Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1840)
- Article
- Vom Neckar: Besprechung des Artikels von Constanz ...
- Date
- 1840-07-25
- Page
- 228 (sequence 3)
- Language
- German
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228 Verhältnisse der Exilicten ihnen den Schachecgeist aufgezwängtden man zum Vorwände genommen, um ihnen alle andern Erwerbszweige, namentlich Ackerbau und Handwerk vorzuenthallen. Und die Erfahrung lehrt, wie sie sich bald in ihrem ursprünglichen Beruf wieder zurecht zu finden, Vorurtheil und Gewohnheit zu beschämen gewußt. Ihren Correspondenten aber hat nur seine Thesis auf einen Augenblick zu einer falschen Prämisse verleitet. Zweifeln Sie noch? Lesen Sie doch seine eigenen bald darauf folgenden Worte: „Kein Gewerbe, keine Kunst ist, die wir nicht geübt, keine Wissenschaft, in der wir nicht glanzende Vorbilder aufzuweisen hätten." Warum also, wo man selbst eines Bessern überzeugt ist, der Unwissenheit oder Bosheit das Schwert selbst in die Hände liefern? ■— Ein Gleiches gilt, wo Ihr Correspndent die Möglichkeit seiner Idee zu zeigen fortfährt: „Haben doch die Christen mitten durch feindliche, kriegsgeübte Völker den Weg über die Dardanellen sich zu bahnen gewußt; warum nicht wir, die wir nirgends Feinde haben?" Also alle Stammverschiedenheit, aller Haß auf einmal verschwunden? Etwa sobald wir fortziehen?... „Kein Pharao wird unsre Wallfahrt hindern!" Waren denn die Israeliten Egyptens gehaßter? oder waren sie nützlicher als wir unfern Staaten zu sein und bei erweitertem Wirkungskreis - noch nützlicher zu werden uns schmeicheln?... Daß civilisirte Israeliten für Mehemed Ali-oder den Sultan bessere Unterthanen, für Syrien bessere Einwohner, für den umgebenden Orient und Occident bessere Nachbarn waren, als es die jetzigen sind, wollen wir Ihrem Correspondenten nicht abstreiten; daß es der Humanität und der Politik der europäischen Mächte eben so genehm sein dürfte, wollen wir ihm eben so gern zugestehen. Andrerseits schätzen und würdigen wir seine Begeisterung und Vorliebe für das gelobte Land unsrer Väter. Haben wir doch im verflossenen Jahre öffentlich eine Stimme vernommen, welche die Potentaten Europas zu einem Kreuzzuge, zu einer kriegerischen Expedition aufrief, um die Stätte des einstigen Waltens des Begründers christlicher Religion ihren Bekennern zu unterwerfen; warum sollte nicht auch einmal einem Juden die Idee einer friedlichen Ansiedelung im Lande, das seine Vorfahren einst beherrscht, unter dem Schutze seines rechtmäßigen Oberherrn und der Bürgschaft der civilisirten Macht, eben so gut in den Sinn kommen dürfen? Allein es mag dem einzelnen Juden — dem innere Verhältnisse seines Vaterlandes, oder- Deränderungsliebe, Hoffnung auf Verbesserung seines Zustandes oder Vorliebe für ein anderes zum Wechsel verleiten — eben so gut. wie jedem andern Religionsbekenner frei stehen, nach dem bestehenden Gesetze seines Vaterlandes dieß auf immer zu verlassen, und sich eben so gut von Palästina wie von.Nordamerika oder einem andern Staate aufnehmen zu lassen. Und glaubt er dort für den hohen Beruf des Judenthums Menschlichkeit und Gesittung auf friedliche Weise, namentlich durch das eigene Beispiel unter seinen eigenen Glaubensgenossen zu verbreiten, mehr Veranlassung zu finden, so würde man es ihm mit Unrecht mißgönnen, sich auf solche Weise neben den Umtrieben fanatischer Bekehrer und'Gewalttätigkeiten roher Haufen bemerkbar zu machen, und durch eigne Humanität bei der herrschenden Macht eine Wehr gegen die Unbill jener zu finden. Mit einem Worte: die Auswanderung des Einzelnen nach Palästina ist etwas Gleichgültiges, aber die Bestrebung, seine jüdischen Bewohner zu civilisiren, gewiß eben so rechtmäßig als tobenswerth, und geschieht besser durch Errichtung von Fabriken und Beförderung der Handwerke, als durch die reichlich dahin fließenden Almosen, die dm heimischen Armen entzogen, dort meist nur dem in Religiosität maskirten Müßiggänge zu Theil werden. Noch immer vernehmen wir Klagen über diesen Mißstand, obschon bereits vor zwei Jahren der deutsche Ansiedler Sachs Europa bereiste, und Behufs eines betreffenden Vereins blos vorläufige Substription eines später abzuliefernden Beitrags aufzunehmen. *) Woran dieser Versuch gescheitert sei, überlassen wir dem Urtheil des näher unterrichteten Lehrens. Andrerseits fordern die neuesten Vorgänge zu Damask gewiß jeden nur menschlich suhlenden noch mehr denjenigen Juden auf, in dem das Interesse für die erhaltenen Reste unsrer einstigen Größe noch nicht ganz erstorben, den jüdischen Bewohnern jener Staaten eine nothwendige bessere Garantie für ihren bürgerlichen Bestand, ihr Vermögen, ja für ihr Leben herbeizusühren. Aber wir sind der Meinung, daß die Lösung dieser Ausgabe nur aus der frühem innerlich hervorgehn müsse. Und die Versuche, welche bekanntlich dazu begonnen worden, scheinen dies zu bestätigen. —- Die letzten Worte des Hrn. Corcefpondenten wären es aber namentlich, oder besser ausschließend, denen wir aus vielseitigen Gründen scharf entgegentreten müßten, so wir nicht glaubten, daß er von einer lebhaften Phantasie zu weit verleitet, mehr gesagt als gewollt habe. „Schaare dich um Führer; hast du ernstlich den Willen, so wird ein Moses nicht fehlen." Wir wollen es versuchen, aus diesen Worten diejenige Idee hervorzuheben, von der wir glauben müssen, daß sie dem Verfasser einzig und allein vorgeschwebt habe. — Es ist bekannt, daß aus vielen Staaten Europas, namentlich aus unfern Gegenden jährlich eine bedeutende Zahl von Auswanderern, meist Handwerker und Künstler sich nach Amerika begeben, um dort eine Existenz zu gewinnen, die ihnen das Vaterland bis jetzt noch versagt, und die sie auch dort nicht immer finden. Wenn sich nun unter der Leitung eines hochgestellten einflußreichen Mannes *) Einen Bericht darüber enthielt damals die A'. Z. d. I.