Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1840)
- Article
- Die Juden in Rhodus
- Date
- 1840-08-08
- Page
- 246 (sequence 2)
- Language
- German
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246 ein reicher Mann bekannt, das Geschäft in diesem Artikel sehr leicht allein an sich ziehen könnte. Vorzüglich eiferten der englische, schwedische und österreiche Consul dagegen; ersterer ging so weit, das Haus Davis' der Zolldesraudation zu verdächtigen, wodurch der Agent zu seiner Sicherheit sich gezwungen sah, durch Pinchcrle u. Comp, vom Haupt-Zollamte zu Smyrna ein Teskere (Paß oder Geleitsschein) lösen zu lassen, nach welchem die Waaren in Smyrna allein die Mauthgebühren zu zahlen hätten. Der englische Consul Winkelson, der schon einmal fallirte, wiederum bedeutende Summen vorzüglich an Juden schuldete und am Vorabende fälliger Wechsel sich befand, wüthete am meisten über die Vorsichtsmaßregel des jungen Agenten. Da er nun sah, daß diese erste Jntrigue, den Kaufmann Davis aus der Insel zu verdrängen, gescheitert war, schritt man zu einem weit abscheulicheren Mittel, durch welches eine zahlreiche Gemeinde in Trauer und Angst versetzt wurde. Durch die gemeinschaftliche Jntrigue der Consuln und des Pascha wurde die eben Aufsehen erregende Mordthat in Damaskus benutzt, um die Juden zu Rhodus eines beinahe ähnlichen Verbrechens zu beschuldigen. Es ist gezeigt worden, daß man den Juden Stambuli zu sagen zwang, er habe das angeblich von ihm geraubte Kind dem kürzlich von Smyrna gekommenen englischen Dragoman übergeben. Dies sollte bas einzige und beste Mittel sein, das jüdische Haus Davis in der Person seines Agenten, Elias Kalamiti, auf immer von der Insel zu vertreiben. Unglücklicherweise für einen, und glücklicherweise für den andern, war auch vor einigen Lagen David Mksrachi, dänischer Dragoman, von Smyrna nach Nhodus gekommen. Der gepeinigte und gemarterte Stambuli glaubte in seiner Angst, man meine diesen, und erklärte demnach, wie verlangt wurde, schriftlich, zwar nur in hebräischer Schrift, die er allein verstand, er habe das Kind an den Juden Lazarus Levi gegeben, um dem David Misrachi zugestellt zu werden. Nachdem er diese Erklärung dem Kiaja-Bei überreicht, wurde er ins Gefängniß zurückgeführt. Diese ganze Verhandlung geschah in der Nacht vom Freitage zum Sonnabend. Den Tag des Sabbats geschah nichts. Am Sonntag aber war der Kiaja- Bei und sämmtliche Consuln beim Pascha versammelt. Hier wurde man erst in Gegenwart des herbeigeschleppten Lazarus Levi beim Verhöre den Irrthum, die Verwechselung der Namen gewahr, als der Pascha diesen fragte: „Was ist mit dem Kinde geschehen, das dir Stambuli für den Dragnman David Misrachi übergeben." Der englische Consul Winkelson ließ den Stambuli holen und sagte in der größten Entrüstung zu diesem: „Unglücklicher, was hast du gethan; es ist dir gesagt worden, du sollest den englischen Dragoman Kalamiti bezeichnen, und nicht den dänischen Dragoman Misrachi nennen." Es war jetzt zu spat, einzulenken, überhaupt harte der Kiaja- Bei sowie die Consuln, die nicht Hebräisch konnten, die Unvorsichtigkeit begangen, die schriftliche Erklärung Stambuli's mehren Juden zu zeigen, die kaum den Namen Misrachi gelesen hatten, als sie ihn auch schon in der ganzen Gemeinde und der Stadt verbreiteten. Der Pascha selbst, der wobl wußte, daß es auf den englischen Dragoman abgesehen war, kannte doch seinen Namen so wenig, daß er glaubte, der geschriebene Name Misrachi sei der rechte. Die Inquisition mußte also fortgesetzt, und die beschlossene mußte um jeden Preis, wenn auch an Unschuldigen, ausgeübt werden. Nach der also an Lazarus Levi gerichteten Frage, was aus dem Misrachi übergebenen Kinde geworden sei, erwiederte dieser, daß er durchaus