Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1840)
- Article
- Genrebild einer jüdischen Gemeinde
- Date
- 1840-09-19
- Page
- 294 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2360092-2360093-2360132-2363605--0916-2363633- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
294 Lieht- und Schatte »Hilde r aus der jüdischen Geschichte der Gegenwart. Genrebild einer jüdischen Gemeinde. Im Interesse der jüdischen Zeitschriften sei uns hier zuvörderst die bescheidene Acußerung eines frommen Wunsches erlaubt. Wenn es unfern Organen besonders Dank zu wissen ist,' daß sie energisch und würdig zugleich unsre Sache nach außen vertreten, so macht es uns doch großen Kummer, daß der geistigen Selvftemancipation der Juden nicht hinlänglich gedient wird. Wir verkennen zwar nicht, wie nothwendig eine solche Vertretung nach außen ist, und gehörten wir auch zu denen, deren Phantasie sich in süßen Träumen allgemeiner Humanität wiegt, wir würden, wären wir nicht schon durch den schrecklichen Wkederhall, von dem die Damascenerklkngcn in unserm Deutschland ertönten, erwacht, wir würden, sage ich, schrecklich enttäuscht worden sein, durch den ruchlosen Hcphcpruf des liberalen Schweizers in Mitte der sogenannten Berliner Hofleute. Aber wie ganz dabei über die Judenfeinde der Juden selbst vergessen wird, kann nicht bestritten werden, weil es wahr ist, daß unsre Zeitschriften nicht daran gedacht, die treffliche Rede Auerbachs über Damaskus, die eine Wirkung aus die Juden selbst erzielte und, so weit sie bekannt geworden, gewiß auch nicht verfehlt hat, zu würdigen. Warum enthalten die jüdischen Zeitschriften nicht statt allgemeiner Näsonnements über Jndifferenrismus k. k. spezielle Darstellungen und spezielle Belehrungen über einzelne Mißbräuche. Gewiß von großem. Nutzen würde z. B. die Mittheilung einer idealen oder realen Mufterverfaffung für jüdische Gemeinden sein. So erfreulich eine Vertretung der jüdischen Wissenschaft durch ein besonderes Organ ist, so nothwendig und gewiß noch ersprießlicher ist ein wahrhaft jüdisches Volksorgan, das nicht blos zu den Führern der jüdischen Sache, sondern zum Volke selbst spricht. Die jungen Theologen und resp. Rabbinatskandidaten könnten auf diesem Felde durch ihr positives Wissen am besten ihre Lhatigkeit, für die jüdische Sache zu wirken, beurkunden, anstatt sich durch rasonnirende Berichte, die sie.in die Welt schicken, zu verdächtigem Der Stoff ist wahrhaft unendlich und könnten eben die Laien kn jüdischer Theologie am besten auf den rechten Weg führen, wenn sie offen '.das Bedürfniß der Belehrung aussprächen. —- Daß unsre Bemerkungen über die jüdischen Zeitschriften nur als bescheidene und fromme Wünsche gelten mögen, darum bitten wir noch einmal; für die etwas polemischen Bemerkungen gegen den orientalischen Correspondenten bitten wir um so weniger um Entschuldigung, da wir nicht mit Alchariri den heiligen Kampf im Judenthume für gemeine Katzbalgerei halten und erinnern nur, daß besagter Aufsatz im Orient die nächste Veranlassung des unsrigen war. ' * * * Wir haben es zum Entwurf unsrer Arbeit gemacht, ein getreues Bild der jüdischen Gemeinde zu Pyritz in Pommern zu-entwerfen, mit dem Wunsche, daß die Aufdeckung der dasigen Mißbrauche sowohl zu unsrer Selbsterkenntnkß beitragen, als auch den Standpunkt, von dem aus für die theoretische wie praktische Wirksamkeit der Freunde der jüdischen Sache des Segensreichen noch viel zu thun übrig ist, bezeichnen möge. Denn wir bezeugen gewissenhaft, daß diese Pyritzer Jeremiade in allen ihren Einzelnheiten auf sehr viele andere größere und kl ei ne re Gemeinden Pommerns und Brandenburgs