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Der Orient · 1840-11-21 · Heft 47 (21.11.1840) · p. 362

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Journal
Der Orient
Volume
1 (1840)
Issue
Heft 47 (21.11.1840)
Article
Paris: Schreiben ... über die Damaskus-Geschichte
Date
1840-11-21
Page
362 (sequence 2)
Language
German
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den. Er erzählt uns, daß der Graf von Ratti-Men- Lon die Gnade und Menschenfreundlichkeit gehabt, die Frau eines der beschuldigten Juden schön zu finden, daß Alles, was man gegen die Handlungsweise dieses Herrn vorgebracht, nur Verlaumdung sein könne, und daß endlich die gefundenen Knochen, nach-einer neuen genauen Untersuchung als Menschenknochen anerkannt waren. Vor Allem aber bestätigt er, was man über die Bestechungsversuche von Seiten der Verhafteten und ihrer Familien gesagt, und scheint, von diesem Punkte ausgehend, kaum noch an ihrer Schuld zu zweifeln. Ich aber wage zu behaupten, daß die Israeliten von Damaskus in ihrer verzweifelten Lage nur mehr, als zu sehr berechtigt waren, zu diesem letzten Mittel, der Schmach, der Folter, dem Tode zu entgehen, ihre Zuflucht zu nehmen. Vergißt man denn im blinden Vorurteile gegen die Gemarterten, daß sie sich gänzlich wehrlos in den Krallen der unbarmherzigsten Willkür befanden? Vergißt man, daß sie, vergebens ihre Unschuld beschwörend, mit übermenschlicher Standhaftigkeit barbarische Qualen erduldet, daß einer ihrer Brüder bereits unter diesen Qualen sein Leben ausgehaucht, und daß sie jede Hoffnung verloren hatten, endlich statt ihrer Henker Richter zu finden? Nicht mit dem Auge der Leidenschaft und des Hasses, mit dem Auge der Unbefangenheit allem blicke man auf die trostlose Lage der Unglücklichen und man muß finden, daß ihnen kein anderes Mittel, als die Aufopferung ihrer Habe blieb, ihr Leben zu retten. Was ist Bestechung? Es wäre eben so widersinnig, als unmenschlich, durch den Begriff, den man in unfern civilisirt-europäischen' Zuständen mit diesem Worte verbindet, die Opfer von Damaskus verdammen zu wollen. Wo die rohe Tyrannei'ihre blutigen Befehle gibt, wo der Schmerzensschrei der Unschuld von mörderischen Geißelschrägen erstickt wird, wo das Augenblinzeln eines unumschränkten Gewalthabers eine ganze fanatisch - wüthige Bevölkerung gegen ein Häuflein schutzloser Andersglaubender ein stürmen laßt —- — da wird jedes Mittel der Rettung, der Selbsterhaltung zur heiligen Pflicht. O, die Juden von Damaskus kannten sicher schon in der ersten Stunde, in der jene entsetzliche Anklage gegen sie erhoben ward, die ganze Größe der Gefahr, in die Fanatismus, Haß und Habsucht sie gestürzt. Sie kannten den Orient und seine Gerechtigkeitspflege, diese Hohenpriester derBastonade. Es war ihnen sicher bald genug klar, daß der Grimm, mit dem man sie verfolgte, mehr ihrem Golde als ihrem Leben galt. Sind sie schuldig, weit sie das erstece anboten, wohl wissend, daß man nicht im Geringsten zögern würde, es ihnen mit dem Leben zu nehmen? Sie mußten, trotz der Reinheit ihres Gewissens, an ihrer Unschuld verzweifeln, verzweifeln an jeder Hoffnung der Rechtfertigungsie mußten ihre Ehre ihrem Leben opfern. Man hatte sie rücklings in einen schaurigen Abgrund geschleudert, aus dem nur eine goldne Leiter sie vielleicht'wieder hinauf zum Licht und Dasein bringen konnte und sie, die Verlassenen, hätten zögern sotten, diese Leiter anzuknüpfen? Was nun die-versuchte Bestechung des französischen Consuls betrifft.,. so darf man vermuthen, daß die Gefangenen aus ihren früheren kaufmännischen Beziehungen zu dem Grafen Ratti-Menton