Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1840)
- Article
- Damaskus: über die mittelalterliche Blutbeschuldigung
- Date
- 1840-04-25
- Page
- 126 (sequence 2)
- Language
- German
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126 zehnten Jahrhundert zu den Moslemen! Und haben denn die Juden zu Damaskus nicht die That eingestanden? Freilich haben sie auf der Tortur die blutige That eingestanden, auch die Hexen in den frühern Jahrhunderten haben auf der Folter die grausenhaftesten Verbrechen eingestanden! Wem fallt bei diesem Argument nicht die Erzählung in dem Werke Manasse ben Israels, genannt „Die Rettung der Juden" (S. 18), von dem christlichen Arzte ein? Die Leser des Orients werden es wir. verzeihen, wenn ich sie herstelle. Ein als Christ geborener Arzt, der bei einem Herzog in Portugal als Leibarzt angestellt war, wurde von seinen Feinden öffentlich des Judaismus angeklagt; nach damaliger Sitte wurde der Arzt auf die Folter gebracht, wo er unter schrecklichen Qualen gestand, daß er eigentlich ein Jude sei. Als solcher wurde er hingerichtec. Nur müßte man mit den heutigen Richtern in Damaskus so verfahren, wie der Herzog damals mit dem Richter des unschuldigen Arztes. Er ließ nämlich den Richter zu sich bescheiden und so lange mit eisernen Zangen zwicken,, bis er ungezwungen eingestand, daß er ein Jude sei, und dieses Gestandniß noch durch Unterschrift und Siegel bekräftigte. Möge hier noch die treffliche Apologie Cremieux's in der Leipziger Allg. Zeitung wörtlich stehen. „Seit längerer Zeit schon wurde wiederholt aus Kleinasten berichtet, daß zu Damaskus von jüdischen Einwohnern ein scheußliches Verbrechen begangen sei. Wie alle Journale, in deren Mittheilungen die Geschichte der Welt durch jede Entwickelung sortschreitet, hatten auch wir der Pflicht genügen muffen, was in der ganzen Levante alle Gemüther auftegt, nach den darüber vorliegenden Angaben zu berichten. Für die gebildeten Leser dieses Blattes bedurfte es keines Beweises, daß ein Verbrechen, was in einem barbarischen Lande von einzelnen Individuen begangen sein sollte, selbst wenn diese Beschuldigung sich als wahr erwiesen hätte, doch niemals einem ganzen Volksstamm auf einer durchaus verschiedenen Bildungsstufe angecechnet werden könne. Auch trugen wir Sorge, trotz allen Zeugnissen, die von den verschiedensten Seiten und wiederholt sich vereinigten, das Unglaubliche in den Behauptungen hervorzuheben. Die Judenschaft in Leipzig beeilte sich, dem Publicum zu versichern, daß nach ihren Religionsgesetzen eine ähnliche Handlung völlig unmöglich sei. Gleiche Schritte sind auch in andern Städten geschehen. Der Oberrabbiner von Marseille, wo vorzugsweise umständliche Berichte erschienen waren, hat an die Journale dieser Stadt ein Schreiben gerichtet, das fast Dasselbe enthält, was die leipziger Judenschaft erklärte. Ausgezeichnet ist aber eine Darstellung, die der berühmte Advocat Cremieux in Paris, als Viceprasident des Centralconsistoriums für die Israeliten in Frankreich, dem Journal des Debats übersendet, das jene Nachrichten ' natürlich ebenso mitgetheilt hatte wie wir. Die Wichtigkeit dieser Angelegenheit, das Interesse, was sie erregt und die überzeugende Darlegung des französischen Israeliten machen eine vollständige Mittheilung seiner Gründe zur Pflicht, wobei jedoch nicht unbemerkt bleiben darf, daß schon das pariser Blatt verschiedene Ausdrücke, in denen ein durch unbegründete Beschuldigungen empörtes Gefühl sich zu ähnlichen Insinuationen gegen Andersglaübende Hinreißen ließ, ausgelassen oder gemildert hat. Demgemäß lautet das Schreiben jetzt so: „Paris, 7. April 1840. Mein Herr! Allerdings haben in Frankreich, zu Paris, die Blätter, welche den Ideen des Fortschrittes und des Liberalismus am meisten huldigen, ebensowol wie die Blätter, deren politische und religiöse Meinungen am meisten hinter unserer Zeit zurückgeblieben-- sind, ohne Widerlegung, mit einer beklagenswerthen Eile, die absurden und monströsen Details aus Alexandrien und Beirut über den Mord des Paters Thomas und seines Bedienten ausgenommen. Im Namen Ihrer israelitischen Mitbürger, im Namen aller Israeliten der Welt, die in Masse protestiren werden, vorzugsweise aber im Namen jener Israeliten in Damaskus, gegen die vielleicht in diesem Augenblicke das furchtbare Richtschwert geschwungen wird, lassen Sie mich Allen das jüdische Gesetz in Erinnerung bringen, lassen Sie mich einige Erinnerungen der Vergangenheit ins Gedachtniß zurückruftn, die selbst in unserm Frankreich durch solche Artikel, wie wir sie seit einigen Tagen lesen, bald wieder heraufbeschworen würde. —Vor Allem, worin besteht die Thatsache, weswegen man die jüdische Religion mit so vielen Beleidigungen überschüttet? „In Damaskus ist an einem Priester und an dessen Bedienten ein Mord begangen. „Sieben der reichsten Juden", werken Sie wohl, der reichsten Juden, meinem Zeitpunkte, wo Vermögensconsiscationen die verschuldeten Finanzen des Vicekönigs vortrefflich in Ordnung bringen könnten, „der angesehensten Juden" unter einer jüdischen Bevölkerung von fast 30,000 Seelen, haben sich durch einen Diener und einen Barbier helfen lassen, haben dem christlichen Priester elenderweise dm Hals abgeschnitten, haben in einem Gefäße sein Blut ausgefangen, das sie nöthig hatten, um die religiöse Feier ihrer Ostern zu begehen, um das ungesäuerte Brot damit zu kneten. Den Leichnam haben sie zerfetzt, den Kopf des Schlachtopfers in einem Mörser zerstampft, die Stücke, die Ueberreste dieses Unglücklichen in Sacke gesteckt und diese in die „Gosse ihres Viertels" geworfen. Alle diese scheußlichen Details, sieben Angeklagte haben sie auf der Folter gestanden; blos zwei, die beiden Rabbiner, haben kein Gestandniß abgelegt. — Diese traurige Erzählung, ist es eine Geschichte oder ein Märchen? Da man das glückliche Einschreiten des französischen Consuls dabei erwähnt, hatte ich die Ehre, sogleich an den Hrn. Minister der auswärtigen Angelegenheiten zu schreiben, um anzuftagcn, ob vielleicht ein ofsicieller Bericht diesen