Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1840
- Issue
- 51 (19.12.1840)
- Article
- Das rationale Judenthum ... [Rezension]
- Date
- 1840-12-19
- Page
- 786 (sequence 2)
- Language
- German
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161 Das rationale Iudenchum von Dr. Fran eine Reihe von größeren und kleineren Religionsparteien zusammensetzt und jeder ihren Platz anweist, so können wir im Gegentheil dem Verfasser nur Dank wissen, daß er durch eine populäre Darstellung, die verschiedenen Betrachtungen -und Auffassungsweisen der Religion, dem jüdischen Volks bewußlfein naher brachte, und wir mißbilligen nur. das Kapitel „Supernaturalismus," weil ein solcher in vorgetragener Weise dem Judenthume durchaus nicht angehört und in ihm sich auch nicht findet. Zwar sieht dies selbst Vers, spater S. 28., wo er über den Einfluß des Rationalem und Supernaturalism auf die Auffassung und.Behandlung der Bibel spricht, wohl ein, und halt im Verlauf der Darstellung nur den Namen Supernaturalism ohne dessen früher sixirte Bedeutung fest; wäre es aber nicht gerathmer und schicklicher gewesen, lieber den Ausdruck Orthodoxie, welcher dem neuhebräischen n^DN1 entspricht, zu gebrauchen?! Doch, wir wollen keine Sylben stechen, und selbst den! Ausdruck. Bibel, der im ganzen Buche.statt Pentaj reuch gebraucht ist, nicht zuchtmeistem; es obliegt uns vielmehr der Darstellung des rationalen Supernaturalismus unfern Beifall zu zollen,- und gern möchten wir dies auch der des Rabbinismus thun, wenn nicht der historische Theil darin nicht gar zu sehr an das Compendium des Talmuds von Dr. M. P. erinnerte, welches die Enrstehungs- und Bildungsgeschichte dieses Nationalwerkes aufs verworrenste und unhistorischste darstellte. — Was der Verfasser über Außenftömmigkeit und Gesetzverachtung sagt verdient beherzigt und vielfach gelesen zu'werden, weit diese in unserer Zeit gar zu sehrverbreiteten Uebel an ihrer Wurzel gefaßt And nach all ihren Verzweigungen dem Leser dargelegt werden. Wenn aber im zehnten Kapitel die Frage: „Für welche Ansicht ist eine Verbesserung Bedürfniß?" dahin beantwortet wird, daß die Ansicht des Gefttzverachters auf rationalem Wege, die des Rationalismus aus sich selbst, während die Außenftömmigkeit vom Rabbinismus verbessert werden muß; so glauben wir kaum, daß Einer in diese , Antwort einstimmen werde, und selbst der Berf. scheint vergessen zu haben, daß er S. 89. den Rationalismus! den andern Ansichten bevorzugte. Jedoch wir wollen uns bei dergleichen Kritiken nicht verweilen, denn sonst ' könnten wir in Versuchung gerathen, über andere aufgestellte Grundprinzipien und Thesen mit dem Vers, gar lange zu rechten, wir beeilen uns vielmehr, das elfte Kapitel zu besprechen, welches den Uebergang zum zweiten Abschnitte, dem ganz praktischen Theile des Buches, bildet. Dieses Kapitel führt die Ueberschnst „neuere . Verbesserungsversuche." Wir erfahren darin bald zu Anfang, „daß in unfern Tagen sich von allen Seiten Stimmen erhoben haben, die eine Umgestaltung der jüdischen Gebräuche als nothwendig erklärten, daß Manches zu diesem Zwecke bereits geschehen und an Manchem noch gearbeitet wird." Ferner, „daß so gute Absichten solchen Versuchen auch zu Grunde liegen mochten, so ist es doch unmöglich , daß in eine Religion etwas von außen Hrneingebrachtes zu einer ihr gemäßen Entwickelung beitrage; der Keim zu ihrer Veredlung muß in ihr selbst liegen. Daß im Rabbinismus eine Bewegung ist, als wenn der Rationalismus durchbrechen sollte." Und zu welchem Ende müssen wir dieses und noch anderes, wie z. B. daß man in Deutschland versucht hat, jüdische Tempel mit Orgel und deutschen Gebeten einzurichten, erfahren? Zu keinem andern Ende und Zwecke, colm, kritisch beurcheilt von Jolowicz. 