recht wohl entnehmen konnten, was sie in ihrer qualvollen Lage von diesem Manne zu hoffen und zu fürchten hatten. Hier in Paris erzählte und schrieb man gar seltsame Charakterzüge von dem französischen Eonsul zu Damaskus. Daß er in dem ganzen Laufe des Schreckensprocesses eine höchst zweideutige Rolle gespielt; daß die Unmenschlichkeit, mit der er die Torturen gebilligt, ja, sie selbst ein wenig ausgeübt, einen Schandfleck auf den französischen Namen ivirst, darüber ist hier nur eine Stimme. „Aber der Präsident des Ministerconseils?" ruft man vielleicht, „der scheint diese Meinung nicht zu Iheilen." Ei, Herr Thiers, weiß recht wohl, daß die Juden so wenig, wie er selbst, Kapuzinerblur zum Osterfeste trinken, aber als Staatsmann glaubte er die Forderungen der Humanität und des gerechten Unwillens denen seiner politischen Stellung opfern zu müssen. Die Abberufung Ratti- Memon's und eine Untersuchung seiner Handlungsweise in jener Angelegenheit hatte den Premierminister jedenfalls in recht unangenehme Weitläufigkeiten gebracht. Ueberdies konnte sie in der That nur, wie Thiers aus der Tribüne der Deputirtenkammer sagte, nach eingelaufenem Berichte des von Alexandrien nach Damaskus gesendeten außerordentlichen Eonsuls erfolgen. Dieser Bericht ist, meines Wissens, niemals veröffentlicht worden. Warum? Diese Frage ward bisher nie aufgeworfen, dürfte indessen im Laufeder nächsten Kammerverhandlungen wohl einmal gestellt werden. — Der Londoner Tractat vom 15. Juli mit seinen weltbewegenden- Beschlüssen lenkte endlich die allgemeine Aufmerksamkeit von der Lösung jenes Mordrathftls ab, obwohl sich gegenwärtig mehr als je alle Blicke auf Syrien und seine Städte richten. Die jüngsten bedeutungsvollen Ereignisse machen leider eine baldige und gerechte Durchsicht der Actenstücke, eine. Entscheidung des Processes, wie Juden von Damaskus und die der ganzen Erde sie fordern dürfen, unmöglich. Mehmed Ali kampst in diesem Augenblicke um sein eignes theuerstes Gut, um Reich und Leben. Die Feindesmassen drohend gegen ihn heranfluthend, sind fast so zahllos und mächtige, als die Meereswellen, die seine Küsten bespülen» Wer weiß, vielleicht will das Fatum, daß dieser muthige Greis, seit geraumer Zeit der einzige Mann in dem erschlafften Oriente, dessen Energie und Thatkraft. allein ihn vor dem Zerfallen bewahren konnte, bald eb?n so verlassen und wehrlos in den Händen seiner Widersacher sein soll, wie die armen, gemarterten Juden, denen er , die Freiheit wiedergab, es noch vor wenigen Wochen waren. In dem närrischen Morgenlande scheinen ja die Sterne und mit ihnen die Geschicke der Mächtigen eine ganz andere Bahn zu wandeln, als in unserm schläfrigen Europa. -— Doch ich komme von dem eigentlichen Gegenstände dieses Briefes ab. Mehmed Ali empfing die von den Israeliten Europa's an ihn Gesandten aus die freundlichste Weise und gewährte ohne Weiteres die Freilassung ihrer gefangenen Glaubensbrüder. „Hunderttausende," sagte ihm Cremieux, jubelnd über diesen Erfolg seiner rastlosen Anstrengungen, „Hunderttausende unserer Brüder werden dankbar ihren Schöpfer um Leben und Wohl Ew. Hoheit anflehen." Gewiß, aber wie inniger noch wird dies Gebet sein, könnte der Pascha einst nach der Freilassung der Gefangenen eine Bestrafung der Schuldigen befehlen und in's Weck setzen lassen. Wer sind diese Schuldigen? Eine scharfsinnige, unparteiische Untersuchung, der Ereignisse zu Damaskus müßte dies endlich zweifellos klar machen. Eine solche Untersuchung zu leiten und j gerecht endigen zu sehen, war der eigentliche Reisezweck.

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