Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1841)
- Article
- Algier: sittlicher und politischer Zustand der Juden das.
- Date
- 1841-03-06
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
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74 sind übrigens ohne Fanatismus und sehr mildthätig gegen alle ihre Glaubensgenossen. Die geflüchteten Juden von Belida fanden bei ihren Brüdern in Algier bereitwillig Dach und Brod» Trotz ihrer Liebe zum Handel und, zum Geld brachte man sie nicht dazu, an einem Sonn-' abend ein Geschäft abzuschließen, wäre es auch noch so einträglich, oder Münzen Zu berühren, wären es auch schimmernde Suttanis. Sie gehen an ihrem Feiertag in ihren besten Kleidern, die Weiber, reich geputzt, besuchen dreimal die Dschenowah (Synagoge),' und eilen dann ihrem Vergnügen nach. Sie haben ihre eigenen Kaffeehäuser, tanzen zuweilen, und lieben eine Musik, die noch viel eintöniger und langwelliger ist, als die maurische. Den jüdischen Familienfesten habe ich häufig beigewohnt. Die Mädchen heirathen gewöhnlich in einem Alter von dreizehn bis sechzehn Jahren. Bei den Männern ist dies viel unbestimmter; manche bleiben ledig bis zum dreißigsten Jahre. Es herrscht bei den Juden nicht, wie bei allen Mohammedanern, die Sitte, daß der Mann etwas für die Frau bezahle, sondern die Mädchen erhalten eine Aussteuer, und je reicher ihre Eltern sind, um so größer ist die Zahl der Bewerber. Wenn ein Mädchen von der Hand eines jungen Mannes einen Ring angenommen hat, ist sie ihm verlobt, und dieser kann sie, wenn die Eltern ihre Einwilligung versagen, nöthigenfalls bei dem obersten Rabbiner als seine rechtmäßige Braut reclamiren. Gewöhnlich laßt er sich jedoch in diesem Falle mit einer Geldsumme absinden. Den Ehecontrakt macht der Rabbiner. Sechs Tage vor der Hochzeit schon beginnen die Festlichkeiten. Die Verwandten kommen zusammen zu Schmaus und Jubel; doch sind Männer und Weiber dabei getrennt. Am Hochzeitsabend wird die geputzte Braut von einem Haufen Verwandten und.Freunde, deren jeder eine papierne Laterne tragt, abgeholt. Zwei Greise führen sie an der Hand nach des Bräutigams Hause, und der toll jubelnde Haufe folgt mit dem Geschrei: „Juh! Iah!" Zu Hause spricht der Rabbiner noch ein langes Gebet, die Braut erhält einen goldnen Ring aus des Bräutigams Hand, darauf setzen sich die Gaste in die Säulenhalle, wo volle Schüsseln, Gläser und Tassen die Runde machen, während Tänzerpaare auftreten und musicirt wird. Um Mitternacht verlaßt der Schwarm das Haus, und das' junge Paar zieht sich nach dem phantastisch decorirten Brautgemache zurück. Acht Tage nach der Hochzeit dürfen beide nicht das Haus verlassen. Die Vielweiberei ist dem Juden nicht erlaubt, aber er kann seine Frau verstoßen, wenn er Ursache hat, mit ihr unzufrieden zu sein, und dann eine andere heirathen. Sehr lächerliche Ceremonien bemerkte ich bei den Todesfällen. Alle Weiber der Verwandtschaft versammeln sich um das Bett der Leiche, und heulen und schreien in kläglichen Tönen. Sie lösen sich dabei einander ab; jede hat ihre bestimmte Zeit des Heulens, und wenn diese vorüber, wird sie ganz munter, geht ihren gewöhnlichen Verrichtungen nach und scheint gar nicht an den Trauerfall zu denken, bis wieder ihre Stunde kommt, wo sie klagen, schreien und die Haare sich ausraufen muß. Bei der Bestattung der Leiche werden unter andern seltsamen Gebrauchen mehrere Goldstücke in die Ferne-geschleudert, worauf die Träger sich beeilen, die in Leinwand gewickelte Leiche in die Grube zu senken und mit Erde zu bedecken. Die Gräber der Juden sind sehr schön mit Monumenten von weißem Marmor geziert. Am 30. 90. 330. Tage nach dem Tode eines Juden oder einer Jüdin (Heben sich ihre nächsten Verwandten auf den Kirchhof, um dort zu beten und zu weinen. Die Juden waren zu den Zeiten der Türkenherrschast ein schwer gedrücktes Volk, an welchem die Mohammedaner aller Racen und aller Sekten ihren Haß und Uebermuth ausließen. Dies ist ihre Lage noch heute in Tripolis, Tunis, und besonders in Marokko. Vor jeder Moschee mußten die Juden ihre Schuhe ausziehen, die schwarze Tracht war ihnen auft erlegt, nie dursten sie ein Pferd besteigen, am Brunnen mußten sie warten, bis der letzte Moslem seine Gesäße gefüllt hatte; der arabischen Schrift sich zu bedienen war ihnen streng untersagt; die geringste Mißachtung dieser Beschränkungen zog ihnen die ärgsten Mißhandlungen zu. Der Reiche konnte sein Vermögen nicht genießen, und entging den Erpressungen oder dem Tode nur durch die sorgfältigste Verheimlichung seiner Schätze, die er gewöhnlich in die Erde vergrub und vielleicht nur manchmal zu betrachten und zu zahlen wagte, wenn der dicke eisenbeschlagene Holzriegel die Thüre verschlossen, wenn es Mitternacht war, wenn er keinen andern Zeugen in der Nahe wußte, als die trübeleuchtende Lampe und sein angstbleiches Gesicht. Bei jeder Geldverlegenheit der Dey's, Bey's oder Kaid's, bei jeder Meuterei der nicht bezahlten Janitscharen, bei jedem auswärtigem Kriege, der die Staatseinnahmen verschlang, nahm man nickt zu den in den Gewölben der Kasbah ruhenden eisernen Kisten, die alles verschlossen, was die Tyrannei seit einer langen Reihe von Jahren erpreßt hatte, seine Zuflucht, sondern zu der Casse bei: Juden, deren reichste Individuen .man einzog, unter nichtigen Vorwänden zum Tode verurtheilte, oder durch grausame Martern zu Vorschüssen zwang. Seit 1830 ließen die Mohammedaner an den außer dem Bereiche der französischen Herrschaft wohnenden Juden ihre Wuth über die Fortschritte der Waffen der Christen auf jede Weise aus, obwohl die armen Israeliten nicht die mindeste Schuld daran hatten. Als das Heer des Marschalls Clauzel im December 1835 sich der Stadt Mascara näherte, da sielen Abd-el-Kadec's aufgelöste Banden über die armm Juden her, mißhandelten sie, plünderten ihre Buden, schändeten ihre Weiber. Als die französische Armee im