Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1841-03-13 · 11 (13.3.1841) · p. Spalte 147-148

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
1841
Issue
11 (13.3.1841)
Article
Ueber den Kanon
Date
1841-03-13
Page
Spalte 147-148 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/8555529-9897381-9897418-2365067--1222-2365095
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

148 147 Hebet den Kanon der jüd. heil. Schriften, eine kritische Untersuchung. Doch außer diesen inner» Beweisen können wir auch geschichtliche Thaksachm und manche Andeutungen ansühren, die einer Sammlung der durch Zufall reservirten Bücher widersprechen. Im palästinensischen Kanon verwarf man Produkts die der al e x a nd r i n i sch e aufgenommen und übersetzt hatte. Ueberdie Kanonicität des Buches Esther wird mannigfach gestritten. Athanasius in seiner synopsis fu()tt eine Meinung an, die das Buch Esther rejecirte, und für nicht kanonisch erklärte. Selbst im Talmud heißt es, daß Esther nicht hätte verzeichnet werden sollen, und daß es nicht dieselbe Heiligkeit wie die andern Bücher habe. Auch Melito, der Bischof von Sardes, zählt das Buch Esther nicht unter dm übrigen biblischen Büchern aus. Er nennt zwar auch nicht Nehemja; allem dieses scheint er mit Esra verbunden und unter dessen Namen angeführt zu haben, da Nehemja häufig, so z. B. beim Ocigines, Esdras II. genannt wird. In derselben Weise zahlt er auch vier Bücher der Könige (Sam. 1 und 2 und Reg. 1 und 2) für eins. Esther aber, das keinem Buch zugelegt werden kann, übergehet er, ohne Zweifel, weil er es nicht für kanonisch hält. Auch über Ezechiel und den Ecclesiasten wurde nach dem Zeugniß des Talmuds 2) lange berathen, ob man sie zu den Apokryphen CPM zählen und der Oeffenllichkeit entziehen soll; bis man sich endlich für die Authenticitat und Wichtigkeit entschied. Und so wie hier über die in unserm Kanon sich befindendenden Bücher lange gestritten und gezweifelt wurde, ob sie wirklich kanonisch seien, und über manche die Verhandlungen noch gar nicht entschieden waren; so stellt sich eben mit solcher Gewißheit heraus, daß es Bücher gegeben habe, die in keinerlei Kanon ausgenommen wurden, obgleich sie jener Zeit angehörten, da der Kanon noch nicht geschlossen war, und noch lange Zeit nach der etwaigen Sammlung existirten. Denn wollte man auch von allen denjenigen Büchern, die in den vorhandenen kanonischen Büchern angeführt werden, eigenmächtig behaupten, sie feien zur Zeit der Sammlung nicht mehr vorhanden gewesen, so würde man doch dieses keinesweges von dem Buche der Sprüche, daß der Ecclesiasticus B en-S i ra noch in hebräischer Sprache gesehen hat (Proleg. zu Ecclesi), annehmen dürfen. Um diese Zeit standen ja schon , die hebräischen Schriften, wie aus eben dieser Vorrede hervorgehet, irr zu hohem Ansehen, als daß sie vergessen werden konnten. Es hätte nochwendig den andern Sprüchwörterfawmlungen beigegeben werden sollen. Hieronymus will sogar noch ein Buch der Makkabäer in hebräischer Sprache gesehen haben, dessen Anfang Origines mit den räthselhaften Worten „satbat sarbane ei" cmgiebt, und der Derfas- 2) Schabbat LZ, d. ftr des Buches unter dem Namen „Maccab. Iibr. II Arabic." behauptet am Ende des 16. Kapitels, bis dahin alles aus einem hebräischen Texte übersetzt zu haben. Sammelte man aber, nach der Annahme Eichhorn's, alle Produkte des hebr. Alterthums, so weit sie nur aufzutreiben waren und sich durch Zufall erhielten, so ist es gar nicht abzusehen, warum sie in dem einen Kanon das aufzunehmen sich weigerten, was ein anderer enthielt, weshalb sie über die aufgenommenen noch debattirten und zweifelhaft waren, ob sie im Kanon beizubehalten seien/ und,warum sie so vielen die Aufnahme verweigerten, die doch aus demselben Alterthum stammten und noch vorhanden waren. Es durste, nach solcher Annahme, gar kein Unterschied zwischen den Trümmern und Ueberresten gemacht werden; Alles müßte gleich lieb und (Heuer sein. Daß dennoch die Aufnahme im Kanon streitig war, zeigt offenbar, daß durchaus kein Zufall über die Kanonicität entschied, und daß ein vorherrschender Grund und eine bestimmte Ansicht die etwaigen Sammler leitete, daß ein gewisser Umstand den Büchern kanonisches Ansehen verlieh. Eichhorns Meinung können wir daher auf keine Weise beistimmem Wenden wir uns nun zu der andern Ansicht, die in dem innern und dem den Büchern eigenthümlichen Gehalt und Werth die Kanonicstat begründet wissen will. Es sei die Heiligkeit, welche die kanonischen Bücher durchdringt, der gottesfürchtige Geist, der in denselben athmet, was ihnen diese Bedeutung verlieh und sie in einem kanonischen Verband vereinte. Gegen diese Ansicht läßt sich nun durchaus nicht geltend machen, daß doch so manche Bücher,, wie etwa das hohe Lied, wenn man ihm eine mysteriöse Anspielung auf das Verhältniß Gottes zum jüdischen Volke zu vindiciren bedenken trägt, durchaus keinen heiligen Inhalt haben, und dennoch sich unter den kanonischen Büchern befinden, weil es dabei nicht auf den realen Inhalt des Buches, sondern auf die Ansicht der Sammler ankommt. Diese aber konnten in dem Buche eine solche mysteriöse Anspielung finden, und mußten dah.ec dasselbe, wie die andern Schriften des Bundes, für heilig erachten. In der That war auch in der Synagoge sowohl als in der Kirche die Ansicht in d.er alten Zeit allgemein verbreitet, daß im hohen Liede die Offenbarung Gottes allegorisch besungen wurde , und im Talmud wird sogar dasselbe für „allerheilig" erklärt. Umgekehrt aber dürfte wohl die Frage aufgeworfen werden, wenn derlei. Dichtungen des Bundes für erotische Lieder gehalten werden, wie kommt es, daß man ihnen eine mysteriöse Anspielung vindicirte? Es muß doch nothwendig etwas substituirt werden, durch das man später verleitet wurde, ihnen eine Heiligkeit beizumessen; oder mit andern Worten: sie müssen doch wohl schon früher in einem gewissen Gegensatz zu andern nicht kanonischen Büchern gestanden haben, ehe man darauf kam, ihnen einen andern Inhalt als den objecti-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.