paßt, und so lange z. V. die Gemeinde zu F r a n k fu r t a. £>. die Jntriguen und Raufereien ■ in ihren Angelegenheiten, wie auch die Thatsache, daß die Erziehung ihrer Jugend den dortigen Meßrestaurateuren übergeben ist, nicht abstreiten kann, wird sie auch ihren Namen als Unterschrift für dieses Bild nicht versagen können, eben so, um nur noch eine größere Gemeinde zu nennen, Stargardt, das uns Dank wissen^ wird, daß wir die Gründe-für unsre Behauptung verschweigen. Wir glauben aber auch nicht zweifeln zu dürfen, daß die Vorschläge zur Verbesserung der Pyritzer Gemeindeangelegenheiten mit geringen Modisicationen in andern Gemeinden ausführbar sind. Die jüdische Gemeinde zu Pyritz in Pommern zahlt unter 250 Seelen gegen 40 Familienväter und macht den fünfzehnten Th eil der Stadtbevölkerung aus. Sie ist fast zur Halste reich oder doch wohlhabend, die andere Hälfte ernährt sich reichlich, so daß nur einzelne einer Unterstützung bedürfen. Mit wenigen Ausnahmen ist ihre Beschäftigung der Handel, und die wenigen Handwerker sind zugleich Kaufleute. Wäre hier über ihre privatlichen und bürgerlichen Verhältnisse zu sagen, so genügte die Bemerkung, daß ein amtliches Zeugniß über ihr bestes Wohlverhalten nicht einen Augenblick zu berichten zögern würde. Aber die Pyritzer Juden würden einer wohllöbl. Behörde wenig dankbar sein, selbst für das schmeichelhafteste Zeugniß, nicht etwa aus erhabener Hebung der Tugend um ihrer selbst willen, nein aus stumpfsinniger Gleichgiltigkeit gegen die amtliche Anerkennung. Die Juden in Pyritz sind die trefflichsten Stadt- und Staatsbürger, sie lieben ihren König und achten seine Gesetze hoch als die eines Gottgesalbten, sie tragen nach Kräften zu den Communallasten und steuern oft doppelt zur Armenkasse, aber sie verschmähen fast jede Theilnahme an den städtischen Ehrenämtern, deren Führung ihnen nur unangenehm sein würde, und fühlen, aus Freude an Handels- und Erwrrbfreiheit, nicht den Mangel der heiligsten Menschenrechte. Kurz sie haben keinen Begriff davon, daß sie als gute Juden und Bürger zugleich den Beruf hätten, für sich und ihre Brüder das Zeugniß abzulegen, daß sie es mit tiefem Unwillen empfinden, daß man jüdischer Ehre weniger traue als christlicher. Irrig wäre es, hieraus den Standpunkt ihrer Bildung zu verdächtigen; im Allgemeinen wenigstens gleicht diese der Cultur der dortigen christlichen Bevölkerung und hat, so weit Bildung von commerziellem Einfluß bedingt ist, sogar den Borzug, obgleich auch nicht zu leugnen ist, daß der schädliche Einfluß des wenigstens von der kleinern Hälfte getriebenen Kleinhandels sich weder in ihrem Wesen überhaupt, wie besonders in ihrer Stumpfheit für das Gemeinwohl verkennen laßt. Welche Schuld hieran die Negierung durch ihre Reaction in den zwei letzten Decenmen hat, ist zu untersuchen hier nicht der Ort, doch-dürfen wir der Wahrheit halber nicht verschweigen, daß im Freiheitskampfe der Patriotismus der damals kaum das Drittel der jetzigen Anzahl ausmachenden Gemeinde mehre Männer ins Feld schickte, die ehrenvoll fochten. Um so trauriger ist die Wahrheit, daß ganz gemäß ihrer Feindschaft gegen die großen Fragen der Zeit und vom Standpunkte dieser Gemeinde aus, möchten wir sagen, gegen'die Außenwelt ihr religiöses und jüdisches Dasein ist. Die Pyritzer Juden sind streng orthodox, d. h.. sie üben mechanisch (denn mit geringen Ausnahmen ist Niemand im Stande, sich Rechenschaft zu geben über sein religiöses Thun) bis ins Kleinste jedes Gebot, daß ihnen irgendwie als Ausspruch eines Nabbinisten überliefert worden. Ja wäre es möglich, und wer weiß, was nicht alles möglich ist-, daß heute noch Aus-