788 als mit dem Vers, überzeugt zu werden, daß der jüd. Gottesdienst ein rein sy m b o l i sch er, daß die Spnagoge kein Haus für Betlusiige sei, und daß das Gebet nicht in verständlicher Landessprache verrichtet werden dürfe. Denn, meint der Vers. S. 126, im Gotteshause waltet das Geheimmßvolle, das die Seele mit einer Ahnung des Unendlichen erfüllt, das Herz mit einem Schauer vor dem Heiligsten durchbebt. Das Verständliche reißt uns nie zu jener Entzückung hin, in welcher sich unser ganzes Wesen vor der Nahe des Ewigen auflöst und in tiefster Andacht schmilzt." Wir wollen in unfern ratio-; nalen Verfasser nicht dringen, uns von seinem Standpunkte aus, die Beweise vorzulegen, wieso der jüdische Gottesdienst ein rein symbolischer sei, und nehmen uns nur die Frage heraus: zugegeben, daß der jüdische Gottesdienst ein Symbol sei, „bei dem von einem Verstehen gar nicht die Rede sein kann" (S. 119), ist es wohl möglich, daß Symbole von zweitausendjährigem Atter in uns dieselben Klangsigucen Hervorrufen und erwecken könnten, welche sie in babylonischen, palästinensischen Juden zur Zeit hervorriefen und weckten? Doch, wir vergessen, daß Verfasser dergleichen Fragen gewissermaßen nicht zu beantworten braucht; denn ihm ist es ■ nur um ein rationales Judenthum zu thun, welches j gegen - den noch herrschenden Rabbinismus und Superj Naturalismus keinen schroffen Gegensatz oder Schisma bilden soll, darum muß sich der Rationalist auch den! Gesamwtiuhalt der positiven Offenbarung aneignen (S. 135). Diesen so wichtigen Gesammtinhalt nebst seinen vielfachen Nüancirungen bietet uns der zweite Abschnitt.. Er beginnt mit dem zwölften Kapitel! unter der Uebcrschrist „Prinzipien bei dem rationalistischen! (soll wohl heißen rationalen) Verfahren zur Feststellung des Judenthums." Es ist interessant, diese Prinzipien kennen zu lernen, überhaupt weil sie mit folgenden Worten eingelerret werden, „die mosaischen Gesetze sind göttlich und verpflichten uns daher sammüich zum Gehorsam. Wir können aber nur dann gehorchen, wenn wir verstehen, was uns geboten ist; daher müssen 'wir den Sinn jedes Gesetzes erforschen. Dieses ist keine leichte Aufgabe, denn der Sinn ist oft verborgen. Wer sich die Mühe der Erforschung ersparen und an den Buchstaben halten wollte, würde den göttlichen Willen nicht erfüllen, der nicht in Buchstaben zu fassen ist." Als Grundp rinzip der Religion und Hauptgesetz des Judenthums wird nach Deut. 6. 5 die Liebe zu Gott, und zwar richtig als Sittengesetz, mit dem Bemerken angeführt „Es giebr nun kein anderes Gesetz als dieses Sittengesetz, es ist das einzige der. Religion, und seine Erfüllung erhebt den Menschen auf die höchste Stufe der Vollendung." Diesem ersten Hauptgesetze reiht sich ein zweites, und zwar nach Levit. 19,18 die Nächstenliebe, an. Um diese Sittengesetze gegen die Macht der Leidenschaften, sinnlichen Begierden und menschlichen Egoismus stets pflichttreu zu erfüllen, erschloß sich nach unserm Verfasser das Sittengesetz zum Zeremonialgesetze, welche Handlungen vorschreibt, die eigentlich an und für sich gleichgültig waren, sie erhalten aber ihren Werth durch die Gesinnung, die sie erzeugt. „Wer jedoch, fügt der Vers. S. 144 bedeutsam hinzu, die Zeremonialgesetze der Bibel — vom Talmud will er selbst nichts wehr wissen — aus Bequemlichkeit oder weil er ihren Grund nicht erkannt, Übertritt, sündigt und handelt gegen die