halleluja's dem liebenden Schöpfer. O welch ein Himmel liegt in dieser Welt, und welche Hölle machen oft die Menschen aus ihr; denn sie wissen nicht was sie thun! Würden sie nur ahnen jene Harmonie, die in jedem Samenstäubchen liegt, dann würden sie erzittern, wenn sie den Wurm tobten müssen, der den Baum zernagt. Würden sie begreifen, daß in jedem Geschöpfe ein und derselbe Gott lebt, sie würden sich nicht verfolgen um jeden Buchstaben der ererbten Gesetze! So sprach der fromme Rabbi als rnan ihn mit seinem Jünger Juhuda zum zweiten Male vor jenen Richterstuhl schleppte, wo sie Rechenschaft geben sollten, von dem, was jedem fühlenden Menschen mit Abscheu erfüllen mußte. Vater, rief Jehuda begeistert, laß uns sterben und rmt freudigem Muthe dieser Erde entsagen, die solche Greuel hervorgerufen. Lästere Sohn, die Erde nicht, auf der du geboren, antwortete Halevy, was kann sie dafür, wenn unter dem goldenen Getreide auch Nesseln hervorschießen. Sterben, aber nicht lästern wollen wir^ unfern Feinden verzeihen, wie Moses Gesetzes gebietet, dann können wir frohen Muthes die Erde verlassen, denn wir sind der Wahrheit und dem Glauben dann getreu geblieben. Und mich wollet ihr allein hier lassen, ließ sich Rahels Stimme vernehmen, die ihnen unbemerkt gefolgt, Vater, an dein Kind denkst du gar nicht? und du Jehudr, auch du willst auf immer mich verlassen? Ich soll einsam mein Leben vertrauern, einsam einhergehen in dieser stürmischen Welt? Unmöglich meine Lieben, o laßt wich mit auszieheir, nach jener

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