von diesem nichts wisse; darauf wurde Stambuli gefragt: „Ist dies der Mann, dem du das Kind gegeben?" Stambuli verneinte. Hierauf entgegnete der Pascha und der Consul Winkelson ganz außer sich: „Wie, du leugnest? und doch hast du deine Erklärung schriftlich gegeben?" „Ja, ich habe sie gezwungen gegeben, weil ich die Schmerzen der Tortur nicht länger ertragen konnte." Auf Befehl des Pascha wurde Beiden die Bastonade von neuem gegeben. Wahrend der Execution wurde der dänische Dragoman, David Misrachi, gerufen. Dieser, von der Sache unterrichtet, sagte beim Eintreten: „Ich weiß, was ihr wollt; ich bin ein schwacher Mann, ein ehrlicher Familienvater, und würde die Tortur nicht ertragen können. Ich gebe euch meine ganze kleine Habe und obendrein meine Frau, Kinder und Verwandte als Geisel, bis ihr mich überführen könnt, daß ich nur im geringsten bei dem vorgeblichen Verbrechen bethciligt bin." Auf diese Aeußerung erwiederte man nichts, sondern begnügte sich, ihn ins Gefangniß zu werfen. Die Sache hatte zu viel Aufsehen erregt, als daß man es hierbei hätte bewenden lassen sollen. Es wurden also drei andere Juden, mit Namen Moses Hassan, Israel Semaria und Bechor Pelosof, die am Tage des angeblichen Kinderraubes, durch das Dorf Trianda gehend, sich nach Nhodus begaben, vorgeführt. Wie bei den fcühern wurde auch an sie von dem Pascha und den Consuln die Frage gerichtet, was sie aus dem Knaben gemacht, dem sie vom Dorfe zur Stadt auf der Straße begegnet waren. Der armen Leute Staunen war groß; sie betheuerten gleichfalls, keinem Knaben begegnet zu sein. Auch sie mußten auf diese verneinende Antwort sich der furchtbaren Bastonnade unterwerfen und ohne Geständniß in den Kerker wandern, wo die Unglücklichen die ganze Nacht über auf das grausamste gepeinigt wurden. Nach dem Verhör und der Marterung dieser drei Juden wurde der Rabbiner Jakob Israel, ein österreichischer Unterthan, und die vier jüdischen Gemeindevorsteher hcrbeigeführt. Das Verhör begann damit: „Gestehet endlich, wo ihr das Christenkind gelassen, dessen Blut zu eurem Osterbrode verbraucht wurde?" (Hierbei waren der englische und schwedische Consul die Hauptinquisitoren.) „Wir wissen nichts von dem Kinde," war die Antwort; „überhaupt aber verlangt keins unserer Gesetze noch Religionsbücher ein derartiges grausames und unnatürliches Opfer, wie man uns beschuldigen möchte, und sind wir auch keineswegs eines solchen Verbrechens fähig; wir wären unwürdig, Gottes Kinder zu sein, wenn wir jetzt, nachdem der Hattischerif von Gulhane auch aus uns seinen Segen verbreiten soll, der Regierung durch unser Betragen den geringsten Anlaß zur Unzufriedenheit geben könnten. Erlaube uns vielmehr, dir, Iussuf-Pascha und gestrenger Herr die Quelle nennen zu dürfen, woher die Verleumdung kommt und warum man solche über unser Haupt sammelt; deine gesunde Vernunft wird dir dann sagen, welche von den jetzt hier Versammelten die Schuldigen sind." Als der Rabbiner weiter fortfahren wollte, unterbrach ihn der Consul Winkelson mit den Worten: „Schweige, wir haben dich nicht rusen lassen, um deine scheinbare Rechtfertigung oder weitläufige Explicationen anzuhörcn, sondern wir wollen mit kurzen Worten wissen, wo sich der griechische Knabe befindet." Nach ihrer Aeußerung, daß sie von einem Kinde nichts wüßten, wurden sie von den Consuln unter Mishandlungen und Schimpsreden mit den Worten aus dem Zimmer geworfen: „Geht einstweilen, ihr Judenhunde!" Der Pascha setzte hinzu: Merkt es euch, von euch Juden fordere ich den Knaben." Denselben Sonntag Abend, als man den Rabbiner und die Aeltesten zurückgeschickt hatte, ließ der Pascha auf Ansuchen der Consuln das Iudenviertel zu Rhodus von zehn Kavassen umringen, damit Niemand weder hinein noch heraus könne, um