Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1840-08-08 · Heft 32 (8.8.1840) · p. 247

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
1 (1840)
Issue
Heft 32 (8.8.1840)
Article
Die Juden in Rhodus
Date
1840-08-08
Page
247 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2360092-2360093-2360126-2363224--0763-2363252
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

247 so die ganze Bevölkerung gefangen zu halten. Die Bestürzung und das Gejammer der Iudengcmeinde war groß,- denn die unglücklichen belagerten Einwohner, auf diese empörende Gewaltthat nicht vorbereitet, befanden sich ohne hinlänglichen Mundvorrath; vorzüglich fehlte es an Brot, so daß am Dienstag Abend bei dem armern Theile Mangel und Hunger eintrat. Der Chef der Kavaffe, Subaschi, der mit den Huir-. gernden Mitleid hatte, kaufte mit seinem Gelde zwei Körbe Brot und vertheilte sie gratis unter die ärmern gefangenen Juden. Der christliche, protestantische, englische Consul Winkelson, dem dies hinterbracht wurde, betrachtete das Mitleid, die Menschlichkeit des mohammedanischen Subaschi als ein Verbrechen, denuncirte ihn dem Pascha, der den gefühlvollen Türken nach erhaltener Bastonade aus dem Dienste stieß! Um Das Maß des Unglücks voll zu machen, fehlt es im Judmviertel zu Rhodus an Trinkwasser, denn die paar sich dort befindenden Brunnen enthalten Salzwaffer, das nur zum Kochen und Waschen gebraucht werden kann; die Belagerten litten daher großen Durst, baten aber vergeblich nur um Wasser. Diesen einigermaßen zu beschwichtigen und um nicht das reine Salzwasser zu trinken, säuerten sie es mit Citronensaft; indeß stiegen die Citronen bei der großen Noth von 2 Para auf 30 Para das Stück. Der ärmere Lheil konnte sich also diese nicht kaufen, und so fand man, durch das genossene Salzwaffer von einem glühenden Durste verzehrt, Kinder und Greise halb verschmachtet auf den Gaffen und an den Ausgangsthoren liegen. Den vierten Tag dieser strengen Absperrung versammelten sich beim Pascha, wo die Consuln anwesend waren, der Mollah (Civilrichter) und die Häupter der mohammedanischen Religion, um in dieser traurigen Sache ein Urtheil zu fällen. Es wurden der Rabbiner, die vier Aeltesten der jüdischen Gemeinde und die Ankläger (zwei griechische Weiber und der Pope) allein eingeführt, ohne die übrigen Angeklagten. Der Pascha foderte die Kläger noch einmal auf, zu erklären, was sie von dem Raube des Kindes wissen. Ihre Erwiederung war, daß sie den Knaben in die Stadt hineingehen sahen mit einem Korbe Eier und einem indischen Hahn, und da er seit der Zeit nicht zum Vorschein gekommen sei, so vermutheten sie, daß die Juden ihn ermordet haben. Nach dieser Erklärung verlangte der Mollah, daß man die Thor- Hüter und die daselbst ausgestellten Mauthbeamten in ihrer Gegenwart verhöre. Nachdem die Klager den Thorbeamten den Knaben bezeichnet, Tag und Stunde angegeben, wo er mit einem Korbe Eier und einem indischen Hahn in die Stadt gegangen -und nicht wieder zurückgekehrt sein soll, erklärten sämmtliche Thor- und Mauthbeamten, daß ein solcher Knabe durch kein Thor in die Stadt gekommen sei. Nach diesen vielen sich widersprechenden Aussagen erklärten der Mollah und die Häupter der mohammedanischen Religion, daß bei bewandten Umständen, bei Mangel eines Verdachts, es keineswegs erwiesen sei, daß man der Klage Folge geben könne, die Juden augenblicklich in Freiheit gesetzt werden sollten, und nicht ferner mit Plackereien verfolgt werden dürften. Trotz diesem Ausspruche dauerte die Absperrung des Judenviertels fort, während welcher sich der Consul Winkelson zu einem Juden begab, und diesem mit der größten Scheinheiligkeit sagte: „Bittet Gott, daß er das Kind von neuem im Himmel schaffe und euch zusende, denn sonst seid ihr verloren, ein solches Wunder könnte euch allein retten, denn ermordet habt ihr den Knaben ja doch." Nachdem die Juden unter