Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1841)
- Article
- Algier: sittlicher und politischer Zustand der Juden das.
- Date
- 1841-03-06
- Page
- Seite 73 (sequence 1)
- Language
- German
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Zweiter Jahrgang. ❖ Berichte, Studie« und Kritiken für Das Abonnement für ein Jahr ist 5 Lhlr. Man abonnirtbeiallen löbl. Postämtern und allen solid. Buchhandlungen auf ein Jahr. jüdische Geschichte und Literatur. ,t; Herausgegeben % von Von dieser Zeitschrift erscheinen wöchentliche das Literaturblatt witgerechnet, zwei Bogen, und zwar an jedem Samstag regelmäßig» Dr. Julius Fürst. JfyjO JLO. Leipzig, den 6. März Orient. Algier, (sittlicher u. politischer Zustand der Juden das. v. Dr. W a g n e r). — Frankr eich. iParis, Verhandlungen der Deputirtenkammer über Berücksichtigung des Sabbats. Hr. Fou ld.) — Deutschland, lBres lau, Mittheilungen von Friedenthal über die jüdischen Feste). — Licht- und Schattenbilder aus der jüdischen Geschichte der Gegenwart: Rabbi Samuel Halevy, ein Familienbild aus der neuesten Geschichte der Israeliten. — Personaler 01M und MisceUen. Subskription für Montefiore. Neue lit. Erscheinungen. Der Tod Landauer's. Bromberg. Vaterländisches. Schwerin. Brody. — L.B. des Orients. 1841. Orient. Algier? (Schluß.). Die jüdischen Mädchen zeigen sich von ihrem dreizehnten Jahre an bis zu ihrer Verheirathung nur äußerst selten aus der Straße, oder gehen vielmehr nie aus ohne die dringendste Notwendigkeit. So will es die gute Sitte. Wer nicht zu Familien Zutritt hat, dem bleiben gerade die Lieblichsten Gestalten der jüdischen Mädchen in ihrem schönsten Alter ganz unbekannt, denn was von mannbaren Mädchen auf den Straßen geht, gehört in der Regel zu den verdächtigen Dirnen. Wohl mit Unrecht sind übrigens die Jüdinnen in Algier im Rufe der Sittenlosigkeit. Nur ein Theil der Aermern widerstand der Verführung nicht. Im ganzen aber sind die lüderlichen Häuser von Maurinnen und Französinnen bei weitem mehr bevölkert, als von israelitischen Dirnen. Die Mädchen der wohlhabenden Klasse sind im Eegentheite sehr keusch, ohne sich eben vor den Fremden zu verstecken, wie die Mohammedanerinnen. Ihre Tugend har um so höhern Werth, als für ihre religiöse und geistige Erziehung wenig geschieht, und die Versuche der Verführung nirgends t häufiger, die Beispiele des Lasterlebens -nirgends zahlreicher sein können, als in Algier. Viele Mädchen führen Namen, die wir aus dem alten Testamente kennen, wie Esther, Rebeka rc., und so manchmal glaubt man in den einfach schönen Gestalten dieser Jüdinnen in ihrer natürlichen Anmuth, deren sie sich selbst wohl kaum bewußt sind, jene lieblichen Wesen der alten Zeit wieder zu erkennen, mit denen uns die biblische Geschichte schon in den Kinderjahren befreundet hat. Es fehlt diesen Mädchen auch nicht an vielem natürlichen Verstand und angenehmer Unterhaltungsgabe. Sie werden da wohl vertraulich gegen den Christen, wenn dieser sich anständig benimmt, dulden aber keine Art von Liebkosung. Sie sind häuslich und arbeitsam, waschen, nähen, stricken unter den Augen ihrer Mütter, und lieben ihre Eltern zärtlich. Ich war selbst Zeuge ihrer eifrigen Sorge und liebreichen Pflege für eiinen armen Vater oder Bruder. Die Behandlung der Jüdinnen von Seiten der Männer ist im Ganzen gut, wenn sie auch mehr Beschränkungen unterworfen sind, als in Europa. Im Vergleiche mit den übrigen Eingeborenen sind die Juden keusch; zugleich eben so frugal im Essen und Trinken. Sie enthalten sich größtentheils der geistigen Getränke, obwohl ihre Religion sie ihnen nicht verbietet, wie den Mohammedanern. Geiz und Habgierde haben die Algierer Israeliten in gleichem Grade mit fast allen Völkern der Berberei gemein, aber bei ihnen sind diese Laster weniger schädlich. Die Geldgierde macht den Araber zum Räuber, den Türken zum Unterdrücker und Wüthrich, während bei dm Juden nur die industriöse Thätigkeit und der Speculationsgeist angefeuert wird; seine Händleremsigkeit kommt den übrigen Nationen vielfach zu Statten und erleichtert den Verkehr, wenn auch in anderer Hinsicht ihre Zudringlichkeit oft lästig wird, und ihre Einmischung in alle Geschäfte mitunter uachtheilige Wirkungen hat. Die Algierer Juden hatten mit äußerster Strenge auf ihre religiösen Gebräuche/ 10