Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1840)
- Article
- Damaskus: Europäisierung der jüdischen Blutfrage ...
- Date
- 1840-06-06
- Page
- 175 (sequence 3)
- Language
- German
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175 den möchte, während dafür, daß einzelne Juden ein ifolirtes Verbrechen begangen haben, Manches zu sprechen scheint, wenn auch der Beweggrund zur That noch einRathselist, Als Widerlegung der Anklage aus dem Talmud möge hier wiederholt werden, was ich in der L. A. Z. unter der Überschrift: „die Blutsrage des Judenthums" gegeben, mit einiger Ergänzung des dort weggelassenen und Verbesserung des dort Verstümmelten. Auch die absurdeste Behauptungmuß mitAufm erksamkeit u. Gründlichkeit widerlegt werden, denn Unkraut wachst wie gutes Kraut; an der jüdischen Blutfrage, welche jetztdie Zeitungen füllt, sehen wir mit Schrecken, daß selbst unterrichtete Leute von den Absurditäten der Tradition befangen sind. Ein orientalistischer Gelehrter von der Saale gibt in Beilage Nr. 141 der Leipziger Allgemeinen Zeitung sein Votum dahin ab, daß den Grundsätzen des Talmud jener abscheuliche Blutgebrauch nicht so fremd sei, daß wenigstens die frevelhafteste Feindseligkeit gegen Christen im Sinne des Talmud liege. Dieser Gelehrte kennt also das Judenthum heute noch nicht, oder das absurde Traditiouswesen verblendet ihm die Einsicht. Der Talmud nämlich hat nicht solchen Sinn, ja er hat nicht einmal solche Worte, auch wo er wie jedes Religionsbuch polemisirt. Die einigermaßen richtige Exegese wenigstens zeigt ohne Mühe, daß die heftigsten Worte des Talmud, eines tausendfach zusammengetragenen Buches, vereinzelte Worte des Zornes sind, welche, entweder von dem durchgehenden Gegentheile, von dem durchgehenden reinen Moralgesttz erdrückt werden, oder welche einen ganzandern, particularen Sinn und mit den Christen gar nichts zu schaffen haben. Fasten wir zuerst jene Blutfrage und den Talmud selbst ins Auge, die unzulängliche Ansicht jenes Gelehrten wird dann von selbst in zweiter Linie hervorcreten. Die entsetzliche Beschuldigung ist bekanntlich: der Jude brauche zur Bereitung des Osterbrotes Christenblut! Wie oft ist gespottet worden über die pedantische Delicateste des Judenthumes in Betreff alles Blutes; wie allgemein bekannt ist, daß es ein gesetzlich mosaischer Grundgedanke, im Blute sei das Leben; aller Genuß von Blut verunreinige den Menschen! Und grade hierauf, wo das befeindete Judenthum am geschütztesten erscheint, gerade hierauf, ganz auf Absurdes wirst sich die Beschuldigung! Nicht eine Spur von solchem Brauche, nicht eine Andeutung von nur etwas Aehnlickem findet sich im talmudischen, findet sich in irgend einem rabbinischen Werke. Aller Judensinn, alles Judenthum ist der baare, ist der unmittelbare Gegensatz davon. Sogar nie ein Apostat des Judenthums, nicht der judenfeindlichste, der Alles that, um die Juden zu vernichten, nicht ein solcher selbst hat jene Beschuldigung gewagt. Sogar Josua Lorki, der spater unter dem Namen Hieronymo de Santa Fe bekannt wurde, der den Scheiterhaufen für alle Juden verlangte, sogar dieser gesteht, als ihn der Papst nach dieser Blutbeschuldigung fragt, er gesteht, daß diese Beschuldigung falsch sei. Man kann dies in Gentius' „Geschichte der Juden" Nachlesen. Auch die judenfeindlichen Gelehrten christlichen Glaubens, Wagenseil, Eisenmenger, Schudt, Wolf gestehen ein, daß sie nie einen Buchstaben davon in einem hebräischen Werke gelesen haben. Als, grade vor 200 Jahren, Manaffe, einer der edelsten Juden, 1640 bei Cromwell für die Juden petitionirte, schwor er, ein reiner, frommer Mann, den höchsten jüdischen Eid zur Bekräftigung, daß jene Anklage eine infame Absurdität sei; er rief alle Flüche des Deuteronoms auf sich herab, er wollte nie den Segen und Trost Zions sehen noch an der Auferstehung der Todten Theil nehmen, wenn jene Beschuldigung wahr sei. Und Moses Mendelssohn, Lessing's Freund, den wir Alle verehren, er sagte bei dieser Gelegenheit: „Den schrecklichen Reinigungseid, den Manaffe in seinem und in ganz Israelis Namen geleistet, ich wiederhole ihn heute mit reinem Gewissen. Und ich beschwöre heute alle Juden, die auf dem Umkreise der Erde zerstreut sind —■ in unfern Schulen, in unfern Lectionen, in unfern Büchern, in unfern Schriften, in den Worten der Greise, in den Ergießungen der Jugend, in den Ueberlegungen des reifern Alters, im Gesetze Moses, dem Text und den Commentaren, im Talmud, in den Erinnerungen, die für das jüdische Volk bis zur Schöpfung des Universums hinaufreichen, haben wir dort irgend etwas gelesen, erfahren, wahrgenommen, was mit der wilden, barbarischen Vorschrift 2lehnlichkeit hatte! Wie kann aber die Beschuldigung entstanden sein? Gegen die Christen ist sie entstanden. Die Einsetzungsworte des Abendmahls: „Nehmet hin, und esset: dies ist mein Leib — nehmet hin und trinket: dies ist mein Blut", waren den Heiden Anhalt für solche gräuliche Beschuldigung. Justin der Märtyrer, Eusebius, Tectullian, die Kirchenväter also selbst erzählen, daß die ersten Christen von den Heiden beschuldigt worden seien, Menschenblut fürs Osterfest zu brauchen. Eine gnostische Christensekte, welche einen Blutstropfen in die Hostie gemischt habe, wird angeführt als noch sinnlichere Veranlassung. Ein katholischer Priester unter Alfons X. in Spanien erhob zuerst, so viel uns bekannt 1250, diese Beschuldigung gegen die Juden, verlegte die heidnische Verleumdung der Abendmahlsfeier auf die Feier des jüdischen Osterfestes. Aber schon König Alfons war so erleuchtet, es eine verrückte Beschuldigung zu nennen. Trotz dem und trotz der entschlossenen Vertheidigung, die ein Pater Thomas schon damals übernahm, erhielt die Anklage im Mittelalter ein schreckliches Leben, als treue Begleiterin des Hexenprocesses. Ein Schibolet des Hasses braucht man ja allerwege, und gegen die fremdartige, ungeliebte Welt des Judenthums war das schreiendste auch das willkommenste. Die armen Juden in Polen feierten oft ihr Osterfest unter todtlicher Sorge; sie mußten pemlichsi Wache halten, daß nicht unwillkommene Kkn- 23*