fortwährender Angst, Hunger, Durst und allen Plagen zwölf Lage in ihrem Viertel enrgegeschlossen waren, kam zufällig ein Muhasfll (Finanzdirektor und Generalintendant) von Kostantinopel nach Rhodus, um die gesammelten Steuern in Empfang zu nehmen. Da er die belagerte Judenstadt passiren mußte, erkundigte er sich nach dieser Maßregel, und da er solche erfuhr, äußerte er dem Pascha, daß es ungerecht sei, eine ganze Bevölkerung für vielleicht zwei angeblich Schuldige zu strafen. Als der Pascha darauf nicht hörte, schrieb er diesem, daß, wenn er nicht augenblicklich die Sperre aufhöbe, er sogleich darüber nach Konstantinopel berichten würde. Dies half, die Kavaffe wurde zurückgezogen, und die halb verhungerten Einwohner stürzten aus ihrem Viertel den Brunnen und den Bäckerladen zu, um nach zwölf Tagen ausgestandenen Elends sich an einem Stück Brot und einem Trunk Wasser zu laben; unterwegs wurden sie aber von den Christen, freilich nur Griechen, mit faulen Citronen geworfen. Jeder glaubte die Sache als abgemacht betrachten zu können, und die Juden dankten Gott für die Errettung aus Gefahr, Schmach und Elend, als am fünfzehnten Lage nach Aufhebung der Sperre der österreichische Consul Giuliani und der englische Consul Winkelson in mehre jüdische Kaufgewölbe traten und zu den Besitzern sagten, daß man es überdrüssig sei, zu warten, und daß, wenn bis morgen der Knabe sich nicht wieder fände, der Rabbiner an das Thor der Synagoge aufgeknüpft werden würde. Diese Aeußerungen verbreiteten neue Bestürzung unter dem unglücklichen Volke. Wirklich kamen am andern Morgen, der ein jüdischer Feiertag war, mehre Kavaffe und schleppten den Rabbiner sammt den vier jüdischen Aeltesten vor den Pascha, wo sich schon sämmtliche Consuln versammelt befanden. Es begann ein neues Verhör, nach welchem der Pascha den Bescheid gab, daß alle Nachsicht zu Ende sei, und sie jetzt nur zu gestehen hätten, was aus dem verschwundenen Kinde geworden sei. Der Rabbiner betheuerte von neuem seine und die Unschuld der ihm anvertrauten Gemeinde und berief sich auf den Urtheilsspruch des Mollah. Der englische Consul entgegnete: „Wie, du willst noch leugnen? Was geht uns das Urtheil des Mollah an, nachdem derselbe Fall in Damaskus vorgekommen, und es erwiesen ist, daß ihr nach den Vorschriften des Talmuds zu eurem Osterbrote Christenblut nöthig habt?" Die Antwort des Rabbiners war: „Es herrscht hier dieselbe Verleumdung wie zu Damaskus, wenn aber, wie du, Winkelson, sagst, der Talmud uns gebietet, Christenblut zu unserm Osterbrote zu nehmen, so sage mir auch, wo wir solches hernahmen, ehe an ein Christenthum zu denken war?" Auf diese Antwort war Niemand gefaßt, und anstatt der Erwiederung wurden sie sammtlich gegeißelt, und Jeder in ein abgesondertes Gefangniß geworfen. Der englische Consul drang in den Pascha, die Tortur und Marter von neuem anzuwenden, denn ohne diese würde man kein Geständnis erlangen. Juffuf-Pascha versprach solches, und nachdem die Consuln gegen Abend sich zurückgezogen hatten, begab er sich in den Hof seines Palastes, (wo zugleich die Gefängnisse sich befinden) und ließ den Rabbiner an den Plafond einer der Hallen folgendergestalt aufhängen: Es wurden demselben Stricke unter die Arme geschlungen, Brust und Unterleib hart zugeschnürt, und er so schwebend an einen Haken befestigt; als dies geschehen, wurden zwei Mangalen (große kupferne Kohlenpfannen), in denen man glühende Kohlen unterhielt, unter des Priesters Füße gestellt. So hing er die Nacht hindurch; am folgenden Lag ergötzten sich die unmenschlichen Consuln an diesem kannibalischen Schauspiele. Als der Rabbiner diese gewahr wurde, rief er: „Giuliani! österreichischer Consul! erbarme dich meiner, ich bin ja österreichischer Unterthan!" Die Mark und Bein durchdringende Antwort Giuliani's war: „Rabbi, worüber beklagst

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.