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Der Orient · 1841-01-23 · Heft 4 (23.1.1841) · p. Seite 26

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Journal
Der Orient
Volume
2 (1841)
Issue
Heft 4 (23.1.1841)
Article
Kahira
Date
1841-01-23
Page
Seite 26 (sequence 2)
Language
German
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26 eine neue Synagoge zu bauen, und ihre bürgerliche Stellung zu verbessern, aber umsonst. Der Rabbiner erwiederte: „Sie sind Herr des Nils und des ganzen Landes Mizraim, haben Macht, uns diese Bibel mit Gewalt zu nehmen, gegen Tausch überlaffen wir sie nicht." Die Juden blieben nicht allein im Besitz der Bibel, sondern auch in ihrem früheren Zustand. In politischer Beziehung zahlen sie eine kolossale Vermögenssteuer dem Pascha, der sie nach Belieben erhöht und herabsetzt. Gegen Geldvergätung sind sie frei von Conscription, besitzen ihre eignen Richter, selbst eine Art von Appellhofz doch Äedürfen Todesurtheile der Bestätigung des Paschas. Vergehen gegen die Religion bestrafen nicht selten sehr hart die Rabbiner. Ein weit höheres Interesse bietet die zweite Klasse von etwa 600 Seelen, Karaim oder Karaiten, welche Sekte sich im ganzen Oriente bis gegen die Krimm ausdehnt. Ihre Hauptzahl befindet sich in Salonichi, der Hauptstadt von Macedonien, wo unter 30,000 Juden 12,000 Karaiten sich befinden. Sie glauben nur fest an den Buchstaben der mosaischen Schrift, spötteln über die Comwentare, die man ihr gegeben; der Talmud ist ihnen ganz unbekannt. Man irrt aber sehr, wenn man glaubt, daß sie besser daran sind. So brennen sie z. B. am Sabbat weder Feuer noch Licht, haben andere Beschneidung, andere Ceremonien bei Verehelichung u. dgl. Das Hauptschismas bildet aber, daß sie mit der Zeitrechnung nicht einig gehen, und außer dem Sabbat keinen Festtag zugleich mit den andern feiern. Von Ehen zwischen arabischen - und karaitischen Juden hat man kein Beispiel. In Cairo bewohnen die Karaiten ein eignes Quartier und sind bei den Arabern als gute Goldarbeiter geschätzt. Da beim Eintritt in ihre Synagoge man die Schuhe ausziehen muß, und auch die Teppiche und Beleuchtung denen in den Moscheen ähnlich sind, so vermuthete ich hier Nachahmungssucht. Ihr Vorgesetzter nahm diese Bemerkung sehr übel auf, und erwiederte, daß als Moses aus Sinai die Tafeln erhielt, der Ewige ihm zugerufen habe: „Moses, ziehe deine Schuhe aus, denn die Stelle, wo du stehst, ist heilig!" Die Gebetbücher der Karaiten sind hebräisch geschrieben, wie überhaupt Gutenbergs Erfindung im ganzen Oriente wenig Fortschritte macht. Sowohl die arabischen Juden als Karaiten heirathen mehrere Frauen, was weder aus Liebe noch aus Bequemlichkeit oder Eigennutz geschieht. Gebärt eine Frau nach einigen Jahren der Verheirathung keinen Sohn, so hat eine andere Frau diesem Mangel abzuhelfm. Ehescheidungen sind darum doch nicht sehr selten, weshalb auch bei Verheirathungen eine gewisse Summe zur Erhaltung der Frau deponict wird. Entlastüngs-Heirathen sind den Israeliten zwar nicht fremd, aber viel häufiger bei den Christen. Da dies wenig bei uns bekannt ist, so erlaube ich mir eine kurze Abweichung. Kommt ein Europäer nach Cairo, so präsentiren sich Mäkler mit einer Liste von griechischen und koptischen heirathslustigen Mädchen. Sie geben dabei eine so klare Schilderung ihrer Größe, Jugend, Geistes- und Körperkräfte, Bildung, daß mancher durch lockende, Worte zur Ehe verleitet wird, wobei die Hauptsache ist, wie viel Geld man dafür anlegen will. Der Preis einer wohlerzogenen Koptin ist 100 — 300 fl. Ist man einig geworden, so wird durch eine Art von Notar ein Akt ausgefertigt, und die Hälfte des Preises bei Unterzeichnung den Eltern ausbezahlt. Auf Kosten des Verlobten wird nun ein frugales Mal angeerdnet, bei welcher Gelegenheit er zum ersten Male seine Braut und ihre Familie kennen lernt. Das Uebrige geschieht wie bei uns, nur mit dem kleinen Unterschiede, daß, wenn ihn die Wahl reut, er sie zu jeder Zeit ihren Ettern zurücksenden kann, dann aber nicht vergessen darf, die andre Hälfte des Kaufpreises beizufügen. Kinder aus einer solchen Ehe machen auch keine großen Sorgen, denn längst ist stipulirt, wie viel die Mutter zur Erziehung eines jeden erhält. Man glaube aber ja nicht, daß Ehen dieser Art immer unglücklich sind; eine Menge Europäer, wobei hohe Beamten bei Mehemed-Ali, sind seit 10 — 12 Jahren so verheirathet, ohne an eine Trennung zu denken. Ueber die dritte Klasse läßt sich wenig sagen. Sie besteht aus etwa vierzig italienischen Familien, die mitunter lange Zeit in Cairo wohnen. Ihre europäische Kleidung und die große Begünstigung, die sie genießen, stellt sie so hoch, daß sie mit einiger Geringschätzung auf die Unterthanen Mehemed-Ali's herabblicken können. Wie alle Franken im Orient geben sie keine Steuern, wissen nichts von Conscription noch Nationalgardendiettst, treiben jeden Handel, der ihnen beliebt, und finden eine unparteiische Justiz bei ihrem Consul. Schon die Unkenntniß der arabischen Sprache trennt sie förmlich von ihren Glaubensgenossen. Beim italienischen Theater in Cairo, wo es nicht selten an Künstlern gebricht, sind mehrere von ihnen gute Lückenbüßer. Merkwürdig ist, daß weder Christen noch Juden bis heute ein ordentliches Haus in Cairo errichtet haben; die Gelder sind dadurch manchmal so selten, daß guter Disconto mit 30 — 36 Proc. pr. Jahr gegeben wird. Auf ähnliche Art fand ich den Zustand der Israeliten in Kleinasien, Constantinopel und Algier. Was man auch dagegen sagen wag, in ihrer Art befinden sie sich behaglich unter den Türken. Beide kennen nur das Bedürfniß der Liebe, die sie im Zirkel ihrer Familie zu finden glauben, und der Religion, die ihnen in jeder mißlichen Lage'Trost gewährt. Ob wir sie bedauern sollen, daß unsre Moden, Luxus und Theater noch nicht bei ihnen Eingang gefunden haben, oder beneiden, daß sie unfern. Ehrgeiz, Geld - und Gelehrten - Stolz nicht kennen, weiß ich nicht. Welch' himmelweiter Unterschied, wenn man sich der Moldau und Wallacher nähert,

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