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Der Orient · 1840-12-26 · Heft 52 (26.12.1840) · p. 407

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Journal
Der Orient
Volume
1 (1840)
Issue
Heft 52 (26.12.1840)
Article
Herr Cremieux in Wien
Date
1840-12-26
Page
407 (sequence 2)
Language
German
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407 Name geschändet und sein Glaube geächtet, Gott, ihm aus seiner eignen Mitte seine Helden und Kämpfer erweckt — das tröstet uns für die. schmerzliche Erfahrung, die wir neuerdings gemacht, und deren wir in unserm Jahrhundert nimmermehr gewärtig waren. Mit diesen Gesinnungen begrüßen wir Sie als einen der Vorkämpfer in dem heiligen Kampfe. Und wenn unsre Stimme nicht so weit reicht, daß sie auch Ihren cdeln Mitkämpfer, den hochherzigen Sir Moses M o n t e f i o r e, erreiche, gegen-den wir dieselbe Verehrung hegen, so möge Ihnen wenigstens, da uns das Glück vergönnt ward, Sie von Angesicht zu Angesicht zu sehen, dieses Bekenntniß, das das erste ist, das Sie auf deutschem Grund und Boden empfangt, ein Zeugniß sein der Würdigung und Anerkennung, die Ihr Streben und Ihr Bemühen unter Ihren deutschen Glaubensgenossen gefunden, und wie sehr Sie in ihren weitern Bestrebungen auf ihre Sympathie werden rechnen können. Rufen wir Ihnen zu mit den Worten der Schrift: Schreiten Sie rüstig und muthig fort auf der betretenen Bahn — „es wird das Ihr Ruhm sein und Ihre Ehre!" Empfangen Sie unfern Dank mit der Versicherung, die gewiß Ihr schönster Lohn ist, daß Ihr edles Beispiel an uns und unfern Kindern nicht wird verloren sein! Wir werden es in einer dankbaren Erinnerung und edler Thatkraft, das uns zur gleichen Aufopferung und Hingebung ermuntern soll." Hierauf erhob sich Hr. Cremieur dankgerührt und hielt in französischer Sprache eine improvisirte Rede, die schon wegen der schönen Motive, die ihrem Inhalte zum Grunde liegen, und der Anerkennung, welche der Redner den humanen Prinzipien zollte, allgemeiner bekannt zu werden verdient: „Meine Herren, meine Rührung ist groß, Sie begreifen es und werden sich nicht wundern, wenn es mir an Worten gebricht, meine Gedanken auszusprechen. Ich konnte meine Thränen nicht zurückhalten beim Anblick dieser köstlichen Theilnahme meiner Glaubensgenossen, der unermeßlichen Belohnung einer so einfachen, so natürlichen Handlung. Ich bin Advokat und sah Unglückliche zu retten; ich bin Jude und sah religiöse Verfolgung zu bekämpfen; ich bin ein Mensch und sah barbarische Tortur zu zerbrechen; durfte ich ohne Verbrechen zaudernd Ich that meine Pflicht und solcher Lohn! Die Israeliten umgeben mich auf meiner Reise wie in einem endlosen Triumphzuge. In Korfu wurde ich von Acclamationen, von Glückwünschen empfangen; in Triest war ich von der süßesten, der rührendsten Theilnahme umgeben; in Venedig vervielfältigten sich die herzlichsten Feste um meinetwillen; hier endlich erliegt mein Herz den Gefühlen, mit denen Sie es berauschen. Ich habe, sagen Sie, vor den Gerichtshöfen und in der Presse die heilige Sache der Iudenemancipation geführt; ich vertheidigte ja aber den eignen Herd und das Prinzip der Freiheit des Cultus, das große edle Prinzip, daß den Himmel an die Erde knüpft, indem es jeden Menschen Gott nach seinem Glauben die Huldigung seiner Liebe darbringen laßt. Ich ergriff die Feder, als die Verlaumdung ihr Gift gegen die jüdische Religion verbreitete, ich rief alle Sympathien edler Menschen zu Hülfe; aber ich fühlte die Stärke des guten Rechtes und der Energie der Seele; wäre mein Schweigen nicht eine unwürdige Feigheit gewesen? Ich habe den persönlichen Gefahren getrotzt, mit denen fanatischer Haß und ein mörderisches Klima mir drohen mochten. Aufrichtig gestanden, ich habe an diese Gefahren nicht gedacht; ich würde Dem, welcher mich hatte damit schrecken wollen, geantwortet haben: der Tod ist überall, aber glücklich der, welcher einen großen Tod findet! Unsere Aufgabe ist mit Erfolg