Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1840)
- Article
- Damaskus: über die mittelalterliche Blutbeschuldigung
- Date
- 1840-04-25
- Page
- 125 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2360092-2360093-2360111-2362355--0415-2362383- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Berichte, Studien und Kritiken für Das Abonnement für ein Jahr ist 6 Thlr. Man abonnirt bei allen löbl. Postämtern und allen soliden Buckhandlungen auf ein Lahr. jüdische Geschichte und Literatur Herausgegeben von I>r. Julius Fürst. Von dieser Zeitschrift erscheinen wöchentlich, das Literaturblatt mitgerechnet, zwei Bogen, und zwar an jedem Samstag regelmäßig. IV» Leipzig, den 25. April. 1840. Orient. Damaskus (ö6. die mittelalterliche Blutbeschuldkgung. Historisches darüber. Cremieux darüber). Türkei (Berichtigung dieser Beschuldigung). — D e u tschland (C a sse l. Verfall der relig. Zustande. Die mißlungene Wahl nach zehn Jahren; Leipzig, Fortsetzung über den Zustand der Juden in Sachsen). — Ungarn (Pesth, Schilderung jüdischer - ungarischer Zustande. Preß bürg, die Emancipation). — Literaturblatt des Orients. Orient. Damaskus. Schon in Nr. 14. des Orients habe ich die mittelalterliche Beschuldigung, welche französische Blätter, angeblich aus Beyrut, brachten, ohne Glosse und Apologie mitgetheilt, da die Fremdartigkeit und Absurdität des Gegenstandes durchaus nicht vermurhen ließen, daß diese Anklage die Runde durch alle deutsche und französische Zeitungen machen werde. Jndeß der Heißhunger der Journale hat auch dieft Speise nicht verschont; auch dieses mittelalterliche Erbstück scheint wie so viele Ausgeburten der Finsterniß ohne ordentliche Bestattung ruhlos und unvergänglich gespenstisch umherzuirren. So möge den auch diesem grauenhaften Aberglauben, um den schon Tausende unschuldig gebüßt, um den schon Tausende gefoltert und geopfert wurden, hier ein Leichenstein gesetzt und eine Bestattunasrede gehalten werden. Der schauerliche Glaube an Hexen und Teufel hat Tausende in die Gluthen des Scheiterhaufens gesandt, der Wahn an Brunnenvergiftungen hat den Ledensbrunnen von Tausenden vergiftet, denn auch der Wahn und der Aberglaube will eine Sühne; mögen die Geopferten zu Damaskus die letzten sein! Es ist vielleicht dem Leser nicht unlieb, hier einiges Historische über diesen Gegenstand gesammelt zu sehen, und ich thue es um so lieber, da ichweiß, daß bloße Declamationen einen so verjährten Aberglauben zu vernichten kaum im Stande sind. Unter Alfonso X., König von Kastilien (e. 1250), tauchte diese Beschuldigung durch Anstiften eines Priesters in Spanien z u e r st auf; der berühmte Virgain seiner Leidensgeschichte Schebet Jehuda erzählt, um jene Zeit sei ein Priester in Spanien aufgestanden, der öffentlich gepredigt, daß die Juden das Osterfest ohne Christenblut nicht feiern können. Da diese grausenhafte Beschuldigung nun einmal wie der Hexenglaube die Runde macht, so möge der Name des ersten Verteidigers hier stehen; er hieß „P a t e r Th o m a s"; aber dann mögen auch die Worte jenes Königs Alfonso hier stehen, der zu dieser Beschuldigung feierlich sagte: sie ist nicht eine kluge, auch nicht eine dumme, aber eine verrückte. Undware dieft Lüge auch nicht von einem Priester erfunden, und wäre sie auch seit Jahrtausenden in Büchern ausgezeichnet, was könnte sie beweisen? Auch die Lüge ist unsterblich, so lange das Böse in der Welt noch nicht vertilgt ist. Was kann das beweisen, daß Mack Aurel die Christen für Zauberer erklärte (Euseb. ß. 4. c. 16), daß T acitus sie als Menschenfeinde verschrie (Annal. 15. c. 44), daß Plinius sie furchtbarer Verbrechen anklagte? Wenn aber diese Beschuldigungen auch nichts beweisen, so beweisen sie doch so viel, daß man Beschuldigungen borgen kann. Tertulian in seiner Apologie gegen die Heiden und Justin Martyr (Apol. c. 2), Eusebius und Pinedo erzählen: „daß die Heiden die ersten Christen beschuldigt haben, daß sie Menschenblut zu ihrem Osterfeste brauchen." Diese Beschuldigung ist fast um ein Jahrtausend alter, und hat zum Hintergründe die mißverstandene neutestamentliche Stelle in der Abendmalseinsetzung und die in der' Kirchengeschichte bekannte gnostische Partei, in der Hostie einen Blutstropfen zum Andenken zu mischen(8. Lexicon Antequ. Eccles. t>on A, E. Miri, 1717 s. c.). Und so.wanderte diese blutige Beschuldigung nicht blos von Jahrhundert zu Jahrhundert, sondern von Volk zu Volk, von Namen zu Namen, von den Heiden zu den Christen und von den Christen erst im neun- 17