Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1840
- Issue
- 20 (16.5.1840)
- Article
- Ueber das Princip der jüdischen Ehe
- Date
- 1840-05-16
- Page
- 310 (sequence 3)
- Language
- German
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311 312 Weber das Princip der jüdischen Ehe von I. A. Frankel aus Stolpe». geschieht dort mit keinem Worte Erwähnung. Mit Michaelis s) aber übereinzustimmen, der diese kinderlose Frau als Sache, als Erbgut, von dem verstorbenen Manne dem nächsten Verwandten hinterlaffen, nach dem mosaischen Rechte betrachtet, und in diesem Leviratsgesetze, ein Moment der Polyandrie zu finden wähnt, kam uns nimmer in den Sinn. — War die Eheverbindung nur ein Kauf, nicht die Trägerin eines höher», geistigen Elements, warum durfte der Mann sich nicht zwei Schwestern, kaufen? Warum .konnte er nicht die von ihm geschiedene Frau, welche einen Andern geheirathet hatte, nach dem Tode des zweiten Mannes wieder zurücknehmen oder nochmals erkaufen? Warum endlich sind so viele Ehen verboten? Dann, wenn die Frau wie eine Sklavin gekauft wurde, und einen so niedrigen Standpunkt in der menschlichen Gesellschaft einnahm, warum wurde dem Besitzer gestattet, die Sklavin wieder zu verkaufen, nicht aber die Frau? Denn wir wissen aus Deut. 21, 14 nfl^ H3 nSÖH *5 DK N'Nl nrrop “m* nnn ro “lajinn *6 *p:a nrpDn ib -m, daß der Krieger nicht einmal die Kriegsgefangene, welche er geheirathet hat, geschweige denn eine ebenbürtige Frau verkaufen durfte. Warum wurde die Frau nicht frei im siebenten (IWfctö') oder im fünfzigsten (lyp) Jahre, wie der Knecht oder die Magd (Exod. 21, 2. Levit. 25, 40 u. 41. Deut. 15/12)? Warum soll der Mann der Gattin einen Scheidebrief (Piirro 1DD) geben, und sie nicht fortschicken können, wie eine Magd (Deut. 24, 1.)? Warum endlich konnte er nur. durch einen triftigen Grund, wenn sie nämlich unkeusch war '"CH rmy HD KW und nicht nach seinem Belieben, willkürlich die Frau entlassen? — Schon aus der Rede Gottes (Gen. 2, 18): „Nicht gut ist, daß der Mensch allein sei, ich will ihm eine Stütze machen vor ihm," aus der Erzählung (Gen. 2, 21 — 26), daß die Frau aus dem Manne geschaffen, gleichsam sein zweites Ich bildet, und endlich aus den Worten: „Darum verlasse der Mann seinen Vater und seine Mutter, und hange an seinem Weibe, auf daß sie Ein Fleisch seien" erkennen wir die der Ehe zu Grunde liegende Idee, eine Idee, welche noch in unstrm Jahrhundert nicht schärfer gefaßt auftritt und auftrcten kann. So bekundet das häusliche Leben der Patriarchen, das Leben des sonst kühnen Abrahams mit der im Hause gewaltig herrschenden, die Magd Hagar sammt deren Sohn Jsmael vertreibenden Sara 5 6), das Leben Isaaks mit Rebeka, seiner einzigen Frau, wie das Leben vieler Anführer und Propheten in Israel, so bekunden mehrere ausgezeichnete und berühmt gewordene Frauen, als: Debora, die weise Frau in Samuel 2, Cap. 14, 2,.eine andere in demselben Buche Cap. 20, 16, Chulda (2. Könige 22, 14; 2' Chr. 34, 22), Ester und Judit, wie endlich die 5) Mosaisches Recht Th. 2 §. 98. Commeationibus societati Regiae Scientarnm Goefctingensi per annos 1758 — 68 obiatis No. 10. 6) In Berachot 13 a wird Sara's Obergewalt mit ihrem Namen identisicirt. * poetischen Ergüsse im hohen Liede Salomonis und die Lobsprüche auf ein biedres Weib in den Proverbien, das Alles bekundet die höhere Stellung der Frau und die Hochachtung, die man dem zweiten Geschlechte im vollsten Maaße spendete bei den alten Hebräern. Ferner aus Num. 36, 6, wo den Töchtern Selofchad's mit diesen Worten D>t50^> DiTO’tyaus ihrem Stamme zu heirathen erlaubt wird, kann man erkennen, daß die Ehe gewöhnlich nicht durch Handel, sondern durch Liebe zu Stande kam; denn war auch der Vater dieser > Mädchen todt, so hätten' doch die nächsten Verwandten 7) sie! verkaufen, und den Kaufpreis empfangen können; allein Mose spricht im Namen des Herrn: „Sie sollen Weiber werden der Männer, die ihnen gefallen." — Doch wozu disputiren wir über die Art und Weise, über die Idee der Ehe, da so viele geschlossene und in der Bibel beschriebene Ehen die Wahrheit uns lehren! Schon Gen. 24, 5 antwortete der Diener Elieser seinem Gebieter Abraham: rOKD *6 nKin pND nnK rop, des Mädchens Wille isi: also nicht ein eitler Wahn, ein vergeblicher Wunsch, sondern hat eine gewisse Kraft; die Jungfrau wird nicht verkauft; denn eines An- oder Verkaufes wird dort mit keiner Sylbe erwähnt, wenn nicht etwa gar die Pretiosen, welche der Diener den Verwandten der Braut aus freiem Witten oder auf Befehl seines Gebieters gab, für einen Kaufpreis gehalten werden. In demselben Buche, Cap. 29 V. 17 u. 18, wird erzählt, daß Rahel ob der Schönheit ihres Leibes von Jakob geliebt und zur Gattin gewählt wurde, also Liebe war die Vermittlerin dieses Ehebündnisses. Denn, obgleich Jakob vierzehn Jahre um Lea und Rahel diente, so erkennen wir dennoch, daß es nicht allgemeine Sitte war, durch Geld oder Dienst ein Mädchen sich zu erwerben, aus der Klage dieser beiden Frauen über ihren Vater Laban, indem sie ausrufen: Gen. 31,15. lrDD O 'ÜDßTD Kbn. — So spricht der voo Liebe entflammte Simson zu seinem die Ehe mit einer Filistaer- Tochter nicht billigenden Vater: Richter 14, 3. ftp nrilfr ’O'ijD WD *0/ und die Eltern mußten dem liebenden Helden, trotz des Abscheus gegen die Filistaer, nachgeben. Thöricht ist's demnach die Liebe aus dem Judenthume verbannen und dafür das leidige Geld oder den prosaischen Kauf einsetzen zu wollen; thörichter jedoch von den Anklägern des Iudenthums, daß sie die Behauptung nicht aufstettten, auch der Jüngling oder Mann wäre von seinem Vater verkauft worden, zu welcher Erzählung diese Behauptung von Simson, wie die von Isaak und mehrere andere, als treffliche Beweise dienen könnten. — Aus dem ereignißvollen Leben Davids kann dreimal das wahre Moment der Ehe erwiesen werden, wobei zugleich die biblische Darstellung in ihrer mit Genauigkeit verbundenen Einfachheit erkannt wird. Im 1. Buche Samuelis 16, 13 und 17, 42 werden Davids schöne Augen, 7) Man vergleiche in ^Betreff der Verwandten: Num. 26 V. 29—34; Cap. 27 V. 1; Cap. 36 V. 4 mit der etwas dunkeln Stelle in der Chronik 1, Cap. 7, V. 14—20.