Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1840)
- Article
- Genrebild einer jüdischen Gemeinde
- Date
- 1840-09-19
- Page
- 295 (sequence 2)
- Language
- German
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295 rortung der jüdischen Literatur gepredigt würde,-es dürften die Freunde der seligen Rabbinen zu Lissa und Kalisch sich trösten, wenn die Iudengemeinde zu Pyritz nur noch existirt, denn ein einjähriger Aufenthalt in dieser Gemeinde würde es einem fleißigen Schreiber hinlänglich gewähren, die sinnigen Ideen, welche die Hochverehrten einst gehegt, über alles Denkbare, für die Nachwelt ex usu zu kopiren. Freilich wäre es Sünde, den armen Männern die Verantwortlichkeit für diese Copie aufzudürden, die fremden Aberglaubens allzuviel, des eignen Geistes allzuwenig enthalten möchte. Wahrlich, es thut wehe zu sehen, wie die Armen, nicht erhoben durch den wahren Geist unsres Glaubens, sich formlos kn der Form quälen, in der ewigen Pein, ein leichtes Vergehen gegen die Regel könnte den ganzen Mechanismus zerstören. Noch schrecklicher ist ihr Fanatismus, eben weil er sich auf Unwissenheit basirt, weil sie den Gedanken nicht begreifen, verdammen sie den Denker, und weil sie nicht fanatisch sind aus Überzeugung fehlt ihnen der Eifer für ihre Sache — eine widerliche Erscheinung! Bedauern können wir sie und nur immer wieder bedauern, daß sie die Glückseligkeit des Glaubens nicht genießen, dem sie anzugehören vermeinen; aber mit Schande müssen diejenigen gebrandmarkt werden, die in ihrem Aberwitze andre verdammen und nicht die gräßliche Schuld fühlen, die sie durch Entweihung der heiligen Sache ihrer jüdischen Brüder auf sich häufen. Begleitet uns nach ihrem Tempel! Dort seht ihr als Vertreter der Gemeinde vor ihrem Gotte einen Mann, von dem wir schweigen, nicht aus Hochachtung vor seinen rabbinischen Tugenden, denn diese hat er wahrlich mit Füßen getreten, nein —. iujunam causa! Doch stören wir ihn nicht, er ergötzt vielleicht so eben seine Gemeinde durch eine Zotenmetodie, die er zum “TTOn zwitschert. Das Geschrei der Menge, die nicht weiß, was sie schreit, macht selbst den Kundigen verworren. Andre, die ja inbrünstig beten, und den Inhalt ihres Gebetes kennen, seht ihr durch Spötter beunruhigt, die so ihre Scheinbildung kenntlich zu machen meinen. Andre erzählen sich witzige Anekdoten, oder politisiren nach ihrer Art! wohl mit der Zeitung in der Hand, besorgt für ihre Specularionen, noch Andre und zwar Männer, denen man sonst Anstand und ein savoir vivre nicht absprechen möchte, seht ihr langgestreckt sich sprcitzen, oder gähnend das Amen nachsprechen, vielleicht auf ein Handelsprojekt, das ihnen im Synagogen sch luinmer vorgeschwebt. Hat uns unser gutes Glück zu einer Stunde nach' dem Tempel geführt, wo vor dem Wor- Icfcn der heiligen Lora Mizwot-Auction gehalten wird, da könne ihr auch noch das Spaschen erleben, daß Privatfeindschaften durch fromme Schikane gerächt werden. Wenn es euch nicht zu sehr erschreckt hat, das Treiben der Lebendigen, so folgt uns nach dem guten Orte, wo die Todten ruhen, aber leicht könnte es ihnen mit mis unheimlich werden auf der verwahrlosten Stätte, wo Denkmäler umgestoßen und Gräber durchwühlt sind; doch lassen wir sie ruhen; ihnen ist es nicht vergönnt, sich mit uns vor einer herannahenden Viehheerde zu retten. Glaubt ihr, daß die jüdische Gemeinde zu Pyritz das Gebot des HDtt “"Op nicht erfülle? o gewiß, die ganze Gemeinde thut es vor den heiligen Festen alljährlich. Aber — vielleicht könnten sie sich vergehen gegen das li&n üh min nipli-n, das sie auch verhindert ihren Todten anständig die letzte Ehre zu erweisen; doch nein, sie sollen sich entschlossen, Haben, die Gräber ihrer Eltern gegen Unbill zu schützen, d. h. seit zehn Jahren schon ist es ihr fester Beschluß! Vielleicht haben diese Leute, sich selbst für das Heil