gekrönt worden; die Ketten sind gefallen, die Gefängnisse haben sich den Gefolterten geöffnet, den Flüchtigen ist ihre Familie wiedergegeben worden. Aber unsere Sache war auch eine so gerechte und unser Recht ein so großes! Ich habe auch im Oriente Schulen für die armen bis jetzt verlassenen Kinder gegründet. Aber ich habe dabei nur das Verdienst, Ihren Gedanken verstanden und zu mir gesagt zu haben: es ist gut, daß die Juden des Abendlandes sich mit den Juden des Morgenlandes durch die Bande eines heiligen Schutzes verbinden, dessen Folgen für die Sache der Civilisation und die Fortschritte in den Ländern des Fanatismus und der Unwissenheit unermeßlich sein können. Ach, wie richtig suhlte ich, als ich vor zwölf Jahren bei einer Vertheidigungsrede über den Eid, an die Sie mich eben erinnerten, sagte: die Iudeu kennen die Undankbarkeit nicht! Wer hatte mir damals gesagt, daß ich selbst ein so glanzender Beweis dieser Wahrheit werden würde? Lassen Sie mich also vor Ihnen das ganze Glück aussprechen, das ich unter Ihnen fühle. Was wollen Die, welche uns mit ihrem bittern Hasse verfolgen, mit ihren albernen Vorurtheilcn? Warum wecken sie in unserm Jahrhunderte der Philosophie und der Aufklärung jene armseligen Verleumdungen des Mittelalters und den lächerlichen Aberglauben roher Zeiten wieder? Besitzen die, welche noch in so vielen Ländern außerhalb des Gesetzes der Völker stehen, unter denen. sie leben, nicht alle Lugenden freier Menschen, wenn sie für den, welcher das gemeinschaftliche Recht und die sociale Freiheit für sie fordert, eine so ausdrucksvolle, so rührende, so einmüthige Dankbarkeit zu erkennen geben? Und ist nicht die Theilnahme, welche mit Einem Male, wie durch einen elektrischen Schlag auf allen Punkten der Erde für die gehässig verfolgten Brüder geweckt würde, eine große Lugend? Verdient nicht diese jüdische Bevölkerung, deren Herz so voll ist von den schönen Gefühlen der Verwandtenliebe, unter andern Menschen zu leben und ihnen gleich zu stehen? Welche Lugend fehlt uns? Die älterliche Liebe, die kindliche Ehrfurcht, diese ersten Lugenden der Familie, sind in unfern Herzen wie in unfern heiligen Büchern mit unveclöschlicher Schrift eingeschrieben. Der Gott Israels verheißt Abraham, seinem Auöcrwahlten, zum Lohne das Glück seines Sohnes Isaak und seiner fernsten Nachkommenschaft; der Gott Israels schreibt mit seiner Hand auf die heilige Tafel jene göttlichen Worte: „Ehre deinen Vater und deine Mutter!" Die Vaterlandsliebe! Wir französische Israeliten, wir Bürger eines freien Landes, das uns ein Vaterland gegeben hat, wir steigern bis zur Begeisterung jenes Gefühl, das Völker gründet und groß macht, und Sie, meine Herren, die Sie das Vaterland nur ahnend kennen, denn das Vaterland ist die Gleichheit der Rechte und der Pflichten, sind Sie nicht Alle bereit, Ihr reinstes Blut für das Glück des Bodens zu vergießen, auf dem Sie das Licht erblickten? Ach, Sie werden es erlangen, meine Herren, Sie werden einst dieses theüre Vaterland, dieses Leben im Leben erhalten! Und die, welche Sie dann Ihre Mitbürger werden nennen können, werden sehen, ob Ihre Herzen sich nicht mit ihren Herzen verbinden. Ja, Sie werden das Vaterland erhalten, Juden von Oesterreich, denn Oesterreich hat in jener denkwürdigen Angelegenheit von Damaskus gezeigt, daß es keinen Unterschied des Glaubens kennt, wenn die Menschlichkeit spricht. Oesterreich reichte zuerst den Unterdrückten eine helfende Hand. Ach, seine Macht reichte nicht so weit, die dem Leben wiedergeben zu können, welche die Folter gemordet hatte, aber es trat zwischen die Henker und die noch für den Tod bestimmten Opfer; es protestirte edelsinnig gegen das Blutverfahren. Mit Freuden rufe ich, ich, ein Franzose, in dieser Hauptstadt des österreichischen Kaiserstaates: Ehre fei Oesterreich! Ehre sei Ihnen, Fürst Metternich/ dessen eben so thatige als großmüthige Macht

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