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Der Orient · 1840-06-06 · Heft 23 (6.6.1840) · p. 176

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Journal
Der Orient
Volume
1 (1840)
Issue
Heft 23 (6.6.1840)
Article
Damaskus: Europäisierung der jüdischen Blutfrage ...
Date
1840-06-06
Page
176 (sequence 4)
Language
German
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176 der getödtet und in der Nähe ihrer Wohnungen versteckt wurden. Denn also wurde Anklage und Beweis zu wiederholten Malen versucht. Wer hatte geglaubt, daß dergleichen Gräulichkeit auch im 19. Jahrhunderte wieder aufgetischt werden könnte! Im Orient ist es freilich geschehen, der keinen Theil hat an der aufgeklärten Wissenschaftlichkeit Europas; aber europäische, deutsche Gelehrte stellen sich noch dazu an, als ob solcher Gräuel im Judenthum wo.hl möglich sei! im Judenthume, das euere Wissenschaft bis auf alle Falten kennt, dem ihr eine Vaterschaft euerer Religion zugestehet, dem wir ein strenges Moralgesetz in aller Lebensfrage des Menschenthums zugestehen müssen! Gibt denn wol etwa der Talmud einem gründlichen Kenner irgend haltbaren Anlaß zum Glauben an solchen Gräuel? In dem Talmud jetziger Zeit, in dessen zwölf Folianten ist des Christenthums und eines Christen mit keinem Wort erwähnt. Eine Sammlung der Stellen selbst, die sich in alten Exemplaren finden sollen, und die kritisch für unecht erklärt sind, selbst eine Sammlung der bedenklichsten Stellen, bedenklich in jeder Bedeutung dieses Wortes, enthält nicht ein Jota von jenem gräulichen Anklagepunkte. Das Wort: „Kutäer" — Kuti — für welches der Orientalist von der Saale alle bedenklichen Stellen beibcingt und was er leichten Sinnes „Christ" übersetzt, bedeutet „Samaritaner", bedeutet dem Juden nie und nirgend „Christ"; es werden alle Orientalisten aufgefodert, ob sie eine andere Bedeutung jenes Wortes nachzuweisen im Stande sind; Gesmius selbst übersetzt es in seinem Wörterbuche „Samaritaner". Wenn einmal ein gefolterter Jude dieses Wort für die Bezeichnung „Christ" angenommen — wovon keine Thatsache vorliegt, aber mit orientalischer Justiz vielleicht zu beschaffen wäre — wenn ein Christ es willkürlich so deutet, wer kann gegen solche Willkür? Jüdische Bedeutung des Wortes ist und wird es nicht. Von. den übersetzt sein sollenden Stellen in dem Schreiben aus Beirut, welche die Blutgier des Talmud darthun sollen, und an welche der Orientalist von der Saale seine bedenkliche Stellen knüpft, von diesen hat er bereits selbst zugestanden, sie seien nicht wörtlich übersetzt. Ich aber sage ihm, daß von jenen Stetten im ganzen Talmud keine Spur vorhanden ist. Won den eignen Stellen, welche jener Orientalist c'ttirt, ist nicht viel Besseres zu sagen. Sie sind entweder falsch übersetzt, oder falsch gedeutet. So sott es im Tractat Jebamot heißen: „Die Christen sind Bestien." Davon steht im ganzen Tcattate kein Wort, es wird im ganzen Tractate keines Christen gedacht. Im Sanhedcin soll stehen: „Auch den besten der Gojim sollst du todten!" Aber dort wird ebenfalls keines Christen gedacht, und die dem mosaischen Gesetze stracks zuwiderlaufende Phrase ist unrichtig übersetzt, wie der Orientalist aus Tosefot daselbst ersehen kann. Maimonides soll ferner in dem „Jad-Chasaka" Wucher an Christen erlaubt haben, aber für das Wort „Wucher" gibt es in dem vierbändigen Jad-Chasaka nicht einmal ein Wort. So sind überhaupt die Berufungen des Orientalisten auf Maimonides und ebenso auf Raschi, der in der Kreuzzugsperiode, einer schrecklichen Zeit für die Juden, lebte, wo sie durch fanatische Mißhandlungen innerlichst aufgeregt sein mußten — sie sind als Berufungen auf unzweifelhafte Autoritäten durchaus schief. Weder Raschi noch Maimonides können als Individuen den Aussprüchen des Talmud ihre Auslegungen gültig einverleiben, wenn der einfache Wortverstand nichts davon weiß. Noch mehr des Schiefen: der ganze Talmud ist nicht das, wofür ihn jener Orientalist ausgibt, er ist kein fanctioairtes Buch, er ist keine Ergänzung des Gesetzes, er ist eine Erklärung des Gesetzes, die nach jedem Geschlecht ändert und wechselt. Der Pentateuch allein ist festes Judengesetz; selbst die Propheten werden nur als Tradition betrachtet. Wie leicht eine Jahrtausend lange Werfolgungszeit in ein wandelndes Buch Grundsätze des Hasses bringen, wie man mit genauerer Kenntniß als der jenes Orientalisten aus solchem Buche Gehässiges commentiren könnte, liegt unter solcher Beschaffenheit des Buches am Tag. Aber zweierlei Hindernisse der Verdächtigung werden dabei immer zum Schutze der Juden bestehen, wenn der prüfende Richter gerecht ist: erstens darf der Talmud kein neues Gesetz geben, zweitens widerspricht sein Gesammtsi'nn aller bedenklichen Einzelheit, er ist ein aus moralische Welt dringendes Buch, leidenschaftliche Stellen, wenn sie Vorkommen — und sie wären jedenfalls an Anzahl sehr gering — könnten nur eine specielle Beziehung haben, die ihnen ihr Gift nähme, und sie könnten vor den hundert ihnen widersprechenden Sätzen, könnten vor dem Gesammtsi'nne nicht bestehen. Die Werthschätzung anderer Völker wird tausend Mal im Talmud und bei den Rabbinen, ausgesprochen, und nur dem Fanatismus und dem Hasse wird man nie es beweisen können. In dem Talmud (Megilla 16 S. 1) heißt es wörtlich: „Jeder, welcher ein weises Wort spricht, sei es auch ein Heide, verdient ein Chacham oder Weiser genannt zu werden", denn in Bezug auf Weisheit ist kein Unterschied des Glaubens anerkannt. In demselben verschrieenen Talmud (Sanhedrln 59 S. 1) kommt sogar der merkwüdige Ausspruch vor: „Ern Goj, d. i. ein Nichtjuve, der sich mit dem Bibelglauben beschäftigt, ist dem hohen Priester gleich, denn der Bibelglaube ist für alle Welt." Ferner heißt es bei den Talmudisten (Sifca c. Achere s. 13): „Die Schrift sagt: Oeffnet die Pforten, auf daß ein gerechtes Volk einziehe (Jes. 26, 2), nicht heißt es, daß Priester, Lewiten oder blos Israeliten einziehen mögen, sondern ein gerechtes Volk, ohne Bezug auf Juden". Daselbst: „Es heißt in der Schrift: Jubelt ihr Frommen dem Jehova (Ps. 33, 1), nicht Hlos.Priester, auch nicht blos Juden werden unter Frommen verstanden,

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