in Israel aufgebend, ihre Pflicht erfüllt durch treffliche Erziehung der Kinder für die heilige Sache. Kommt mit nach dem Schulstübchen! Dort seht Ihr einen Mann, Vater einer zahlreichen Familie, von Nahrungssorgen gedrückt, seine Geschäfte theilend zwischen dem Unterricht und Erwerbszweigen, wenn auch ehrenvoller, doch andrer Art; denn die Gebühren für den gesammten jüdischen Unterricht, privatim mit jedem Einzelnen bedungen, vermögen kaum die allerdringendsten Bedürfnisse zu befriedigen. Es gab eine Zeit, wo aus der Schule dieses Mannes Schüler mit tüchtigen. jüdischen Kenntnissen hervorgingen, als er seine Kraft noch ungehindert seinem Berufe widmen durste; ja die Schule war sogar einst Gemeindeschule, doch scheint der Haß der Pyritzer gegen alles Gemeinnützige unbesiegbar. Wir wollen darum die Verdienste dieses Schulmannes nicht verkennen, der cs seit Jahren verstand, in Mitte der Pyritzer dein Mechanismus einigen Tribut für den wahren Glauben abzugewinnen. Au jetziger Zeit werden die Knaben der meisten Eltern täglich eine Stunde in allen sieben Sachen des Iudenthums unterrichtet und von den Mädchen, wenn wir recht berichtet sind, soll Eine den jüdischen Unterricht besuchen. Daß die Pyritzer den Werth des Unterrichts nicht zu würdigen wüßten, glaube man ja nicht, den in'dem außerjüdischen Unterricht ist ihnen kein Opfer zu groß, um ihre Kinder vortheilhaft vor den übrigen auszuzeichnen, aber in dem Worte Gottes stehen dein Geringsten diejenigen nach, welche sich für die Auserwähltesten der n^4D DJ/ erachten! Untersucht man die Ursachen dieses traurigen Zustandes naher, so ist der religiöse Standpunkt der Gemeinde allerdings der Boden, auf dem das D£#H 'W?n so wild hohes Urikraut hervorsprießen laßt; dieser ist der Umarbeitung fähige wenn einsichtsvolle Männer Hand ans Werk legen. Und wahrlich, eö giebr dort verständige Männer (außer 2 jüdischen Aerzten DD. med. utr., die, wie wir erfahren, da wohnen), die der guten Sache wenigstens ihr Ohr leihen möchten. — Wir wollen diese Männer darum nicht des Jndifferentismus anklagen, denn wir zweifeln nicht, daß sie der heiligen Sache ihres Volkes nicht länger fcrnstehen werden, wenn sie nur erst, ohne zu erröthen, sich ihr nähern können. So lange aber noch unter vielen andern Fatalitäten, wie am letzten niDD D5’ die Feierlichkeit des großen Tages anstatt durch den heiligen Schofacton durch das Gebrüll derer, die ihrem ungeduldigen Magen nicht langer widerstehen wollen (vielleicht hatte auch der Dunst des religiösen Heulagers ihren Verstand umnebelt) beschlossen wird, so lange wird man es Männern, die fühlen und denken, während sie thun, nicht verargen, wenn sie sich Lossagen von dem, was sie verachten müssen. Nicht geringem Anthcil aber als der Boden haben die befruchtenden Elemente an der Reise der widerlichen Frucht. Es besteht in Pyritz. eine jüdische Genie in de, insofern ein regelloser Haufen 250 jüdischer Seelen, in diese Stadt gebannt, nur durch seine Gleichgültigkeit gegen die gemeinschaftliche Sache zusammengehalten wird. Da ist fast Niemand, der nicht mit dem größten Widerwillen das Vorsteheramt übernähme. Daß so niemals von Spaltungen die Rede sein kann, ist klar, da kein Interesse da ist. Wir reden nicht von den Statuten (nUpH), die nich t existiren, es fehlt aber an jeder Bestimmung über die Befugniß der'Vorsteher, wie über die Rechte und Pflichten der Gemeindemitglieder. Was Wunder daher, wenn ja einmal durch das allerdringendste Bedürsniß, wie z. B. wenn ihnen die Synagoge über den Kopf zusammenftürzen will, eine Versammlung zu Stande gebracht.ist, einer noch lauter als der Andere zu schreien sich berechtigt glaubt. Daß e6 so immer beim Alten, bleibt, oder nach dem Willen der besten Kehlen geht, ist klar. Wir beneiden die Pyritzer Juden nicht, wenn sie sich vielleicht glücklich preisen, in einem Zustande Zu